„Wahnsinnige Belastung für die Psyche“: 84-Jähriger organisiert die Pflege für seine gelähmte Frau
Stand: 17.10.2026, 06:30 Uhr
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Günter Staudter aus Unterhaching organisiert seit einem Jahr die häusliche Pflege seiner halbseitig gelähmten Frau. Die Bürokratie bringt den 84-Jährigen ans Limit.
Unterhaching – Eine Tischdecke? Die braucht es nicht – denn der Esstisch zwischen Küche und Wohnzimmer ist randvoll bedeckt mit Abrechnungen, Formularen und Beihilfeanträgen. „Aber das ist ja nur ein Bruchteil“, sagt Günter Staudter. „Für den Rest habe ich das Gästezimmer umfunktioniert.“ Das Bett und der Tisch dort: ebenfalls voller Unterlagen. So sieht es aus, wenn sich ein 84‑Jähriger der komplexen Herausforderung stellt, die häusliche Pflege für seine geliebte Ehefrau zu organisieren. Vor einem Jahr, am 16. Oktober 2025, wurde die einstige Unterhachinger Turn-Ikone Ursula Staudter plötzlich, nach einem Unfall bei einem von ihr geleiteten VHS-Kurs, zum Pflegefall (wir berichteten). Der Münchner Merkur hat die Staudters jetzt abermals besucht.

Rentner stemmt die Organisation der Pflege seiner gelähmten Frau
Dreimal täglich kommt der Pflegedienst, dazu stehen zweimal pro Woche Physiotherapie und einmal Logopädie auf der Agenda. Ein Rollstuhl plus kleiner Hebekran, ein sogenannter Lifter, sind einsatzbereit, doch am liebsten bleibt Ursula Staudter (82) in ihrem Pflegebett liegen, das mitten im Wohnzimmer steht. „Es ist ein Auf und Ab, manchmal ist sie gut drauf. Aber zu 80 Prozent eher apathisch“, schildert Günter Staudter den Alltag.
Oft sitze ich, nachdem ich der Ursel um Elfe auf d‘Nacht die Zähne geputzt habe, noch bis weit nach Mitternacht vor dem Computer und scanne Abrechnungen.
Erst ein Oberschenkelhalsbruch, bei den Vorbereitungen des VHS-Kurses im Kubiz, dann ein Schlaganfall nach der Operation – irreparable Schäden, die linke Körperhälfte gelähmt: Seit einem Jahr kämpft Ursula Staudter, die 1994 unter anderem das Talent des später zweimaligen Olympia-Silbermedaillengewinners Marcel Nguyen entdeckt hatte, mit dieser Leidensgeschichte. Ohne nennenswerte Hoffnung auf Besserung. Es geht, sagt ihr Mann, „darum, den status quo zu erhalten“.
Eine Herkulesaufgabe für den früheren Heimatpfleger der Gemeinde Unterhaching, denn in ein Heim will er seine Ursel nach 54 Ehejahren nicht verfrachten. Also organisiert Günter Staudter die häusliche Pflege daheim, in vertrauter Umgebung. Was gar nicht so einfach ist.
Sitzt bis in die Nacht am Computer: Aufwand hinter Pflege bringt ihn ans Limit
Anfangs ist Günter Staudter in Vorleistung getreten. Rund 50.000 Euro Klinikkosten erhielt er mittlerweile rückerstattet. „Was hier noch liegt“, zeigt er auf die vielen Einzelabrechnungen, „dürften nochmal mindestens 30.000 Euro sein.“ Auch die bekommt er irgendwann zurück. Aber der bürokratische Aufwand bringt ihn ans Limit: „Oft sitze ich, nachdem ich der Ursel um Elfe auf d‘Nacht die Zähne geputzt habe, noch bis weit nach Mitternacht vor dem Computer.“
Der Unterhachinger greift als Beispiel eine Rechnung heraus, „seit Februar liegt die schon da“, zehn Mal Hausbesuche für Logopädie. Als pensionierter Lehrer ist er beihilfeberechtigt, muss seine Erstattungswünsche also doppelt einreichen: einmal bei der Krankenkasse, einmal bei der Beihilfe. „Aber etliche Abrechnungen kommen nur einfach, ohne Duplikat“, berichtet Günter Staudter. „Also muss ich sie scannen und ausdrucken.“ Oder per E-Mail verschicken – doch Fotos der Abrechnungen speichert der Computer zunächst im JPG‑Format, die Beihilfe verlangt aber PDF‑Dateien. Also versucht er, die Unterlagen ins richtige Format umzuwandeln und die PDF‑Dateien dann noch zu verkleinern. Für einen 84-Jährigen technisch alles andere als ein Kinderspiel: „Es ist alles so zeitraubend, einfach furchtbar. Oft frage ich mich, wie alte Menschen mit Demenz diese Bürokratie bewältigen sollen.“ Zum Glück ist Günter Staudter geistig noch topfit, „aber trotzdem wünsche ich mir manchmal jemanden, der den Papierkram für mich macht“.
Im Alltag erhält Günter Staudter Unterstützung von seinen Kindern, 52 und 49 Jahre alt. Sie kümmern sich um den Garten, ums Bügeln, ums Putzen. „Und die Enkelin, elf Jahre alt, liest der Ursel schon vor.“ Vieles andere erledigt der 84-Jährige selbst: Mit einem Tens-Gerät fördert er die Muskelgeneration seiner Frau, er kocht für sie und freut sich über den guten Appetit der 82-Jährigen: „Wir Pfadfinder waren alle gute Köche. Und nach fünfeinhalb Jahrzehnten weiß ich, was der Ursel schmeckt.“ Surhaxe mit Kraut und Speckknödeln beispielsweise, „meine Spezialität“. Dreimal pro Woche schafft das KWA Ottobrunn Entlastung, bringt ein Mittagessen.

Gutgetan haben dem 84‑Jährigen Beratungsangebote der Gemeinde sowie Gedankenaustausch mit Angehörigen anderer Schlaganfallpatienten. All dies ersetzt aber nicht, was ihm am meisten fehlt: Gespräche mit seiner Frau. Zwar kann Ursula Staudter durchaus noch sprechen, aber dazu rafft sie sich nur selten auf. „Ich darf, soll und muss alles bestimmen. Was wir im Fernsehen schauen, was ich ihr anziehe, was es zu essen gibt“, sagte Günter Staudter. „Ich erhalte keine Widerrede. Das ist eine wahnsinnige Belastung für die Psyche, es ist zum Heulen.“ Und so erfreut er sich an lichten Momenten. „Ich zeige ihr Bilder aus der Vergangenheit, sie soll diese dann kommentieren.“ Eins dieser Alben bebildert „den Regenurlaub im Alpbachtal“. Es war die letzte gemeinsame Reise vor jenem tragischen 16. Oktober 2025.