Warum der AfD-Sieg ausgerechnet Merz und seiner Regierung hilft – „überhaupt kein Grund, das aufzukündigen“
Warum der AfD-Sieg bei der Sachsen-Anhalt-Wahl ausgerechnet Kanzler Merz und seiner Regierung hilft
Stand: 06.09.2026, 20:40 Uhr
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Die AfD fährt in Sachsen-Anhalt einen historischen Gewinn ein, während die CDU dramatische Verluste hat. Was bedeutet das für die Merz-Regierung? Eine Analyse.
Jubel bei der AfD in Sachsen-Anhalt – Schock bei der CDU. Die einen verdoppeln, die anderen halbieren sich. Klar ist bereits am Wahlabend: Die CDU und ihr Führungspersonal wurden abgestraft – nicht nur bei der Sachsen-Anhalt-Wahl, sondern ganz klar auch die Bundesregierung. Nur drei Minuten nach der allerersten Prognose um 18 Uhr strahlte der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund in die ARD-Kameras und dankte in seinen ersten Worten seinem „wichtigsten Wahlkampfhelfer in Berlin, Kanzler Friedrich Merz“. Der Kanzler habe mit seiner Politik die Wähler zur AfD gebracht. Harte Worte vom politischen Gegner.
Dass die Stimmung im Land und die Bundespolitik bei der Wahl in Sachsen-Anhalt eine wichtige Rolle gespielt hat, das sieht auch der Politologe Prof. Jürgen Falter (Uni Mainz): „Die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung schlägt sich im Wahlergebnis nieder. Das zeigt sich auch in den Umfragen in Sachsen-Anhalt, in denen sich 80 Prozent als unzufrieden mit der Bundesregierung zeigen – und zwar quer durch alle Parteien.“ Und Friedrich Merz als unfreiwilliger Wahlhelfer für die AfD? Das sieht der Politologe differenzierter: „Zum Wahlsieg der AfD hat nicht nur Friedrich Merz, sondern die gesamte Bundesregierung, also genauso die SPD, die ja mitregiert und vieles auch durchaus mitbestimmt, beigetragen.“
Warum der AfD-Sieg bei der Sachsen-Anhalt-Wahl ausgerechnet Kanzler Merz und seiner Regierung hilft
Und: Ein Wahlhelfer für seine eigene Partei, die CDU in Sachsen-Anhalt, war der Kanzler nicht. Keine öffentlichen Wahlkampfauftritte, nur wenige, fast schon verschämte Besuche hinter verschlossenen Türen. Denn Friedrich Merz ist wohl auch nicht wirklich erwünscht bei der CDU im Osten. Der aktuelle Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Sven Schulze, der thüringische CDU-Landeschef Mario Voigt und Michael Kretschmer, Ministerpräsident von Sachsen, kritisierten als ostdeutsche CDU-Länderchefs Ende Juli gemeinsam und vehement die geplanten Sozial- und Rentenreformen von Bundeskanzler Friedrich Merz. Eine klare Klatsche für die Politik des Kanzlers. Auch Prof. Falter sieht diese Themen als Problem bei der Wahl.
Der AfD helfe es, dass sie „die Opposition innerhalb des Systems und ein bisschen auch Opposition gegen das System“ sei. Das sei ein wichtiger, aber nicht der einzige Grund. Auch bundespolitische Themen haben laut Falter bei der Sachsen-Anhalt-Wahl eine Rolle gespielt. Der Experte sieht vor allem die Rente, Steuergesetzgebung und Kürzungen im Gesundheitssystem. Neben Unzufriedenheit und Themen war es auch klar eine Personenwahl – auch wenn Friedrich Merz, anders als der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, nicht zur Wahl stand. Falter: „Viele sagen sehr deutlich und sehr laut, dass Merz nicht gut ankommt bei den Leuten mit seiner intellektuellen, manchmal spröden Art und der klaren Sprache, die er verwendet. Er ist nicht der Typ Siegmund, der mit seinem Lächeln die Herzen erwärmt. Friedrich Merz ist da anders, aber deswegen ist er kein schlechterer Politiker.“
Was folgt also jetzt aus der Wahlklatsche für die Bundesregierung und für Kanzler Friedrich Merz? Gerüchte und Spekulationen über einen Kanzlertausch gibt es schon seit Monaten. Doch bisher hat sich kaum ein hochrangiger CDU-Politiker aus der Deckung getraut und Kanzler Merz offen infrage gestellt. Hinter verschlossenen Türen sei das anders, hört man in Berlin. Wird jetzt also am Stuhl von Merz gesägt? Falter sieht dessen Position zwar „etwas erschüttert, aber er wird nicht darüber fallen“. Selbst dann nicht, wenn auch die Senatswahl in Berlin und die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern ebenfalls schlechte Ergebnisse der CDU bescheren. „Denn es drängt sich ja keine direkte Alternative auf. Wüst wird vermutlich nicht nach der Kanzlerschaft greifen, denn der Königsmörder ist immer derjenige, der am unbeliebtesten ist von allen. Er wird zuwarten – er ist ja jung –, bis es auf ihn zuwächst. Und insofern glaube ich, dass sich kurzfristig nichts ändern wird. Ansonsten sehe ich keine ernsthaften Konkurrenten innerhalb der CDU.“
Der Politologe glaubt sogar, dass die Stabilität der Bundesregierung nach der Wahlklatsche in Sachsen-Anhalt zunimmt: „Im Augenblick ist sie mangels jeglicher anderer Alternative stabil, man weiß, man muss zusammenhalten. Die Alternative wäre entweder eine Minderheitsregierung der CDU – was die CDU nicht will – oder Neuwahlen. Und bei Neuwahlen würde die SPD höchstwahrscheinlich noch einmal schlechter abschneiden als sie das bei der letzten Bundestagswahl getan hat. Für die CDU sieht das ähnlich aus. Das heißt, es gibt überhaupt keinen Grund dafür, das Regierungsbündnis aufzukündigen.“