Erster Besuch in Frontnähe: Wadephul trotzt Luftalarm in Charkiw – und macht Ukraine Hoffnung auf Patriot-Raketen


Wadephul in Charkiw unter Dauerbeschuss: „Die Lage ist dramatisch“

Stand: 25.08.2026, 22:55 Uhr

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Wadephul sagt der Ukraine 50 Millionen Euro zu und will weitere Patriot-Raketen organisieren. Man lasse sich in seiner Unterstützung der Ukraine nicht einschüchtern.

Kiew – Charkiw, die zweitgrößte Stadt der Ukraine, liegt nur rund 30 Kilometer von der Front entfernt – und ist trotzdem noch immer eine Millionenstadt. Etwa 1,4 Millionen Menschen leben hier, trotz regelmäßiger Raketen- und Drohnenangriffe. Auch während des Besuchs von Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) heulten mehrfach die Luftalarmsirenen, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet. Der Minister besichtigte ein sechsfach bombardiertes Kraftwerk, ein 2022 zerstörtes U-Bahn-Depot und sprach an der Universität mit Studierenden.

Außenminister Wadephul besucht die Ukraine

Johann Wadephul (CDU, M), Bundesaußenminister, steht mit Ihor Terechow (l), Bürgermeister von Charkiw, in einem U-Bahn-Depot, das 2022 weitgehend zerstört wurde. © Michael Fischer/d/dpa

Im Interview mit t-online sagte Wadephul: „Die Lage ist dramatisch. Auf dem Weg nach Charkiw sieht man überall zerstörte Tankstellen, Gebäude und Wohnungen, dazu Panzersperren und Kontrollen. Ständig gibt es Alarme über die Warn-App.“ Man zucke jedes Mal kurz zusammen und wisse: Jetzt sind Drohnen oder ballistische Raketen unterwegs. „Wenn man mittendrin ist, ist das ein anderes Gefühl, als wenn man aus der Entfernung davon hört. Gleichzeitig gibt es da diese Widersprüche. Jeder Vorgarten ist frisch gemäht, die Straßen sind blitzsauber. Zur Verteidigung von Charkiw gehört auch, dass sich die Bürger diese Zeichen der Normalität erkämpfen.“

Wadephul zu Besuch in Charkiw – Bürgermeister spricht von „unheimlichen Widerstandswillen“

Wadephul zeigte sich sichtlich beeindruckt vom Alltag in der ostukrainischen Metropole. Die Stadt mache trotz massiver russischer Angriffe einen „insgesamt gepflegten Eindruck“, sagte er, wie die dpa berichtet. Bürgermeister Ihor Terechow erklärte dem Minister, man gebe sich Mühe, die Stadt trotz des Beschusses lebenswert zu halten – und verwies auf viele Rückkehrer, auch aus Deutschland. Den „unheimlichen Widerstandswillen“ der Bevölkerung würdigte Wadephul ausdrücklich: „Von dieser Einstellung können wir uns auch eine Scheibe vielleicht abschneiden für Deutschland und das auch mitnehmen.“

Zu den Rückkehrerinnen gehört die 22-jährige Germanistik-Studentin Valeriia, die Wadephul an der Universität trifft. Sie hat in Essen und Berlin studiert, ist aber wegen ihrer Familie und Freunde zurück nach Charkiw gekehrt. An die ständigen Luftalarme habe sie sich gewöhnt – als sie jedoch vor wenigen Wochen mit eigenen Augen einen Drohnenangriff sah, habe sie „Angst gehabt wie noch nie“. Präsenzunterricht war an der Universität bislang kaum möglich; zuletzt konnten nur 200 bis 300 Studierende – vor allem Mediziner – vor Ort ausgebildet werden. Ab 1. September soll ein neu errichtetes unterirdisches Seminargebäude gegenüber der Uni immerhin 2.500 der 15.000 Studierenden Präsenzlehre ermöglichen. „Statt zurückzuweichen, kehrt man zurück“, kommentierte Wadephul.

Wadephul zeigt Solidarität mit der Ukraine: Deutschland lässt sich nicht einschüchtern

Beim Besuch des Kraftwerks wurde dem Minister vor Augen geführt, womit die Ukraine täglich konfrontiert ist. Das Werk wurde bereits sechs Mal mit insgesamt 16 Raketen angegriffen. Bürgermeister Terechow erläuterte: Früher seien aus dem nur 60 Kilometer entfernten russischen Belgorod Touristen gekommen – heute kämen von dort ballistische Raketen vom Typ S-300, die lediglich 59 Sekunden bis Charkiw benötigen. Mit Blick auf den kommenden Winter rechnet die Ukraine erneut mit massiven Angriffen auf die Energieinfrastruktur. Die deutsche Hilfe soll nun gezielt darauf ausgerichtet werden.

Mit dem Besuch nahe der Ukraine-Front wollte der deutsche Außenminister auch zeigen, „dass Deutschland sich nicht einschüchtern lässt in unserer Unterstützung des Freiheitskampfs der Menschen in der Ukraine.“ Im Gespräch mit t-online sagte er: „Außerdem wollte ich mir selbst ein Bild machen. Der kommandierende General hat mich über die militärische Situation informiert. Der Oberbürgermeister von Charkiw hat mir gezeigt, wie eine Stadt unter diesen Bedingungen funktioniert: Schulunterricht wird in U-Bahn-Höfe verlagert, dort werden Lebensmittel verteilt und Elektrizität wird dezentral erzeugt. Das muss man sehen, um zu verstehen, was die Ukraine für den nächsten Winter benötigt.“

Wadephul sichert Kiew im Ukraine-Krieg weitere Hilfen in Höhe von 50 Millionen Euro zu

Politisch hatte Wadephul zuvor in Kiew neue humanitäre Hilfe in Höhe von 50 Millionen Euro zugesagt. Darüber hinaus machte er der Ukraine Hoffnung auf zusätzliche Mittel für die Luftverteidigung und kündigte an, Bündnispartner weiter zur Abgabe von Patriot-Abwehrraketen bewegen zu wollen. Als mögliche Lieferanten nannte er Griechenland, Italien, Japan und Südkorea. Einen weiteren Beitrag der Bundeswehr schloss er nicht aus: Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) müsse „gemeinsam mit seinen Fachleuten in die Bestände gucken und schauen, ob noch etwas möglich ist“.

Es war Wadephuls vierter Ukraine-Besuch insgesamt und sein erster in Frontnähe. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte ihm bei einem Treffen in Kiew am Samstag ausdrücklich „für seine bevorstehende Reise in Regionen der Ukraine, in denen die Situation wegen russischen Beschusses schwierig ist“, gedankt, wie Selenskyj auf X schrieb. Aus Sicherheitsgründen wurde das genaue Reiseziel im Osten des Landes geheim gehalten, bis Wadephul bereits wieder auf dem Rückweg nach Kiew war. Die Anreise nach Charkiw dauerte rund sechs Autostunden. Auf den letzten 50 Kilometern passierte die Ministerkolonne mit etwa 15 Fahrzeugen zerstörte Tankstellen, Militärcheckpoints und Panzersperren. (Quellen: dpa/t-online/X) (sischr)