Europaweit über 30 000 Hitzetote – Swiss Re fordert mehr Vorsorge
Der Chef von Swiss Re kritisiert: «Das Risiko einer Hitzewelle wurde unterschätzt»
Europaweit ist die Zahl der hitzebedingten Todesopfer auf 31 800 gestiegen. Die Schweiz verzeichnet 357 Todesfälle. Das Land ist laut Swiss Re besonders stark von den steigenden Temperaturen betroffen.
08.08.2026, 21.45 Uhr
4 Leseminuten

«Wir müssen das Bewusstsein schärfen für die damit entstehenden Gefahren»: Der Swiss-Re-CEO Andreas Berger.
Karin Hofer / NZZ
Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Dass das geflügelte Wort von Mark Twain auch im Zeitalter der totalen Vermessung noch seine Gültigkeit hat, erfährt Europa in diesem Sommer. Die extreme Hitze hatten viele Länder nicht auf ihrem Gefahrenradar.
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Andreas Berger, der Chef des Rückversicherers Swiss Re, kritisiert die Nonchalance, mit der manche Behörden in die Krise schlitterten: «Das Risiko von Hitzewellen und der damit zusammenhängenden Todesfälle wurde unterschätzt», sagte er diese Woche im Gespräch mit der «NZZ am Sonntag» anlässlich der Präsentation der Halbjahresresultate. Eine derart lange Hitzeperiode sei ein neues Phänomen. «Wir müssen das Bewusstsein schärfen für die damit entstehenden Gefahren.»
Mehr als 31 000 aussergewöhnliche Todesfälle in Europa
Denn die Folgen sind verheerend. In Europa starben seit dem Beginn der Hitzewelle in der letzten Juniwoche bis Ende Juli 31 800 Menschen mehr, als in einem durchschnittlichen Sommer zu erwarten wäre. Das zeigen die Zahlen des europäischen Überwachungsnetzwerkes Euromomo, das die Übersterblichkeit in 26 Ländern erfasst.
Etwa die Hälfte der Todesfälle wurden bereits in der ersten Woche der Hitzewelle verzeichnet. Mehr als 90 Prozent der Opfer sind über 65-jährig. Seither ist die Kurve abgeflacht. Die höchste Übersterblichkeit meldeten Frankreich und Belgien, aber auch Deutschland war vor allem zu Beginn stark betroffen. Später wurde in Spanien und Italien eine erhöhte Sterblichkeit registriert.
Die Schweiz gehörte gemäss Euromomo zu den Ländern mit einer moderaten bis geringen Übersterblichkeit. Wie das Bundesamt für Statistik (BfS) auf Anfrage mitteilt, wurden 357 zusätzliche Todesfälle registriert. Betroffen sind ausschliesslich Personen ab 65 Jahren.
Übersterblichkeit könnte in der Schweiz noch steigen
Dabei handelt es sich um vorläufige Angaben, die auf Hochrechnungen basieren. In der Schweiz wurde bisher nur in der letzten Juni- und der ersten Juliwoche eine Übersterblichkeit registriert. In der Folgewoche wurde die Grenze nur ganz knapp nicht erreicht. Je nach Eingang der tatsächlichen Meldungen könnte sie noch übertroffen werden. In diesem Fall steigt die Zahl der Todesfälle auf 443, wie das BfS schreibt.
Eine direkte Zuordnung einzelner Todesfälle zur Hitze sei nicht möglich, betont das BfS. Die Todesursache wird beim Monitoring nicht erhoben. Erwiesen ist aber, dass extreme Hitze das Risiko von Hitzschlägen, Dehydrierung und Herz-Kreislauf-Problemen erhöht.
In der Vergangenheit verzeichnete das BfS nur 2015 eine hitzebedingte Übersterblichkeit, damals wurden 384 zusätzliche Todesfälle verzeichnet. Im Rekordsommer 2003 gab es das Mortalitätsmonitoring (Momo) noch nicht. Laut Swiss Re stieg die Sterblichkeit in der Schweiz damals um 1,5 Prozent.
In der Schweiz steigen die Temperaturen doppelt so schnell
Versicherer bekommen eine erhöhte Sterblichkeit in Form von höheren Kosten für Krankheiten und Todesfälle zu spüren. Dies zeigte sich während der Corona-Pandemie, die Swiss Re weltweit gegen 5 Milliarden Dollar für Schäden und Rückstellungen kostete. Andere Rückversicherer wurden ähnlich getroffen.
In den Halbjahreszahlen 2026 schlug sich die Übersterblichkeit bei Swiss Re bislang nicht nieder. Die Sparte Leben und Gesundheit verzeichnete sogar das höchste Gewinnwachstum aller Bereiche. «Für eine definitive Aussage ist es aber noch zu früh», sagt Berger.
Swiss Re kann für sich in Anspruch nehmen, die Schweiz frühzeitig vor Hitzerisiken gewarnt zu haben. Ende Juni lud der Rückversicherer Vertreter von Behörden, Wirtschaft und Wissenschaft zu einem nationalen Resilienztag. Mit einem Temperaturanstieg von 2,8 Prozent seit Beginn der Industrialisierung habe sich die Schweiz mehr als doppelt so stark erwärmt wie der globale Durchschnitt, schrieb die Datenanalystin Lucia Bevere in einem Paper. Dieser Trend werde sich mit den steigenden Temperaturen fortsetzen. Bis Mitte des Jahrhunderts dürfte sich die Zahl der Hitzetage in einem normalen Sommer in der Schweiz auf 20 bis 30 verdoppeln.
Starkes Bevölkerungswachstum in Risikozonen für Brände
Bei den Waldbränden warnt Swiss Re vor steigenden Risiken in ganz Europa. «Die Frequenz von verheerenden Bränden hat zugenommen», sagt Berger. Waldbrände seien die am schnellsten zunehmende wetterbedingte Naturgefahr. Dahinter stecke nicht nur der Klimawandel, sondern auch das Bevölkerungswachstum in exponierten Gebieten, sagt Berger. Laut dem Swiss Re Institute ist die Bevölkerung in Risikozonen um mehr als 40 Prozent schneller gewachsen als ausserhalb. Dadurch sind die Schäden durch Waldbrände sprunghaft gestiegen.
In den Geschäftszahlen von Swiss Re sind die Schäden der verheerenden Brände in Frankreich und Spanien bis jetzt nicht sichtbar. Der Rückversicherer verzeichnet für das erste Halbjahr einen Gewinn von 2,8 Milliarden Dollar, das Jahresziel von 4,5 Milliarden Dollar hat er zu mehr als 60 Prozent erreicht.
Eine Erhöhung des Gewinnzieles wäre für Berger aber fahrlässig: «Es gibt noch viele Unsicherheiten. Die Hurrikan-Saison in den USA fängt erst an», sagt er.
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