AfD‑Machtübernahme? Vier Szenerien zur Sachsen-Anhalt-Wahl 2026 – kommt es zur Zäsur in Deutschland?


Wahl in Sachsen-Anhalt: AfD vor Machtübernahme? Das sind die vier Szenarien

Stand: 31.08.2026, 23:37 Uhr

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Die AfD geht mit hohen Erwartungen in die Sachsen-Anhalt-Wahl. Erstmals könnte sie einen Ministerpräsidenten stellen. Oder kommt es doch anders?

Magdeburg – Die Landtagswahl Sachsen-Anhalt könnte zur Zäsur für Deutschland werden. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik könnte eine Partei, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird, einen Ministerpräsidenten stellen. Ob sie eine Mehrheit der Sitze erreichen und damit regieren kann, hängt auch davon ab, wie viele Parteien ins Parlament einziehen werden.

Die Ausgangslage: In den Umfragen vor der Sachsen-Anhalt-Wahl ist die AfD der Konkurrenz weit enteilt. Sie liegt stabil über der Marke von 40 Prozent und könnte eventuell ihr Ergebnis von 2021 (20,8 Prozent) mehr als verdoppeln. Die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze folgt mit großem Abstand. AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat als Ziel „45 Prozent plus X“ ausgegeben. Die AfD-Werte in den Umfragen liegen derzeit noch darunter. Eine Minderheitsregierung strebt er nach eigenen Angaben nicht an. Er wolle mit einer „stabilen Mannschaft“ regieren. Alle Parteien außer dem BSW schließen eine Unterstützung der AfD ausdrücklich aus.

Szenario 1 bei der Sachsen-Anhalt-Wahl 2026: Die AfD stellt den Ministerpräsidenten

Je mehr Parteien an der Fünfprozenthürde scheitern, desto höher sind die Chancen der AfD auf eine Mehrheit der Sitze im Parlament. In manchen Konstellationen würden rund 43 Prozent der Stimmen für eine absolute Mehrheit reichen. Politikwissenschaftler Benjamin Höhne von der TU Chemnitz hält dieses Szenario für „denkbar“. In der Bild verwies er darauf, dass Amtsinhaber Schulze „eher unbekannt“ sei und der Amtsbonus „weniger durchschlagen“ werde als früher. AfD-Parteichefin Alice Weidel sagte im ZDF-„Sommerinterview“, man sei „auf der Siegerstraße“ und werde in Sachsen-Anhalt die Regierung stellen.

Eine AfD-Regierung hätte weitreichende Folgen über Sachsen-Anhalt hinaus. Die Partei säße künftig im Bundesrat und in den Konferenzen der Ministerpräsidenten. Weidel sprach beim AfD-Parteitag in Erfurt davon, eine erste Landesregierung wäre „ganz großartig deshalb, weil es zu einer Normalisierung führen würde“. Führende AfD-Vertreter haben jedoch auch Erfolgsdruck aufgebaut. Parteimitgründer Alexander Gauland sagte in der Zeit: „Wir haben genau einen Schuss frei.“ AfD-Co-Chef Tino Chrupalla betonte, Siegmund werde „liefern müssen“.

Szenario 2 bei der Sachsen-Anhalt-Wahl 2026: Die AfD holt die meisten Stimmen, regiert aber nicht

Trotz des größten Stimmenanteils der AfD könnte sich die CDU mit SPD, Grünen und Linken zusammentun – sofern alle die Fünfprozenthürde schaffen. Schulze wäre dann weiterhin Ministerpräsident. Der Politologe Volker Kronenberg von der Uni Bonn warnte in der Bild jedoch: „Die CDU könnte fast froh sein, wenn die AfD die absolute Mehrheit holt. Dann käme sie nicht in die Verlegenheit, sich mit allen anderen Parteien zusammenschließen zu müssen.“ Bei den Christdemokraten gilt nach wie vor ein Unvereinbarkeitsbeschluss, der Koalitionen sowohl mit der Linkspartei als auch mit der AfD ausschließt. Schulze betont, er werde sich „nicht abhängig machen von den Linken oder der AfD“.

Für die AfD selbst wäre eine verpasste absolute Mehrheit kein reiner Misserfolg. Als Oppositionspartei könnte sie aus eigener Kraft Untersuchungsausschüsse einsetzen und Beschlüsse blockieren, die Zweidrittelmehrheiten erfordern. Bundesweit könnte sie mit dem Argument großer Rückendeckung beim Wähler andere Parteien und Regierungen angreifen, ohne selbst für Regierungshandeln verantwortlich gemacht zu werden.

Szenario 3 bei der Sachsen-Anhalt-Wahl 2026: Das BSW wird zum Zünglein an der Waage

Für die Machtfrage nach der Sachsen-Anhalt-Wahl könnte das BSW eine entscheidende Rolle spielen – vorausgesetzt, es schafft die Fünfprozenthürde. BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht wirbt für einen „überparteilichen Ministerpräsidenten“, der „mit einem Kompetenzkabinett und wechselnden Mehrheiten regiert. Das bedeutet: auch mit der AfD.“ BSW-Spitzenkandidat Thomas Schulze macht klar: Mit Ministerpräsident Sven Schulze „werden wir nicht zusammenarbeiten“.

Sollten die anderen Parteien das BSW-Modell nicht mittragen, will sich das BSW bei der Wahl eines Ministerpräsidenten im dritten Wahlgang enthalten – was dem AfD-Kandidaten den Weg ebnen könnte. Wagenknecht begründete in der Bild ihre Haltung: „Es ist einfach völlig undemokratisch, eine Partei, die von rund 40 Prozent der Wähler gewählt wird, dauerhaft auszugrenzen. Die Brandmauer ist gescheitert.“ Für Ministerpräsident Schulze ist klar: „Wenn es das BSW in den Landtag schafft, wird es schwer, eine AfD-Regierung zu verhindern“, sagte er im Interview mit der Augsburger Allgemeinen. „Das BSW wird die AfD zu hundert Prozent unterstützen.“

Szenario 4 bei der Sachsen-Anhalt-Wahl 2026: CDU-Überläufer an die AfD

Verfehlt die AfD die nötige Regierungsmehrheit nur um wenige Sitze, könnte es CDU-Abgeordnete geben, die eine Zusammenarbeit mit der AfD für notwendig halten. „Theoretisch ist das nicht ganz ausgeschlossen“, so Politikwissenschaftler Höhne.

Zwar lehnen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Spitzenkandidat Schulze ein Bündnis mit der AfD kategorisch ab. Im CDU-Landesverband Sachsen-Anhalt gibt es jedoch Stimmen, die eine Zusammenarbeit mit der Linken für das größere Übel hielten. Das Gerücht, einige könnten im Zweifelsfall eine blau-schwarze Mehrheit mittragen, hält sich hartnäckig.

Sachsen-Anhalt-Wahl 2026: Was eine AfD-Regierung bedeuten würde

Grundgesetz, Landesverfassung und Gerichte setzen den Rahmen für jede Landesregierung. Auch die AfD stieße in Regierungsverantwortung an Grenzen des Gestaltungsspielraums im föderalen Rechtsstaat. Weidel hat für den Fall von Widerständen bereits argumentativ vorgebaut und von „erwartbarer Regierungssabotage“ gesprochen. Bereits im Juni formulierte Thüringens AfD-Landeschef Björn Höcke den Anspruch in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur klar: „Dann gibt es auch keine Entschuldigung mehr, keinen Koalitionsfrieden, den man einhalten muss, dann muss man zeigen, dass man‘s kann.“

Bleibt die AfD überraschend unter 40 Prozent, wäre auch das ein zwiespältiges Ergebnis. Verglichen mit Siegmunds selbst gestecktem Ziel von „45 Prozent plus X“ wäre ein solcher Wert ein sichtbarer Dämpfer. Dennoch wäre die AfD auch dann klarer Wahlsieger und hätte ein Rekordergebnis eingefahren. Die Linkspartei-Spitzenkandidatin Eva von Angern signalisierte in einem MDR-Interview bereits Gesprächsbereitschaft für eine Zusammenarbeit gegen die AfD: „Als Linke sind wir bereit, alles dafür zu tun, um die AfD von den Hebeln der Macht fernzuhalten.“ (Quellen: Bild, dpa, AFP, MDR, Augsburger Allgemeine, Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt) (cs)