Vier Entwürfe, ein Favorit: Wie Dresden über die neue Carolabrücke abstimmte
Wer in Dresden über die Zukunft der Carolabrücke mitreden wollte, hatte in diesem Sommer die Gelegenheit dazu – und viele nutzten sie. Über das Online-Portal carolaVOTE beteiligten sich nach Angaben der Stadt mehr als 25.800 Menschen an der Bewertung der vier vorliegenden Entwürfe für den Wiederaufbau.
Die Bürgerbeteiligung zeigte: Der Entwurf der Arbeitsgemeinschaft aus FHECOR Deutschland und TSSB Planungsgesellschaft gefällt den Dresdnern am besten und landete auf Platz eins. Für Anwohner, Pendler und alle, die die Brücke im Alltag queren, ist das ein wichtiger Zwischenschritt. Entschieden ist damit aber noch nichts – die politische Weichenstellung folgt erst im Herbst. Wer den Wiederaufbau am Ende plant, klärt sich in den kommenden Wochen.
Warum die Carolabrücke überhaupt neu gebaut wird
Vor mehr als anderthalb Jahren stürzte ein Teil der Carolabrücke ein – ein schockierendes Ereignis, bei dem wie durch ein Wunder niemand verletzt wurde. Aber der Kollaps hat bis heute weitreichende Folgen für die Verkehrsströme zwischen Alt- und Neustadt, die sich auf die benachbarte Augustus- und auf die Albertbrücke verlagerten.
Seither läuft die Planung für einen Ersatzneubau. Vier renommierte Ingenieurbüros wurden beauftragt, parallel eigene Entwürfe zu entwickeln: die Arbeitsgemeinschaft FHECOR/TSSB; das Ingenieurbüro GRASSL mit gmp Architekten; Leonhardt, Andrä und Partner mit Knight Architects; Schüßler-Plan und DKFS.
2031 soll die neue Brücke stehen. Bis dahin muss aus vier konkurrierenden Ideen ein tragfähiges Projekt werden – und genau bei dieser Auswahl sollte die Stadtgesellschaft mitreden dürfen.
Wie die Dresdner abgestimmt haben
Die Befragung lief über mehrere Wochen im Juni und Juli 2026. Insgesamt gingen 25.887 Abstimmungen ein, rund 87 Prozent davon bewerteten alle vorgegebenen Kriterien vollständig.
Die Beteiligung war klar lokal geprägt: 84 Prozent der Teilnehmer leben in Dresden selbst. Damit stammt etwa jede sechste Stimme aus dem Umland oder anderen Regionen.
Auch soziodemografisch zeichnet sich ein Bild ab: Die Mehrheit der Teilnehmer war männlich (57 Prozent), knapp drei Viertel gehörten zur Altersgruppe zwischen 25 und 64 Jahren. Jüngere und ältere Menschen waren mit jeweils rund zehn Prozent vertreten.
Wichtig zur Einordnung: Das Portal war ausdrücklich nicht als repräsentative Umfrage angelegt. Es handelt sich um ein konsultatives Verfahren, das ein transparentes Meinungsbild liefern soll – keine bindende Abstimmung. Laut Stadt ergab die Datenprüfung keine Hinweise auf Manipulation oder automatisierte Stimmabgaben.
Wer die Brücke wie nutzt
Interessant ist auch, wer abgestimmt hat. Gut die Hälfte der Teilnehmer gab an, die Carolabrücke ein- bis dreimal pro Woche zu nutzen, rund jeder Fünfte sogar täglich.
Bei der Verkehrsmittelwahl lagen Bus und Bahn mit 32 Prozent vorn, dicht gefolgt vom Auto mit 29 Prozent. Knapp 40 Prozent waren zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs – Mehrfachnennungen waren dabei möglich.
Das Ranking der vier Entwürfe
Im Gesamtergebnis setzte sich FHECOR/TSSB knapp vor dem Entwurf von Leonhardt, Andrä und Partner mit Knight Architects durch. Mit deutlichem Abstand folgen GRASSL und gmp Architekten auf Platz drei sowie Schüßler-Plan und DKFS auf Platz vier.
Auffällig ist die Geschlossenheit des Ergebnisses. Auch wenn man nur die Dresdner Stimmen betrachtet, bleibt die Reihenfolge nahezu identisch. Das Meinungsbild trägt also unabhängig davon, ob man die Gesamtheit aller Teilnehmender oder nur die Einheimischen zugrunde legt.
Ein Blick auf die Altersgruppen bestätigt das Bild: FHECOR/TSSB dominiert in allen Altersklassen. Besonders stark fiel die Zustimmung bei den unter 24-Jährigen aus. Der zweitplatzierte Entwurf holte dagegen mit steigendem Alter der Befragten auf und erreichte in den älteren Gruppen fast einen Gleichstand.
Auch die nachrangig platzierten Entwürfe zeigten Muster. GRASSL und gmp Architekten blieben konstant auf Rang drei, verbesserten sich aber leicht bei älteren Teilnehmenden. Schüßler-Plan und DKFS wurden überwiegend auf Platz vier gesehen.
Kinder und Jugendliche wählten denselben Sieger
Nicht nur Erwachsene durften mitbestimmen. Über zahlreiche Workshops an Schulen und in Horten wurden auch junge Dresdner einbezogen. Gesetzlich verankert ist diese Beteiligung in Paragraf 47a der Sächsischen Gemeindeordnung, wonach Kommunen Kinder und Jugendliche bei Vorhaben beteiligen sollen, die ihre Interessen berühren.
Konkret fanden 15 Workshops mit Horten sowie 74 Workshops an 17 weiterführenden Schulen statt. Schüler ab der siebten Klasse lernten die vier Entwürfe kennen und erhielten Hilfe bei der Teilnahme.
Das Ergebnis der Jüngsten fiel eindeutig aus: Beim Kinder-Voting entfielen 89 Stimmen auf FHECOR/TSBB, 43 auf Leonhardt, Andrä und Partner sowie jeweils zehn auf Schüßler-Plan und GRASSL.
Den Jugendlichen war laut Auswertung besonders wichtig: viele Sitzmöglichkeiten auf der Brücke, breite Fuß- und Radwege, Bepflanzung sowie Sandstein statt Beton. Ein Radweg zwischen Autos und Straßenbahn wurde ausdrücklich abgelehnt. Das digitale Abstimmungstool selbst kam bei den jungen Teilnehmern überwiegend gut an – 970 gaben ihm den Daumen nach oben, nur acht bewerteten es negativ.
Der Dauerstreit um die Fahrspuren
Neben den Entwürfen selbst beschäftigte die Teilnehmer vor allem eine Frage: Wie viele Autospuren soll die neue Brücke haben? An der Feedbackwand in der Ausstellung im Stadtforum wurde dieses Thema am häufigsten kommentiert – insgesamt füllten Besucher dort mehr als 300 Karten aus.
Die Lager stehen sich gegenüber. Rund 314 Rückmeldungen sprachen sich für zwei Spuren aus, häufig mit Verweis auf Kosten und Verkehrswende. Etwa 141 forderten ausdrücklich vier Fahrspuren und warnten vor einer neuen „Staufalle“.
Ein großer Teil positionierte sich bewusst dazwischen. 577 Hinweise äußerten keine klare Präferenz und begrüßten flexible Lösungen. Daneben spielten in den Rückmeldungen auch Hochwassersicherheit, geringe Wartungskosten und eine zügige Bauzeit eine wichtige Rolle.
Reaktionen aus der Politik
Thomas Ladzinski, baupolitischer Sprecher der AfD-Stadtratsfraktion, begrüßt das Ergebnis: „Es war richtig und wichtig zu solch einem bedeutendem Thema eine Bürgerumfrage durchzuführen. Dies wurde auch auf Betreiben der AfD-Fraktion hin umgesetzt.“ Das Votum der Bürger für den Entwurf von FHECOR/TSSB nehme die AfD entsprechend mit in die entscheidende Stadtratssitzung. „Gerade das Votum der jüngeren Generationen bestärkt uns mit FHECOR/TSSB einen flexibel nutzbaren und damit zukunftsfähigen Brückenentwurf nun zügig zur Realisierung zu bringen.“
AfD-Stadtrat und Baupolitiker Thomas Ladzinski stellt sich hinter das Votum der Dresdner Bürger.
© Eses.Pictures,Bernd Elmenthaler/Imago
Die CDU-Stadtratsfraktion sieht in der Abstimmung ein klares Votum für die schmalste vierspurige Brücke: „Dieses Ergebnis hat für den weiteren Entscheidungsprozess ein besonderes Gewicht“, so Veit Böhm, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. „Neben dem klar erkennbaren Bürgerwillen werden jedoch auch die Empfehlungen der Expertenkommission, die aktualisierten Kostenprognosen sowie die die Einschätzung der Wirtschaftlichkeit und der Faktor Schnelligkeit sorgfältig berücksichtigt.“
Auf dieser Grundlage werde die Fraktion nach der Sommerpause eine verantwortungsvolle Entscheidung treffen, so Bettina Kempe-Gebert, baupolitische Sprecherin der CDU-Fraktion. „Dann geht es in die Gespräche mit den anderen Fraktionen. Damit Dresden schnell seine leistungsfähige Carolabrücke zurückerhält, muss der Stadtrat am 3. September abschließend entscheiden. Das ist unsere gemeinsame Verantwortung.”
Wann fällt die endgültige Entscheidung?
Die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung und die Empfehlung des Expertengremiums vom 10. Juni 2026 fließen in die Sitzung des Begleitgremiums ein, das am Dienstag, 18. August 2026 tagt. Dort wird auf dieser Grundlage eine Empfehlung an den Stadtrat abgeben.
Der vom Begleitgremium empfohlene Siegerentwurf bildet die Grundlage für den Beschlussvorschlag in der Stadtratsvorlage.
Der Stadtrat entscheidet am 3. September 2026 über die Weiterbeauftragung eines Planungsteams für den Wiederaufbau der Carolabrücke. Die Brücke soll 2031 stehen.
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