Liechtenstein ringt mit der Aufklärung einer Cyberattacke – und möglichen Versäumnissen bei der Sicherheit


Waren es Profis oder doch nur Amateure? Liechtenstein ringt mit der Aufklärung der Cyberattacke – und möglichen Versäumnissen bei der Sicherheit

Das Fürstentum jagt nach dem Abfluss heikler Daten zu verschwiegenen Stiftungen die Hintermänner des Angriffs. Der Leiter des Amts für Informatik sagt: «Es gibt Spuren der Angreifer.» Doch wie technisch anspruchsvoll die Attacke wirklich war, ist fraglich.

08.08.2026, 21.45 Uhr

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Plötzlich im Fokus: Fabian Schmid, Leiter des Amts für Informatik, muss nach dem Hackerangriff internationalen Medien Rede und Antwort stehen.

Plötzlich im Fokus: Fabian Schmid, Leiter des Amts für Informatik, muss nach dem Hackerangriff internationalen Medien Rede und Antwort stehen.

Gian Ehrenzeller / Keystone

Das Amt für Informatik von Liechtenstein durchlebt gerade den Albtraum jeder IT-Abteilung. Dem Land sind brisante Daten abgeflossen: ein Register über die wahren Eigentümer von Stiftungen und anderen juristischen Konstrukten. Zu den Betroffenen zählen die Reichen und Mächtigen der Welt. Deshalb geriet das Datenleck im verschwiegenen Liechtenstein zu einer Art Staatskrise – und das kleine Amt für Informatik über Nacht in internationale Schlagzeilen: Wie konnte es überhaupt zum Abfluss so heikler Daten kommen? Und wer sind die Hacker?

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Der Mann, der diese Fragen beantworten helfen muss, ist Fabian Schmid, Leiter des Amts für Informatik. Am achten Tag nach der Entdeckung der Cyberattacke sagt er zur «NZZ am Sonntag», die Täter seien weiterhin unbekannt: «Klar ist, dass die Angreifer im System systematisch gesucht haben, bis sie eine Schwäche in der Applikation fanden und an die gewünschten Daten kamen.»

Doch die von Liechtenstein bislang veröffentlichten Informationen werfen in der Cybersicherheitsbranche die Frage auf, ob Sicherheitsstandards eingehalten wurden. Sie legen nahe, dass eine klassische und allgemein bekannte Art von Sicherheitslücke ausgenutzt wurde. Es geht dabei um einen Programmierfehler, der es einem eingeloggten Benutzer mit entsprechendem technischem Know-how erlaubt, nicht nur seine eigenen Einträge aufzurufen, sondern auch alle anderen.

Stefan Rothenbühler, Experte für Cybersicherheit bei der Zuger Firma Infoguard, hält dies für «wahrscheinlich». Rothenbühler untersucht und wehrt schon seit Jahren Hackerangriffe ab. Sein Arbeitgeber gehört zu den grössten Schweizer Unternehmen für digitale Sicherheit.

Der Amtsleiter Schmid will aus ermittlungstaktischen Gründen dazu nicht ins Detail gehen. Er sagt jedoch: «Die Möglichkeit, auf bestimmte Daten zuzugreifen, ergab sich aus einer fehlerhaften Logik, wie die Applikation Berechtigungen überprüfte.» Dies stelle eine Sicherheitslücke dar, unterscheide sich jedoch von einer klassischen Software-Schwachstelle.

«Es ist sicher nicht ein Fall von bewusster Unvorsicht»

Die Applikation für das Register wurde von einem externen Unternehmen entwickelt und gewartet. Schmid sagt: «Dieses ist auch für die Sicherheit verantwortlich. Die Standards dafür wurden vertraglich vereinbart.» Es handle sich um ein KMU. Der Amtsleiter stellt jedoch in Abrede, dass Sicherheitsstandards verletzt wurden. Unter anderem habe es regelmässige Sicherheitstests gegeben. Schmid sagt: «Es ist sicher nicht ein Fall von bewusster Unvorsicht. Die üblichen Massnahmen wurden ergriffen. Aber offensichtlich hat es trotzdem nicht gereicht.»

Schmid spricht von einer «kriminellen Energie» der Täter. Liechtenstein habe jedoch immer noch keine Lösegeldforderung erhalten. Die Identität und die Motive der Hacker bleiben damit im Dunkeln. Doch: «Es gibt Spuren der Angreifer», sagt Schmid. «Diese werden derzeit ausgewertet.» Zu den Details hält er sich bedeckt.

Wie ausgeklügelt der Hack wirklich war, wird sich zeigen. Rothenbühler von der Firma Infoguard sagt: «Aufgrund der bisher öffentlichen Angaben war es wohl ein gezielter Angriff, aber technisch kein besonders anspruchsvoller.» Er hält finanzielle Motive für am wahrscheinlichsten. Die Bandbreite der möglichen Angreifer reiche von «versierten Amateuren bis zu staatlichen Akteuren».

Die Sorgen der Finanzmarktaufsicht

Informationen über konkrete Konten oder Vermögenswerte wurden in Liechtenstein nicht erbeutet, sondern lediglich Daten über die Menschen, die hinter juristischen Konstrukten stehen. Die Vermögen, die diese Konstrukte verwalten, liegen oft auf dem Schweizer Bankenplatz. Dieser selbst sei gegen Cyberangriffe gut gerüstet, sagt Rothenbühler. Obwohl die Risiken zunehmen. «Die Finanzinstitute investieren sehr viel Geld in die Abwehr», so der Spezialist. Es gebe deshalb wenige grossangelegte Angriffe in dem Bereich. «Doch es kann immer zu erfolgreichen Hacks kommen. Hundert Prozent sicher sind auch die Banken nicht», sagt Rothenbühler.

Die Schweizer Finanzmarktaufsicht (Finma) betrachtet Cyberangriffe als «eines der bedeutendsten operationellen Risiken für den Schweizer Finanzplatz», wie sie auf Anfrage schreibt. Sorgen machen der Behörde jedoch weniger Attacken auf einzelne Finanzinstitute. In ihrem Risikomonitor berichtet die Aufsicht von einem anderen Trend: Immer häufiger werden externe Dienstleister der Banken angegriffen. Und weil viele Banken sich die gleichen Dienstleister teilen, kann dies das Risiko stark vergrössern.

In Vaduz muss Fabian Schmid jedoch derzeit nicht bloss mit abstrakten Risiken umgehen, sondern mit den konkreten Folgen eines schweren Angriffs. Er sagt, die forensischen Analysen über den Ablauf des Hacks seien mittlerweile weitestgehend abgeschlossen. Nun liegen die Ermittlungen bei Staatsanwaltschaft und Polizei. Bis jetzt jagen sie ein Phantom.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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