„Von oben nach unten diktiert“: Turbo-Gewerbegebiet an der Mosel: Bauern fühlen sich übergangen
„Von oben nach unten diktiert“ Turbo-Gewerbegebiet an der Mosel: Bauern fühlen sich übergangen
Altrich/Osann-Monzel · Landwirte sprechen vom Verlust der wertvollsten Ackerflächen, die Landesregierung ziehe sie über den Tisch. Eskaliert der Streit um das Turbogewerbegebiet in Osann-Monzel und Platten?
21.09.2026 , 08:18 Uhr
Die Altricher Landwirte Daniel, Timo und Christian Graf bewirtschaften in der Wittlicher Senke Ackerflächen zur Herstellung von Biogas.
Foto: TV/Christian Moeris
100 Hektar wertvolle Ackerfläche stehen auf dem Spiel – und damit die Existenz des Betriebs. Die Altricher Landwirte Christian Graf (57) und seine beiden Söhne Daniel (36) und Timo (27) beobachten die Planungen für das Turbo-Gewerbegebiet, das die Landesregierung neben ihrem Hof auf Flächen der Gemeinden Platten und Osann-Monzel schaffen will, mit großer Sorge.
Turbo-Gewerbegebiet an der Mosel: Wurde die Planungsgemeinschaft Region Trier vom Land „erpresst“?
Die betroffenen Landwirte vor Ort, der Bauern- und Winzerverband (BWV) Bernkastel-Wittlich sowie Bauernpräsident Marco Weber vom BWV Rheinland-Nassau stellen sich die Frage, was ihre Mitsprache noch wert ist. Sie bezweifeln außerdem, dass das Planungsverfahren demokratisch abläuft. Besonders wütend macht sie der Umgang mit ihren Interessen in der Planungsgemeinschaft Region Trier.
Zur Unterstützung der Landwirte vor Ort in ihrem Kampf gegen ein weiteres Gewerbegebiet auf wertvollen Ackerflächen in der Wittlicher Senke sind beim Pressetermin dabei: Pascal Kersten (Zweiter von links), Geschäftsführer des BWV Bernkastel-Wittlich, Harald Schneider (Dritter von links), Vorsitzender des BWV Bernkastel-Wittlich, Dieter Lausberg (Zweiter von rechts), stellvertretender Vorsitzender des BWV Bernkastel-Wittlich, und Marco Weber (rechts im Bild), Präsident des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Nassau.
Foto: TV/Christian Moeris
In diesem Gremium arbeiten verschiedene Landkreise zusammen, um den Raumordnungsplan für die Region zu erarbeiten. Er regelt unter anderem, wo Vorrangflächen für die Landwirtschaft liegen – und wo nicht. Im Dezember soll der neue Plan beschlossen werden. Doch die Bauern behaupten, das Gremium sei von der Landesregierung „erpresst worden“, wie Bauernpräsident Weber sagt.
Landwirte: „Unsere Stellungnahme hat kein Gewicht mehr“
Auf Druck aus Mainz habe die Planungsgemeinschaft im August beschlossen, die Flächen in Platten und Osann-Monzel, auf denen das Turbo-Gewerbegebiet geplant ist, herabzustufen. „Aus Vorrangflächen für die Landwirtschaft wurden Vorbehaltsflächen. Damit haben wir im Planungsverfahren kaum noch Mitspracherecht. Ein Zielabweichungsverfahren ist dann nicht mehr möglich und unsere Stellungnahme hat kein Gewicht mehr“, sagt Harald Schneider, Vorsitzender des BWV in Bernkastel-Wittlich.
Bauernpräsident Weber ergänzt: „Das Wirtschaftsministerium hat die Planungsgemeinschaft erpresst und gesagt: Wenn ihr die Herabstufung der Flächen nicht beschließt, dann genehmigen wir euren Raumordnungsplan im Dezember nicht.“ Man komme sich nicht mehr vor wie in einer Demokratie, sagt Schneider, „sondern als würde von oben nach unten diktiert“.
Die Landwirte sehen darin eine Umkehr dessen, was Regionalplanung aus ihrer Sicht leisten soll: „Das ist normalerweise ein demokratischer Prozess, der von unten nach oben verläuft: Von den Interessen der Ortsgemeinden über die Verbandsgemeinde und den Landkreis bis hin zur Planungsgemeinschaft, wo die Interessen zusammengeführt werden“, sagt Weber.
Bauernpräsident Marco Weber: „Irgendwann ist mal Feierabend!“
Es gehe den Landwirten aber auch um die Art und Weise, wie man mit ihnen umgehe, sagt Schneider: „Wenn die Wälder brennen, sind wir Landwirte die Helden, weil wir mit unseren Güllefässern Wasser zu den Einsatzorten fahren und helfen. Am nächsten Tag – so fühlt sich das jetzt für uns an – schießt uns die Politik dann von hinten ins Knie.“
Dabei betonen die Landwirte, sie seien weder grundsätzlich gegen Gewerbegebiete noch gegen Straßen oder neue Wohnhäuser. In der Vergangenheit hätten sie viele Kompromisse mitgetragen. Als Beispiele für ihren Flächenverlust nennen sie die B50-Neu mit dem Hochmoselübergang, Gewerbeentwicklungen bei Wittlich und im Industriepark Region Trier bei Föhren sowie unzählige Freiflächen-Photovoltaikanlagen. Nun aber konzentrierten sich zu viele Vorhaben auf die Wittlicher Senke und damit auf die wichtigsten landwirtschaftlichen Böden in der Eifel-Mosel-Region. „Irgendwann ist mal Feierabend“, sagt Weber.
Biogas-Bauern Graf in Altrich bangen um ihre Ackerflächen
Wie sich der Druck auf einen Betrieb auswirken kann, beschreibt Landwirt Christian Graf. Er übernahm den Hof in Altrich 2006 von seinem Vater. Zuvor standen Gemüse und Kartoffeln im Mittelpunkt. 2008 folgte der Bau einer Biogasanlage. Heute gehören Ackerbau, Biogas und die Produktion von Biomasse zum Kerngeschäft.
Mit Daniel und Timo steht die nächste Generation bereit zur Übernahme des Betriebs. Ausgerechnet diesem Hof droht nun der Verlust von rund 100 Hektar, sagt Graf. Das gefährde die Wirtschaftlichkeit. Die Familie sieht darin auch einen Widerspruch zur politisch gewollten Energiewende: Sie erzeuge regionales Biogas, brauche dafür aber eine verlässliche Flächengrundlage.
Appell: Standorte für Gewerbegebiete über Gemeindegrenzen hinaus vergleichen
Weiter entfernte Äcker wären nach Grafs Rechnung kein gleichwertiger Ersatz. Bei einer hofnahen Ernte kalkuliert er mit acht Euro je Tonne. Bei zehn Kilometern Entfernung könnten daraus 22 Euro pro Tonne werden. Längere Wege bedeuteten mehr Diesel, Aufwand und eine schlechtere CO2-Bilanz. Zugleich steigen die Pachtpreise wegen der Flächenkonkurrenz.
Die Landwirte verlangen deshalb eine fairere Lastenverteilung, erklärt Pascal Kersten, Geschäftsführer des BWV Bernkastel-Wittlich. Standorte für Gewerbegebiete müssten über Gemeindegrenzen hinaus verglichen werden. „Es darf da kein Kirchturmdenken mehr geben.“ Auch beim Naturschutz wünschen sie sich mehr Spielraum.
Kersten sagt: „Es gibt keinen Mangel an Flächen. Es gibt einen großen Flächenpool extensiv genutzter Grünland- und Natura-2000-Flächen. Auf diesen Flächen muss es beispielsweise auch möglich werden, Photovoltaikanlagen zu bauen, die dem Klimaschutz dienen.“
Für die Bauern ist außerdem unverständlich, dass in der Nachbargemeinde Maring-Noviand (VG Bernkastel-Kues) ein Flächennutzungsplan für ein 65 Hektar großes Gewerbegebiet vorliegt, aber nicht umgesetzt wird.
„Warum muss man dann mit Osann-Monzel und Platten noch einmal von vorne mit der Planung anfangen? In Maring-Noviand könnte man, wenn die Ortsgemeinde zustimmen würde, direkt loslegen. Die Pläne dort sind bereits mit der Landwirtschaft abgestimmt“, sagt Weber.
Dann müsste man auch nicht die Existenz der landwirtschaftlichen Betriebe gefährden, die auf den Flächen in Platten und Osann-Monzel Ackerbau betreiben.
Unsere Redaktion hat auch das Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Energie und Klima sowie die Verbandsgemeindeverwaltung Wittlich-Land um ihre Stellungnahmen zum Thema gebeten. Ein weiterer Bericht folgt.