Verhandlungen in Abu Dhabi: Selenskyj offen für Front-Einfrieren – unter drei Bedingungen
Stand: 24.10.2026, 17:30 Uhr
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Präsident Selenskyj signalisiert erstmals Bereitschaft zum Einfrieren der Front. Doch Kiew verlangt US-Garantien – und Moskau beharrt auf ganz Donezk.
Kiew/Moskau/München – Nach monatelangem diplomatischem Stillstand zeichnet sich ein neuer Anlauf für direkte Friedensgespräche zur Beendigung des Ukraine-Krieges ab. Wie die ukrainische Zeitung Kyiv Post unter Berufung auf US-Regierungskreise meldet, bereiten die USA, die Ukraine und Russland trilaterale Verhandlungen auf Arbeitsebene vor. Die Gespräche sollen ab Mitte November – voraussichtlich ab dem 10. November 2026 – in Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate) oder alternativ in der Schweiz stattfinden.
Ziel der Delegationen ist es, das Fundament für einen möglichen späteren Gipfel der Staats- und Regierungschefs zu legen. Dem geplanten Treffen gingen intensive Vorgespräche voraus: US-Sondergesandter Steve Witkoff beriet sich zunächst in Oslo mit Vertretern Kiews und traf am 21. Oktober im Konstantinpalast in St. Petersburg zu einem rund dreistündigen Gespräch mit Kremlchef Wladimir Putin zusammen. Als humanitäre Geste im Zuge dieser Kontakte ließ Moskau den inhaftierten US-Bürger Stephen Hubbard frei.

Warum diese Verhandlungen anders sein könnten als frühere Versuche
Dass die bevorstehenden Konsultationen in Abu Dhabi mehr Gewicht haben als frühere, gescheiterte Verhandlungsrunden, liegt an mehreren veränderten Rahmenbedingungen:
- Direkte US-Beteiligung am Verhandlungstisch: Anders als bei den frühen Gesprächen in Belarus oder Istanbul im Frühjahr 2022 sitzen die USA über den Sondergesandten der Trump-Administration von Beginn an direkt als Vermittler und potenzielle Garantiemacht mit am Tisch.
- Kiews veränderte Ausgangsposition: Erstmals signalisiert die ukrainische Führung offiziell Bereitschaft, von der Maximalforderung eines sofortigen russischen Komplettabzugs vor Beginn einer Waffenruhe abzuweichen und ein Einfrieren des militärischen Status quo zu prüfen.
- Diskrete Vorabstimmung statt Schau-Diplomatie: Die Verhandlungen basieren auf monatelang im Hintergrund ausgearbeiteten Friedenskonzepten von US-Unterhändler Steve Witkoff, die schrittweise mit beiden Kriegsparteien vorberaten wurden.
Kiews Bedingungen: Frontlinie einfrieren, aber kein Territorium abtreten
Präsident Wolodymyr Selenskyj stellte die ukrainische Verhandlungsposition bei einer Grundsatzrede vor dem Hudson Institute in Washington sowie in Interviews mit den US-Sendern ABC News und Fox News klar. Die Ukraine sei bereit, die Kampfhandlungen einzustellen und die Frontlinie im aktuellen Zustand einzufrieren, um weiteres Blutvergießen zu stoppen.
Selenskyj zog dabei jedoch eine unmissverständliche rote Linie: Ein Einfrieren bedeute keinesfalls eine völkerrechtliche Anerkennung der russischen Besatzung oder die formelle Abtretung ukrainischen Bodens. Der Präsident stellte klar, dass Russland derzeit 19,3 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets besetze – eine von manchen Verhandlungspapieren kolportierte Abtretung von 25 Prozent würde bedeuten, dass Kiew auch unbesetzte Teile des Donbass aufgeben müsste, was völlig ausgeschlossen sei.
Für eine dauerhafte Vereinbarung formulierte Selenskyj drei Kernforderungen:
- Einen sofortigen, international überwachten und durchsetzbaren Waffenstillstand.
- Verbindliche, vom US-Kongress ratifizierte bilaterale Sicherheitsgarantien (nach dem Vorbild von NATO-Artikel 5) als verlässliche Übergangslösung.
- Eine auf mindestens zehn Jahre angelegte internationale Finanzierung für den Erhalt einer schlagkräftigen ukrainischen Armee.
Zudem warnte Selenskyj die westlichen Partner davor, Sanktionen gegen Russland vorzeitig zu lockern oder eingefrorene russische Staatsvermögen freizugeben, bevor bindende Sicherheitszusagen und Gegenleistungen Moskaus vorliegen.

Moskaus Gegendruck: Das Beharren auf dem Donezk-Rückzug
Trotz der prinzipiellen Zustimmung zu den trilateralen Gesprächen reagiert der Kreml verhalten auf Kiews Signale. Putins Berater Juri Uschakow erklärte laut dpa, die vorliegenden Vorschläge stellten Russland noch nicht „völlig zufrieden“.
Moskau knüpft einen dauerhaften Waffenstillstand weiterhin an Maximalforderungen:
- Komplettabzug aus Donezk: Russland verlangt den vollständigen Rückzug aller ukrainischen Streitkräfte aus dem gesamten Verwaltungsgebiet Donezk – einschließlich der von der Ukraine schwer befestigten Städte.
- Vorbehalte gegen bloße Feuerpausen: Der Kreml argumentiert, eine reine Waffenruhe entlang der Frontlinie ohne territoriale Klärung diene der Ukraine lediglich dazu, militärisch „durchzuatmen“ und neue Kräfte zu sammeln.
- Ausschluss der Europäer: Kremlsprecher Dmitri Peskow stellte klar, dass europäische Partner bei den Gesprächen in Abu Dhabi zunächst außen vor bleiben und erst in einer späteren Phase zur Diskussion über eine gesamteuropäische Sicherheitsarchitektur hinzugezogen werden sollen.
Neue Verhandlungen im Ukraine-Krieg: Wie stehen die Erfolgschancen?
Wie einflussreich die Verhandlungen diesmal sein werden, bleibt fraglich. Die Front ist bereits seit Monaten festgefahren, beide Seiten erzielen kaum relevante Geländegewinne. Politisch dagegen bewegt sich die große Variable Donald Trump wieder näher an Russlands Machthaber Putin. Auch die Midterms im November werden bei allen drei Seiten eine Rolle spielen, eine Wahlschlappe von Trumps Republikanern dürfte auch Auswirkungen auf den Krieg in Europa haben.
Und Europa? Europa ist nicht an den Verhandlungen beteiligt. (Verwendete Quellen: dpa, kyivpost.ua, eigene Recherche) (spr)