Von wegen Beteiligung: Wie Berlin in Rahnsdorf Bürger vor vollendete Tatsachen stellt


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1700 Stellungnahmen – und doch ändert sich kaum etwas. Das Bauprojekt Kaserne Hessenwinkel macht deutlich: In Berlin dient Bürgerbeteiligung häufig nur als Feigenblatt. Die Bürger dürfen sich äußern, doch die zentralen Weichenstellungen – 450 Wohnungen, Komplettabriss, Standardplanung – wurden bereits im Vorfeld zwischen der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land und dem Bezirksamt beschlossen. Es ist ein Musterbeispiel für die Illusion der Mitsprache: Man hört zu, doch die Planung bleibt unverändert.

Fast 1700 Stellungnahmen zu einem Bebauungsplan sind kein gewöhnlicher Vorgang. So viele Äußerungen gingen im Frühjahr 2025 zur geplanten Bebauung der ehemaligen Kaserne Hessenwinkel in Berlin-Rahnsdorf ein.

Die Einwände betrafen keineswegs nur die Höhe der Häuser. Die Bürger thematisierten Waldabstände und Natur, aber ebenso Verkehr, Schulen, soziale Infrastruktur, den vollständigen Abriss der vorhandenen Gebäude und die Frage, ob die geplante Dichte überhaupt zum Standort passt.

Das Ergebnis einer politischen Festlegung

Ein Teil der Kritik blieb nicht folgenlos. Die zunächst vorgesehenen sieben- und achtgeschossigen Wohngebäude wurden auf überwiegend fünf bis sechs Geschosse reduziert. Später verlangte das Bezirksamt wegen zu geringer Abstände zum angrenzenden Wald sogar eine erneute Überarbeitung des städtebaulichen Konzepts.

Dies zeigt, dass Beteiligung etwas bewirken kann. Es wirft aber auch eine grundsätzlichere Frage auf: Warum werden wesentliche Standortkonflikte erst erkannt, nachdem ein weitgehend ausgearbeitetes Konzept bereits vorliegt?

Berlin braucht Wohnungen. Auch viele Kritiker des Vorhabens bestreiten das nicht. Auf dem rund 4,7 Hektar großen Gelände sollen etwa 450 Wohnungen, eine Kita und eine Quartiersgarage entstehen. Der Stadtentwicklungsplan Wohnen 2040 des Landes Berlin weist für den Standort ein Potenzial von 200 bis 499 Wohnungen aus. Diese Spanne ist aufschlussreich. Sie verdeutlicht: Die Zahl von 450 Wohnungen ist keine naturgegebene Größe, sondern das Ergebnis einer politischen Festlegung – und zwar einer, die von Beginn an getroffen wurde.

Warum wird eine Zahl nahe der Obergrenze als unverrückbar behandelt, obwohl Umweltprüfungen und Gutachten noch ausstehen? Die Antwort ist naheliegend: Weil Planungsprozesse in Berlin häufig nicht ergebnisoffen starten, sondern mit feststehenden Vorgaben.

Die Schwäche vieler Planungsverfahren

Gerade deshalb sollte die Wohnungszahl nicht faktisch am Anfang des Prozesses feststehen. Sie müsste vielmehr das Ergebnis einer Abwägung sein: Wie viel Bebauung verträgt der Standort, wenn Natur, Bestand, Verkehr, Schule, soziale Infrastruktur und Wirtschaftlichkeit gemeinsam betrachtet werden? Genau hier liegt eine Schwäche vieler Planungsverfahren. Die Zahl der Wohnungen ist früh erstaunlich konkret. Bei den Voraussetzungen dafür wird dagegen häufig noch geprüft, untersucht und abgestimmt.

Besonders deutlich wird dieses Spannungsfeld im Bereich Schule – und hier offenbart sich die Realitätsferne der Planung. Für die geplanten 450 Wohnungen errechnet das zuständige Schulamt einen zusätzlichen Bedarf von 49 Grundschulplätzen. Die Schule an den Püttbergen ist die einzige Grundschule in der Schulplanungsregion Rahnsdorf/Hessenwinkel. Sie wird bis zum Schuljahr 2026/27 auf vier Züge erweitert.

Danach ist nach Aussage des Schulamtes jedoch keine weitere Erweiterung möglich, weil die schulische Infrastruktur einschließlich Sportanlagen und Essensversorgung dafür nicht ausgelegt ist. Die nächste Grundschule im benachbarten Friedrichshagen liegt rund sechs Kilometer entfernt. Eine Anpassung der Einschulungsbereiche löst das Problem wegen der besonderen geografischen Lage Rahnsdorfs deshalb kaum.

Auf dem ehemaligen Gelände der Kaserne Hessenwinkel sollen 450 Wohnungen entstehen. Stellt sich die Frage, ob die geplante Verdichtung überhaupt zum Standort passt.

Auf dem ehemaligen Gelände der Kaserne Hessenwinkel sollen 450 Wohnungen entstehen. Stellt sich die Frage, ob die geplante Verdichtung überhaupt zum Standort passt.

© Bernd Friedel/Imago

Infrastruktur ist kein Zubehör

Doch damit nicht genug. Das Schulamt geht von zwei Annahmen für die Realisierbarkeit des Projekts aus. Erstens: Die 49 zusätzlichen Schulplätze dürfen nicht überschritten werden. Das bedeutet konkret: Es dürfen nur so viele Familien mit schulpflichtigen Kindern einziehen, dass die Gesamtzahl der zusätzlichen Schulkinder diese 49 Plätze nicht übersteigt. Zweitens: Die heutige Schülerzahl von 666 Kindern (Stand Schuljahr 2026/27) muss bis zum Bezug der Wohnungen um etwa 15 Prozent sinken – also auf etwa 566 Kinder.

Dieses Beispiel macht ein grundlegendes Problem deutlich: Die Planung basiert auf idealisierten Annahmen, die in der Praxis kaum haltbar sind. 450 Wohnungen bedeuten nicht einfach 49 zusätzliche Schulkinder, sondern zusätzliche Familien, zusätzliche Bedarfe und damit verbundene Risiken. Eine Planung, die diese Faktoren unberücksichtigt lässt, kann nicht als verantwortungsvoll bezeichnet werden.

Ähnlich sieht es beim öffentlichen Nahverkehr aus. Die Senatsverwaltung stellt zwar fest, dass das Gebiet grundsätzlich mit dem ÖPNV erschlossen ist. Zugleich bezeichnet sie die geplante hohe Verdichtung ausdrücklich als große Herausforderung. Zusätzliche Busverkehre können wegen der Haushaltslage und der eingeschränkten Leistungsfähigkeit der BVG mittelfristig nicht bestellt werden.

Hinzu kommt die Verkehrssicherheit. Für die Fürstenwalder Allee wird im Zusammenhang mit der geplanten Kita eine Mittelinsel oder ein Fußgängerüberweg empfohlen – derzeit fehlt dort eine entsprechende Querungsmöglichkeit.

Das sind keine Randfragen. Wer Hunderte Wohnungen plant, plant damit zusätzliche Schulwege, Busfahrten, Autofahrten, Radverkehr und Fußverkehr. Infrastruktur ist kein Zubehör zum Wohnungsbau. Sie ist eine seiner Voraussetzungen – oder sein größtes Risiko.

Ortskenntnis ergänzt Gutachten – wird trotzdem ignoriert

Genau hier liegt der Wert guter Bürgerbeteiligung. Planer, Behörden und Gutachter bringen unverzichtbare Fachkenntnisse mit. Bürger kennen dagegen die alltägliche Realität eines Ortes: überfüllte Busse, schwierige Straßenquerungen, Schulwege, Verkehrsengpässe, feuchte Senken, alte Bäume oder Wege, die auf keinem Planungsschema eine besondere Rolle spielen.

Dieses Wissen ersetzt kein Fachgutachten. Aber es kann früh zeigen, welche Fragen überhaupt untersucht werden sollten – wenn man es denn zulässt.

Rahnsdorf liefert dafür ein gutes Beispiel. Bürger hatten früh auf problematische Waldabstände hingewiesen. Später stellten die Berliner Forsten für rund 2,3 Hektar innerhalb des Plangebiets Waldeigenschaft fest. Für Teile des angrenzenden Bestands wurden deutlich größere Abstände empfohlen; zum östlichen Buchenbestand lagen sie im Konzept der Stadt und Land teilweise nur bei etwa zehn bis siebzehn Metern. Das Bezirksamt verlangte daraufhin eine erneute Überarbeitung.

Hier geht es nicht um nachträgliche Bestätigung, sondern um ein strukturelles Defizit: Die Hinweise der Bürger wurden zwar formal registriert, aber in der konkreten Planung nicht berücksichtigt – bis die Behörden die gleichen Probleme bestätigten. Die erforderliche Überarbeitung des Konzepts kam erst nach monatelangen, anhaltenden Bürgerprotesten zustande. Hätte man das lokale Wissen der Anwohner von Beginn an systematisch einbezogen, wären viele der späteren Konflikte vermeidbar gewesen. In Berlin wird Bürgerwissen jedoch meist erst dann berücksichtigt, wenn öffentlicher Druck entsteht.

Beim Gebäudebestand fehlen echte Varianten

Dasselbe gilt für die vorhandenen Kasernengebäude. Stadt und Land verweist auf Schadstoffe, Feuchtigkeit, Korrosion, ungeeignete Grundrisse und wirtschaftliche Nachteile einer Nachnutzung. Solche Argumente müssen ernst genommen werden. Nicht jedes alte Gebäude ist sinnvoll zu erhalten.

Für eine nachvollziehbare Entscheidung wäre jedoch ein transparenter Vergleich verschiedener Varianten hilfreich: kompletter Abriss und Neubau, Teilerhalt, Umnutzung oder Mischformen – jeweils nach denselben Kriterien wie Kosten, Bauzeit, erreichbare Wohnfläche, Schadstoffsanierung und CO₂-Bilanz.

Die Forderung kann daher nicht „Erhalt um jeden Preis“ lauten, sondern muss lauten: Transparenz vor Entscheidung. Warum wird der Komplettabriss als einzige Option dargestellt, obwohl Alternativen existieren? Warum bleibt das Gutachten zum Erhalt und Umbau der Kasernengebäude unveröffentlicht? Weil in Berlin häufig nicht die optimale Lösung im Vordergrund steht, sondern die einfachste.

Das gilt auch für das von Stadt und Land eingesetzte Typenhauskonzept. Standardisierte Gebäude können Kosten senken und den Wohnungsbau beschleunigen. Aber ein ehemaliges Kasernengelände am Berliner Stadtrand stellt andere Anforderungen als eine innerstädtische Baulücke. Nicht der Ort sollte sich dem Bausystem anpassen. Das Bausystem muss sich dem Ort anpassen.

Das ist keine Alibi-Veranstaltung – oder doch?

Berlin benötigt keine symbolische Beteiligung, sondern echte Mitgestaltung. Es braucht keine bereits finalisierten Pläne, die nachträglich zur Diskussion gestellt werden, sondern ergebnisoffene Verfahren, in denen Bürger von Beginn an einbezogen werden.

Am Beginn eines Projekts sollten mehrere ernsthafte Varianten stehen. Verwaltung, Vorhabenträger, Fachleute und Bürger könnten dann gemeinsam betrachten, welche Folgen unterschiedliche Wohnungszahlen und Bebauungsformen für Schule, Verkehr, Natur, Bestand und Infrastruktur haben.

Bürgerbeteiligung wird häufig als zusätzlicher Aufwand wahrgenommen. Richtig organisiert kann sie jedoch das Gegenteil bewirken. Früh erkannte Probleme müssen später nicht teuer korrigiert werden. Konflikte verhärten sich weniger. Entscheidungen werden nachvollziehbarer. Vor allem aber steigt die Akzeptanz.

Menschen akzeptieren Veränderungen eher, wenn sie nachvollziehen können, warum eine bestimmte Lösung gewählt wurde – und wenn sie erleben, dass ihre Hinweise nicht nur entgegengenommen, sondern ernsthaft geprüft und umgesetzt werden.

Das ist gerade beim dringend benötigten Wohnungsbau von großer Bedeutung. Bürgerbeteiligung und Wohnungsbau sind keine Gegensätze. Gute Bürgerbeteiligung kann vielmehr dazu beitragen, dass Wohnungsbau dauerhaft akzeptiert wird – aber nur, wenn sie mehr ist als eine Inszenierung.

Was Bürgerbeteiligung letztlich sein sollte

Hessenwinkel könnte dafür noch immer ein Beispiel werden. Dafür müssten die rund 450 Wohnungen allerdings nicht länger als nahezu unveränderlicher Ausgangspunkt verstanden werden. Am Anfang sollte vielmehr die Frage stehen: Welche Bebauung ist an diesem besonderen Standort langfristig tragfähig – für die neuen Bewohner ebenso wie für den bestehenden Ortsteil?

Erst wenn diese Frage gemeinsam geklärt wird, entsteht aus Beteiligung echte Mitgestaltung. Und erst dann wird Bürgerbeteiligung in Berlin nicht länger als lästiges Anhängsel betrachtet, sondern als das, was sie sein sollte: ein zentrales Element demokratischer Planung.

Andrea Krauß engagiert sich als Vertreterin des Bürgervereins Wilhelmshagen-Rahnsdorf e.V. im Beteiligungsverfahren zum Bebauungsplan 9-100 VE „Kaserne Hessenwinkel“.

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