Warum der Tigray-Krieg das Horn von Afrika erfassen könnte
In Äthiopiens nördlicher Region Tigray sind erneut Kämpfe ausgebrochen. Tigrayische Kräfte starteten am 23. September eine größere Offensive; auch aus den benachbarten Regionen Afar und Amhara wurden Gefechte gemeldet. Damit gerät der fragile Frieden des Pretoria-Abkommens vom November 2022 unter Druck, das den letzten Tigray-Krieg beendet hatte.
Doch die entscheidende Frage reicht über Tigray hinaus: Könnte sich der Konflikt mit den Kriegen und Rivalitäten verbinden, die das Horn von Afrika und das Rote Meer bereits destabilisieren?
Neu ausgerichtete Machtverhältnisse
Der britische Journalist und Horn-von-Afrika-Experte Martin Plaut sieht genau diese Gefahr - "dass ein Konflikt zwischen Eritrea und Äthiopien auch sudanesische Kräfte in den Krieg hineinzieht – und damit die gesamte Region", sagte er der DW.
Auch Jalale Getachew Birru, Ostafrika-Experte beim Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED), betont, dass der Konflikt nicht isoliert betrachtet werden kann. ACLED ist eine unabhängige Organisation zur Beobachtung und Erforschung von Konflikten, die weltweit Daten über politische Gewalt und bewaffnete Konflikte sammelt und analysiert.
"Die regionalen Machtverhältnisse haben sich neu ausgerichtet. Und genau das sehen wir auch in Äthiopien: Verschiedene regionale und internationale Akteure ergreifen Partei. Das zeigt sich sowohl auf äthiopischem Territorium als auch in den Nachbarländern. Zum Beispiel im Sudan und auch in Somalia. Der Fall Äthiopien ist also kein isolierter Konflikt am Horn von Afrika. Er bezieht auch die Nachbarländer mit ein und wirkt sich auf die Länder des gesamten Horns von Afrika aus.“
Auch die Afrikanische Union (AU) warnte am 23. September vor einer weiteren Destabilisierung. AU-Kommissionschef Mahmoud Ali Youssouf forderte ein Ende aller Schritte, die die Spannungen verschärfen könnten, sowie neue Gespräche auf Grundlage des Pretoria-Abkommens. Der frühere nigerianische Präsident Olusegun Obasanjo soll die diplomatischen Bemühungen unterstützen.

Alte Feinde, neue Allianzen
Die Tigray People's Liberation Front (TPLF) hat sich mit sechs weiteren bewaffneten äthiopischen Gruppen zusammengeschlossen, die den Sturz der Regierung von Premierminister Abiy Ahmed anstreben. Zu ihnen gehört auch die Amhara-Miliz Fano, die im vergangenen Krieg noch gegen die TPLF kämpfte.
Das Bündnis ist keine einheitliche Militärmacht. Seine Mitglieder verfolgen unterschiedliche politische und territoriale Interessen. Dennoch könnte die Regierung dadurch an mehreren Fronten gleichzeitig unter Druck geraten.
Besonders wichtig ist Afar. Durch die Region verläuft die wichtigste Verkehrsverbindung zwischen dem Binnenstaat Äthiopien und Dschibuti, über die ein großer Teil des internationalen Handels abgewickelt wird. Anhaltende Kämpfe könnten diese wirtschaftliche Lebensader gefährden.
Und hinter Afar liegt Eritrea.
Eritrea: Das erste Glied der Kette
Im Tigray-Krieg von 2020 bis 2022 kämpften eritreische Truppen an der Seite der äthiopischen Bundesregierung gegen die TPLF. Seitdem haben sich die Beziehungen zwischen Addis Abeba und Asmara jedoch verschlechtert. Äthiopiens Bestrebungen nach einem Zugang zum Roten Meer haben die Spannungen zusätzlich verschärft.
Äthiopien wirft Eritrea vor, bewaffnete Gruppen gegen die Regierung zu unterstützen. Asmara weist das zurück. Das Ausmaß einer direkten eritreischen Beteiligung lässt sich unabhängig nur schwer feststellen.
Ein direktes Eingreifen Eritreas würde den Konflikt jedoch grundlegend verändern – und den Konflikt in Tigray mit dem Krieg im benachbarten Sudan verbinden.

Sudan: Wo Konflikte aufeinanderprallen könnten
Im Sudan herrscht seit 2023 Krieg zwischen den sudanesischen Streitkräften (SAF) und den Rapid Support Forces (RSF) unter der Führung des Warlords Hemedti. Der Konflikt, in den mehrere regionale Mächte involviert sind, hat eine der größten humanitären Krisen der Welt ausgelöst.
Plaut zufolge sind auch Äthiopien und Eritrea bereits jetzt indirekt auf unterschiedlichen Seiten beteiligt. "Die Äthiopier stehen auf der Seite der RSF und Hemedtis", sagt er. "Es gibt starke Hinweise darauf, dass es im Westen Äthiopiens einen Stützpunkt gibt, von dem aus RSF-Kämpfer versorgt und ausgebildet werden."
Auch den Vereinigten Arabischen Emiraten wird vorgeworfen, die RSF zu unterstützen; Abu Dhabi weist das zurück. Eritrea, Ägypten und Saudi-Arabien unterstützen laut Plaut die sudanesische Armee.
Sollten Äthiopien und Eritrea direkt gegeneinander kämpfen, könnten die sudanesischen Konfliktparteien versuchen, die neue Lage zu nutzen. Nachschubrouten und militärische Strategien könnten sich verändern, während die Ostgrenze des Sudan zusätzlich unter Druck geriete. "Dann wird daraus ein allgemeiner Konflikt in der gesamten Region", warnt Plaut vor einer Kettenreaktion.
Die Verbindung zum Roten Meer
Die mögliche Konfliktkette endet nicht im Sudan. Die Meerenge Bab al-Mandab verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden und dem Indischen Ozean. Eritrea und Dschibuti liegen auf der westlichen, der Jemen auf der östlichen Seite.
Der Krieg im Jemen hat gezeigt, wie Unsicherheit am Roten Meer den internationalen Schiffsverkehr beeinträchtigen und externe Mächte hineinziehen kann. Eritreas Lage und der Hafen von Assab verleihen dem Land deshalb strategische Bedeutung weit über Tigray hinaus.
Auch Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate haben ihre politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Positionen am Horn von Afrika in den letzten Jahren ausgebaut. Über diese Netzwerke können Geld, Waffen, Logistik und politischer Einfluss verschiedene Konflikte miteinander verbinden.

Ein regionaler Krieg ist damit keineswegs zwangsläufig. Es gibt kein einheitliches Militärbündnis von Tigray bis zu den Golfstaaten. Äthiopiens bewaffnete Gruppen verfolgen unterschiedliche Interessen; Eritrea könnte das Risiko eines direkten Eingreifens scheuen, und die Kriegsparteien im Sudan haben ihre eigenen Prioritäten.
Dunkle Erinnerungen an den letzten Tigray-Krieg
Der Tigray-Krieg von 2020 bis 2022 kostete Hunderttausende Menschen das Leben und vertrieb Millionen. Das Pretoria-Abkommen beendete die großen Kampfhandlungen, viele politische und territoriale Streitfragen blieben jedoch ungelöst.
Nun wird in Tigray erneut gekämpft. Plaut warnt vor schweren humanitären Folgen. "Es besteht durchaus die Gefahr, dass daraus ein extrem blutiger Konflikt wird", sagt er der DW. "Schließlich starben beim letzten Krieg in Tigray 600.000 Menschen. Hoffen wir, dass es diesmal nicht in diese Richtung geht."
Entscheidend ist daher, ob verhindert werden kann, dass der Konflikt weitere Fronten und externe Unterstützer gewinnt. Denn dann wäre Äthiopiens neuer Krieg nicht mehr nur ein inneräthiopischer Konflikt. Er könnte Teil eines größeren regionalen Konfliktsystems werden, das sich vom Sudan über das Horn von Afrika und das Rote Meer bis zum Jemen und zur Arabischen Halbinsel erstreckt.
Äthiopien und Eritrea: Der kalte Frieden
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