Vorschläge zur Nutzanwendung des Philosophen Michel Foucault
100. Geburtstag
Vorschläge zur Nutzanwendung des Philosophen Michel Foucault
Am Donnerstag wäre der französische Star-Denker hundert Jahre alt geworden. Seine Schriften eignen sich vorzüglich zur Bestimmung unserer Gegenwart
Ronald Pohl
Die Vervollständigung von Michel Foucaults Forschungsarbeit wurde 1984 durch den Aids-Tod des Philosophen (1926-1984) unterbunden. Seitdem steht das Archiv wie unter Verlautbarungszwang. Foucaults Werk, diese nicht abreißende Folge von Analysen der Macht, des Menschen sowie beider Verlautbarungsformen, ist in einen Zustand nicht enden wollender Wucherung übergegangen. Kaum ein Jahr vergeht, in dem nicht unbekanntes Material die Foucault’sche Denkfabrik – viele Jahre nach ihrer Stilllegung – verlässt. Insbesondere der „späte“ Foucault, der rund um das Projekt Sexualität und Wahrheit ein Netz der Bezüge zwischen Subjekt und Sexus spann, hinterließ eine Vielzahl von sehr weitgehend fertiggestellten Manuskripten.
Jüngst nach draußen gespült: Die Hermaphroditen, worin der Analytiker der Macht in den 1970ern noch einmal die normierende Kraft des Gesetzes beschwor. Die Zuschreibung der geschlechtlichen Identität wurde, so Foucault, schon um 1600 in Kategorien des Wissens vorgenommen. Ob jemand wegen Sodomie und „Transvestismus“ dem Tode verfiel, hing ab von der Klärung der Frage durch den Arzt. Es war der Blick des Mediziners, der die Tatsache schuf. Erst als solche fand sie durch die Justiz nachträgliche Anerkennung. Damit resultiert aus der völlig schematischen Unterscheidung in Männer und Frauen eine unumstößliche, weil anatomisch „korrekte" Wahrheit.
Kraft des Diskurses
Hier ist wiederum, wie so häufig beim Ideen-Archäologen Michel Foucault, die normsetzende Kraft des Diskurses am Werk. Kein anderer Philosoph hat sich, durch alle Wandel und Häutungen hindurch, erfolgreicher der Zumutung widersetzt, das „große Ganze“ als ein einheitliches System zu denken. Er lehnte es durchwegs ab, Chimären wie „Subjekt“ oder „Sprache“ als letztbegründende Instanzen in Anspruch zu nehmen. Man schalt den kahlköpfigen Charismatiker, der in Clermont-Ferrand genauso beredt über die „Lüste“ referieren konnte wie in Tunis oder São Paulo, deswegen einen „Anti-Humanisten“.
Foucault ließ sogar die Strukturalisten hinter sich, er schlug stattdessen blitzartige Haken hinein ins Feld gesellschaftlicher Praxis. Dieses rollte er seit Beginn der 1960er gleichsam von hinten auf. Durch die geduldfördernden Techniken der „Archäologie“ förderte er eine Vielzahl von Praktiken zutage: Schliche der Macht, Setzungen durch solche, die Recht sprachen und dessen Satzungen zum Durchbruch verhalfen. Foucault vergrub sich in die Zettelwirtschaft der Neuzeit. Er fand heraus, wie Irrenhäuser, Gefängnisse und Quarantänelager mithalfen, jene Subjekte zu schaffen, die man anschließend, durch tausenderlei Akte der Disziplinierung, gängeln und in Atem halten konnte. Schlichte Dokumente nannte er „Monumente“, und aus deren Entzifferung gewann er die Mittel der Diskursanalyse. In deren kaltem Licht zerfiel das gehätschelte Liebkind des Abendlandes, das einzig und allein sich und seinem Moralgesetz verpflichtete Subjekt, in hunderttausend Spiegelscherben.
Plausibler Weg
Und doch führt ein plausibler Weg von Der Geburt der Klinik (1963) bis zu Sexualität und Wahrheit (1976/84), dem Versprechen, durch Rückbesinnung auf antike Handlungsmuster ein Subjekt der eigenen Lüste zu kultivieren. An dieser Stelle sei nicht verschwiegen, dass der Homosexuelle Foucault selbst posthumen Vorwürfen der Pädophilie ausgesetzt war. Sie konnten nicht bewiesen werden. Was hätte Michel Foucault nun den angstgeplagten Teilnehmern des Spätkapitalismus mitzuteilen gehabt? Allerhand, oder jedenfalls: eine ganze Menge.
Foucault hat, mit seiner geduldigen Rekonstruktion der Quarantänelager in der frühen Neuzeit, mitgeholfen, die Corona-Pandemie zu verstehen. Es ist der medizinische Sanitärdiskurs, der an der Entstehung des Subjekts maßgeblich beteiligt war. Damit verhält es sich heute kaum anders. Macht ist strukturiert durch ihre Vielzahl an Möglichkeiten, in die Gesellschaft einzugreifen. Zugleich strukturiert sie deren „Handlungsfelder“.
Disziplinierungen
Foucault hat mit Blick auf Instanzen der Disziplinierung von der Machtausübung gesprochen. Die verinnerlichte Disziplin, vor allem aber Instrumente des Blickens wie des Angeblickt-Werdens bringen uns Subjekte überhaupt erst hervor. Man darf dabei ruhig an Social Media denken! Die geduldige Re-Lektüre der Schriften Foucaults lehrt eindrucksvoll, dass es politisch nichts bringt, sich mit der Ausrufung von Schurken zu beschäftigen, auch wenn diese subjektiv als böswillig erscheinen oder, mit Rücksicht auf das Weiße Haus, als objektiv dement. Gefragt ist eine Art Mustererkennung, die geduldige Erschließung von Ursachen, die Rekonstruktion ihrer Entstehung.
Zuletzt schließlich brach Foucault gegen Ende seines Wirkens eine Lanze für das Subjekt. Lange erschien ihm dieses vornehmlich ein Effekt der es prägenden Kategorien, derjenigen von Leben, Arbeit und Sprache. Heute kommt jede Gesellschaftstheorie, die auf sich hält, schwerlich ohne Foucaults Inputs aus. Man denke an Andras Reckwitz‘ Konzept der „Singularitäten“. Wie vieler Veränderung und „Konversionen“ bedarf ein Subjekt, um als bewusst handelndes alle seine Potenziale abrufen zu können? Eines hätte Foucault, der diesen Donnerstag 100 Jahre alt geworden wäre, mit einiger Wahrscheinlichkeit gewusst. Durch die Zuhilfenahme von KI lässt sich das Subjekt womöglich nur unvollständig realisieren. (Ronald Pohl, 15.10.2026)
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