Verliert Putin die Krim? Ukraine-Drohnen fegen die Schattenflotte aus dem Asowschen Meer


Stand: 14.07.2026, 21:39 Uhr

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Radaranlagen, Luftabwehrstellungen und jetzt die Tanker: Die Ukraine erkämpft sich die Hoheit im Schwarzen Meer zurück – Russland steckt im Handelskrieg.

Kiew – „Die technologische Demütigung des Imperiums geht weiter. Es wird wegen der Krim untergehen“, lässt Robert Brovdi die Welt wissen. Der britische Guardian zitiert den Kommandeur der ukrainischen Drohnenstreitkräfte, der sich siegesgewiss gibt angesichts der wachsenden Schwierigkeiten Wladimir Putins, mit seiner Schattenflotte erfolgreich zu operieren. Die neuerdings aufgekeimte Aufmüpfigkeit der Verteidiger rund um die Krim setzt den von Russland kontrollierten Tankern zu und zwingt sie zum Rückzug. Laut Analysten bricht Putins Offensivdrang im Ukraine-Krieg damit eine weitere unverzichtbare Korsettstange weg.

Ein Schlauchboot der Küstenwache fährt auf ein geentertes Schiff der russischen Schattenflotte zu.

Ärger im Anzug? Russlands Schwierigkeiten im Asowschen Meer werden Putin zwingen, seine Schattenflotte künftig häufiger durch die Ostsee zu dirigieren – für die europäischen Grenzschützer bahnen sich schwere Zeiten an: Hier die Einsatzgruppe und die Küstenwache auf dem Weg zum geenterten Schiff Sea Owl I direkt vor dem dänischen Trelleborg im März 2026 (Symbolfoto). © IMAGO / Johan Nilsson / TT News Agency

„Ein Sieg in der Ukraine wird ohne Strategien gegen Russlands illegalen Seehandel zur Aufrechterhaltung seiner Kriegswirtschaft schwer zu erreichen sein“, haben Ende 2025 Benjamin Jensen und Jose M. Macias III behauptet. Den beiden Analysten des Thinktanks „Center for International and Security Studies“ (CSIS) war wichtig zu betonen, dass die Ukraine und ihre westlichen Partner „die Idee der Handelskriegsführung und eines umfassenden Wirtschaftskriegs wiederbeleben“ müssten. Was jetzt offenbar geschieht, wie Robert Brovdi via Guardian verbreitet: Moskaus Schattenflotte voller sanktionierter Ölprodukte sei spürbar geschrumpft und vertrieben worden aus der Straße von Kertsch als Verbindung zwischen dem Asowschen und dem Schwarzen Meer.

Putin kämpft um Straße von Kertsch: Russland hängt an dieser Straße wie an einer Blutbahn

Laut dem Kiyv Independent hätten die russischen unbemannten Streitkräfte in der Nacht zum 12. Juli 14 Fahrzeuge der russischen Schattenflotte zerstört beziehungsweise versenkt. Eine Woche zuvor soll Putin in der Gegend um die Krim schon acht Fahrzeuge verloren haben. Laut dem Magazin Defense Express hätten Satellitenbilder am 12. Juli eine Konzentration von rund 25 Schiffen im Asowschen Meer ergeben, „gegenüber“ im Schwarzen Meer mehr als das Doppelte an russischen Schattentankern beziehungsweise Schleppern und anderen Hilfsfahrzeugen. Neben dem Öl werden über diese Region auch andere Güter wie Getreide oder Stahl zwischen Russland und Europa hin- und herbewegt. Russland hängt an dieser Straße wie an einer Blutbahn.

„Ein Kriegsschiffkapitän steht vor einer schwierigen Entscheidung. Soll er das Handelsschiff ,an die Seite stellen‘, also seinen Milliarden-Dollar-Zerstörer längsseits eines korrupten Tankers legen und eine Kollision riskieren? Soll er Warnschüsse vor den Bug abgeben? Mit seinen .50-Kaliber-Maschinengewehren auf die Ruder feuern? Was, wenn er dabei zivile Seeleute tötet?“

Das Land von diesem Kreislauf abzuklemmen, ist aber kaum leichter, als Putins Soldaten in den Schützengräben Einhalt zu gebieten – was auch James Stavridis bereits vor zwei Jahren beklagt hat. Für Bloomberg hatte der ehemalige Admiral und Oberbefehlshaber der NATO-Streiträfte analysiert, militärisch sei Russland definitiv nicht beizukommen; zumindest nicht durch NATO-Truppen: „Ein Kriegsschiffkapitän steht vor einer schwierigen Entscheidung. Soll er das Handelsschiff ,an die Seite stellen‘, also seinen Milliarden-Dollar-Zerstörer längsseits eines korrupten Tankers legen und eine Kollision riskieren? Soll er Warnschüsse vor den Bug abgeben? Mit seinen .50-Kaliber-Maschinengewehren auf die Ruder feuern? Was, wenn er dabei zivile Seeleute tötet?“, so seine Analyse.

Stavridis‘ Drei-Stufen-Plan lautet vielmehr: Aufklärung per Satellit, Verhängung von Geldstrafen an die Länder, die Russland unter ihrer Flagge fahren lassen, sowie letztlich das Entern der Schiffe und deren Beschlagnahme. Alles unterhalb des Eskalationsniveaus der ukrainischen Maßnahmen, weil auch militärische Machtdemonstration keine Option für die westlichen Nationen sein dürfe, so das Credo der CSIS-Analysten. Allerdings werden seit längerer Zeit Zweifel laut, inwieweit Bombenangriffe auf Öltanker neben einem kurz- oder mittelfristigen Erfolg auch ein langfristig gestecktes Ziel erreichen: Gewalt provoziert Gegengewalt. Bereits Ende vergangenen Jahres hatte der russische Diktator Wladimir Putin angedroht, in der jetzt von der Ukraine dominierten Region rund um die Krim die Kontrolle wieder an sich reißen zu wollen.

Anrainer fürchten Putins Drohung: „Die radikalste Option ist, die Ukraine vom Meer abzuschneiden“

Mit aller notwendigen Gewalt, wie ihn das Wall Street Journal zitiert: „Die radikalste Option ist, die Ukraine vom Meer abzuschneiden, dann wird Piraterie im Allgemeinen unmöglich sein.“ Putin will also die Angriffe auf die ukrainischen Häfen wieder ausdehnen – allerdings wurde seine Schwarzmeerflotte bereits von ukrainischen Drohnen vertrieben. Die Macht im Schwarzen Meer gehört eindeutig den Verteidigern. Jetzt gleitet Wladimir Putin zusehends aus den Händen, was ihm bisher als „Ausgangspunkt für die militärische Machtprojektion Russlands über das Schwarze Meer“ bedeutete, so Politico: Putin verliert die Krim. Politico-Autorin Lily Hyde führt das zurück auf den „derzeitigen Vorsprung der Ukraine bei Kampfdrohnen mittlerer Reichweite“, wie sie schreibt.

Möglicherweise hat die Ukraine erfolgreich ihren eigenen Stufenplan verfolgt: Zunächst wurden die Radar- und Flugabwehrsysteme rund um die Krim und die Straße von Kertsch ausgeschaltet; jetzt, wo in dieser Region Tür- und Tor offenstehen für ukrainische Drohnen, fehlt der Schattenflotte die Deckung. Offenbar fängt Russland insofern auf See genauso an zu improvisieren, wie zuvor an Land: Ein von Robert Brovdis Truppen veröffentlichtes Video zeige Schiffe mit Käfigen und Seilen zum Schutz vor Drohnen, so der Guardian-Autor Luke Harding – was bei den Panzern mehr schlecht als recht funktioniert hat, verfängt auf den Schiffen kaum erfolgreicher. Der Aderlass geht weiter. Wie Defense Express berichtet, habe die Ukraine innerhalb von acht Tagen mehr als 100 Schiffe angegriffen – ein Erfolg, der die Ukraine sicher zur Ausweitung ihrer Offensiven animieren wird.

Ukraine vor Riesen-Erfolg: „Krim ist der goldene Schlüssel zu Russlands imperialen Ambitionen“

Was in den Anrainerstaaten zu Besorgnis und Ärger führt – der Seekrieg zwischen der Ukraine und Russland könnte überschwappen beziehungsweise auch die wirtschaftliche Stabilität der Anrainer ins Wanken bringen. Was besonders die fragile Türkei belasten würde und deren Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zu Drohungen provoziert. Erdoğan fürchtet, dass sein Land Opfer von Kollateralschäden werden könnte. „Er sprach eine Warnung an ,alle relevanten Parteien‘ aus, ohne dies näher zu erläutern“, zitiert ihn das Wall Street Journal. Krim, Schattenflotte, Rohstoffe, Soldaten – die Ukraine steht seit mehr als zwei Jahren praktisch mit dem Rücken an der Wand, hat aber alle diese für Wladimir Putin und den Fortgang seiner als „Spezialoperation“ verbrämten Invasion benötigten Faktoren unterminiert.

„Die Krim ist der goldene Schlüssel zu Russlands imperialen Ambitionen“, zitiert Politico Ilja Pawlenko als ehemaligen hochrangigen Mitarbeiter des ukrainischen Hauptnachrichtendienstes. Würde die Krim fallen, hätte Russland auch das Schwarze Meer komplett verloren; gingen mehr Tanker in der Region in Flammen auf, müsste Russland weitere Rohstoffexporte durch die Ostsee leiten und damit die eigenen Kosten erhöhen beziehungsweise seinen Gewinn schmälern. Das Ausmaß an Nadelstichen durch die Ukraine nimmt derart zu, dass für Russland der wirtschaftliche Schaden bald untragbar sein müsste – wie das Wall Street Journal behauptet, sei keine russische Raffinerie im Binnenland mehr unbeschädigt. Sowohl die Produktion von Öl als auch der Transport der Rohstoffe werden für Russland immer prekärer.

Behält Russland möglicherweise noch im Landkrieg die Oberhand, gerät der Aggressor womöglich in naher Zukunft im Handelskrieg ins Hintertreffen. Laut dem CSIS kann Putin Krieg führen, solange das Öl fließt – aktuell bleiben Nordkorea sowie China die hauptsächlichen Profiteure der Schlacht um Transportkapazitäten. Allerdings liegt die Schwierigkeit darin, dass die USA in dieser Angelegenheit weder militärisch noch diplomatisch einen Hebel ansetzen könnten; ganz zu schweigen von den bisher zahnlosen Attacken der Europäer. Offenbar sind in diesem Fall die ukrainischen Drohnen das Mittel der Wahl, wie Benjamin Jensen und Jose M. Macias schlussfolgern: „Solange Moskau keine signifikanten Einbußen bei den Exporterlösen verzeichnet, besteht kaum ein Anreiz, den Krieg zu beenden.“ (Quellen: Center for International and Security Studies, Guardian, Kiyv Independent, Defense Express, Bloomberg, Wall Street Journal, Politico) (hz)