Minuszuwanderung in Österreich: Regierung meldet historische Wende
Von der Masseneinwanderung zur «Minuszuwanderung»: Österreich meldet erstmals mehr Ausreisen als Asylanträge
Die Reduktion ist auch hausgemacht: Rückkehrer erhalten Geld, und der Familiennachzug wurde ausgesetzt. Aber Wien profitiert auch von einem gesamteuropäischen Trend. Es gibt weniger Asylanträge.
Georg Renner, Wien28.08.2026, 13.43 Uhr
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Deutsche Bundespolizisten kontrollieren am 24. Oktober 2023 in Freilassing Passagiere eines aus Österreich einreisenden Zuges. Die Zahl der Asylanträge hat in diesem Jahr stark abgenommen.
EPA
Zwei Dutzend Migranten wurden in den letzten Tagen per Zug und Bus aus Österreich zurück nach Italien gebracht, wo sie das erste Mal EU-Territorium betreten hatten. Gemessen an den absoluten Zahlen der Asylbewerber, die seit der grossen Migrationswelle 2015 nach Österreich gekommen sind, mag das eine Randnotiz sein. Politisch ist es das aber nicht.
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Rom hatte solche Dublin-Rückführungen im Dezember 2022 einseitig ausgesetzt. Seit dem 12. Juni, seit der neue EU-Asyl- und Migrationspakt gilt, pochen nebst der Schweiz und Deutschland auch Wien, Helsinki und Stockholm auf die alte Regel, wonach der Staat der ersten Einreise für das Verfahren zuständig ist. Und auch wenn in Rom Vertreter von Giorgia Melonis Regierung bereits gegen diese neue alte Praxis poltern: «Auf Behördenebene funktioniert die Zusammenarbeit bei diesen Rückführungen sehr gut», heisst es aus dem österreichischen Innenministerium zur NZZ.
Hausgemachte Gründe und Trends
Für Österreich fügt sich das in ein Bild, das die Regierung in Wien seit Wochen zeichnet: Das Land steuert auf das erste Jahr zu, in dem mehr Menschen ausser Landes gebracht werden, als Asylanträge gestellt werden. Bis Ende Juli standen 5743 neuen Anträgen – die niedrigste Zahl seit 23 Jahren – 8856 Ausreisen illegal ansässiger Migranten gegenüber, rund die Hälfte davon erfolgte zwangsweise.
Hält dieser Trend an, dreht die Bilanz im Gesamtjahr 2026 erstmals seit Jahrzehnten ins Minus. 2025 war es noch knapp umgekehrt: Gut 16 000 Anträgen standen rund 14 000 Ausreisen gegenüber, damals bereits ein Rekord. Zum Vergleich: 2022, auf dem Höhepunkt von Familienzusammenführung und Asylmigration über die Balkanroute, zählte Österreich mehr als 112 000 Asylanträge.
Innenminister Gerhard Karner von der bürgerlichen ÖVP hat dafür einen Begriff übernommen, der lange der rechtspopulistischen FPÖ gehörte: «Minuszuwanderung». Den Begriff «Remigration», der von den Freiheitlichen aus extremeren Kreisen übernommen wurde, lehnt man dagegen ab.
Für die Rückkehr nach Syrien gibt es Geld
Die Gründe für diese – aus Sicht des Ministers erfreuliche – Bilanz sind zum Teil hausgemacht. Der Familiennachzug zu Asylberechtigten ist seit 2025 ausgesetzt; kamen im ersten Halbjahr 2024 noch über 6000 Menschen auf diesem Weg, waren es im ersten Halbjahr 2026 nur mehr 48. Zudem schiebt Österreich seit dem Sturz des Asad-Regimes in Einzelfällen wieder nach Syrien ab. Und wer freiwillig dorthin zurückkehrt, dem bietet die Republik noch bis September eine «Rückkehrprämie» von bis zu 3000 Euro.
Starken Einfluss hat aber auch der gesamteuropäische Trend: In Deutschland beispielsweise sind die Erstanträge im ersten Halbjahr um 35 Prozent gesunken. Nur noch 1,6 Prozent aller Asylanträge in der EU entfallen auf Österreich, das damit pro Kopf an zwölfter Stelle liegt – ein Paradigmenwechsel, lag die Republik in den vergangenen Jahren doch meist gemeinsam mit Deutschland und Schweden an der Spitze der Statistik.
Die Rechnung des Ministers ist allerdings umstritten. Der NGO-Dachverband Asylkoordination Österreich hält ihm vor, Äpfel mit Birnen zu vergleichen: Die «Ausreisen» umfassten alle Drittstaatenangehörigen ohne Aufenthaltsrecht, nicht nur abgelehnte Asylsuchende. Stellt man nur Erstanträge und abgeschobene ehemalige Asylsuchende gegenüber, wie es das Ministerium selbst tut, bleibt für das erste Halbjahr ein Verhältnis von rund 2000 zu 2200 – negativ, aber deutlich knapper als die amtlichen Zahlen. Auch die Herkunftsländer decken sich kaum: Die meisten Anträge stellen Syrer und Afghanen, abgeschoben wird vor allem in andere europäische Staaten. Die FPÖ wirft Karner «Zahlentricksereien» vor und verweist auf steigende Einbürgerungen; im ersten Halbjahr wurden allein 2319 Syrer zu Österreichern – damit stellten sie die stärkste Nationalität unter den Neo-Staatsbürgern.
Karner setzt darauf, dass Europa mit dem EU-Asylpakt wieder «Herr im eigenen Haus» wird. Sein Regierungs-, Partei- und ehemaliger Ministerkollege Magnus Brunner spielt dabei als Migrationskommissar in Brüssel eine führende Rolle. Bis Jahresende will man sich in Wien im Verbund mit Deutschland, Dänemark, Griechenland und den Niederlanden auf einen Drittstaat für «Rückkehrzentren» ausserhalb der EU festlegen.
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