Völkerrechtler Philippe Sands erhält Friedenspreis und spendet eindringliche Worte


KOPF DES TAGES

Völkerrechtler Philippe Sands erhält Friedenspreis und spendet eindringliche Worte

Der französisch-britische Jurist und Bestseller-Autor wurde in Frankfurt ausgezeichnet. Als bekannter Anwalt setzt er sich gegen Menschenrechtsverbrechen ein

Bert Rebhandl

Ein Mann im Anzug spricht an einem Rednerpult in einer Kirche. Im Vordergrund sind unscharfe Blumen zu sehen.
In seiner Rede in der Paulskirche zu Frankfurt am Main äußerte sich Philippe Sands am Sonntag kritisch zum Krieg in Israel und Gaza.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, der immer zum Abschluss der Buchmesse in der Paulskirche zu Frankfurt am Main vergeben wird, ist ein Hochamt der Demokratie in der Bundesrepublik. Selten aber war dabei die Predigt so eindringlich wie an diesem Sonntag. Sie kam von dem Juristen und Autor Philippe Sands, der als höchst origineller Vertreter des Völkerrechts ausgezeichnet wurde – und es mit seiner ganzen Biografie auch unnachahmlich verkörpert.

Der Sohn einer Überlebenden des Holocaust, der über Wien und Frankreich eine Flucht ermöglicht wurde, kam 1960 in London zur Welt. Seine juristische Karriere ist eng mit Universitäten in England und den USA verbunden. Auf die Nuklearkatastrophe in der Ukraine 1986 reagierte er zwei Jahre später mit einer Untersuchung über Law and Communication. Seine Anwaltschaft für das internationale Wertesystem des Völkerrechts konkretisierte sich mit dem Irakkrieg und den vielen Gesetzesbrüchen in den Präsidentschaften von George W. Bush.

Zu einer global beachteten Figur wurde Sands aber vor allem, als er 2016 seine Familiengeschichte mit Überlegungen zu den Ursprüngen einer weltweiten Jurisdiktion verband: In dem erzählenden Sachbuch Rückkehr nach Lemberg legte er dar, dass die entscheidenden Kategorien „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und „Völkermord“ („Genozid“) in der Stadt einen Ursprung haben, die einst zum Habsburger-Imperium gehörte – und in der er seine Wurzeln hat.

Umfassend gebildeter Kulturmensch

Sands hat sich seither auch mit der Pinochet-Diktatur in Chile und mit britischen Kolonialverbrechen im Indischen Ozean beschäftigt. Er schreibt für große internationale Zeitungen, nutzt das Medium Film zur Verbreitung seiner Thesen. Für 2027 ist ein Buch über seine Überlegungen zu Ökoziden angekündigt, das für eine Parteistellung der Natur im Völkerrecht eintreten wird.

In der Paulskirche zeigte sich Sands als umfassend gebildeter Kulturmensch, der sich auf Johann Sebastian Bach, Leonard Cohen, Sebastian Haffner, Roberto Bolaño und viele andere Stimmen bezog. In Anwesenheit seiner Frau, mit der er drei Kinder hat und in London lebt, verriet er nebenbei, dass ihm von der altösterreichischen Geschichte auch eine Vorliebe für Schnitzel und Strudel geblieben ist.

Lockeren Nebensätzen ließ er aber glasklare Aussagen folgen, denen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Teil den Applaus verweigerte: Der 7. Oktober war ein Pogrom, aber Israel überschreitet mit seinem Krieg die Grenzen des Rechts. Dazu dürfe die deutsche Demokratie nicht schweigen. (Bert Rebhandl, 11.10.2026)

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