Bürgerdialog zur Babyflaute: Was Schweizerinnen und Schweizer fordern
Publiziert15. August 2026, 15:15
BürgerdialogWarum ist die Geburtenrate so tief? Das sind eure Antworten
Hohe Kosten für Familien, Vorsorgelücken wegen Care-Arbeit, berufliche Nachteile: Die Gründe für die tiefe Geburtenrate sind vielfältig, wie der Bürgerdialog mit der 20-Minuten-Community ergab.

Darum gehts
- Hohe Kosten, Vorsorgelücken und fehlende Anerkennung halten immer mehr Menschen in der Schweiz vom Kinderkriegen ab.
- Das zeigt ein Bürgerdialog von 20 Minuten und BrainE4, bei dem 1758 Personen insgesamt 1635 Ideen einbrachten.
- Besonders die Krankenkassenprämien sowie Einbussen bei AHV und Pensionskasse durch reduziertes Arbeitspensum werden als Probleme genannt.
Immer weniger Menschen in der Schweiz haben Kinder. Doch warum ist in der Schweiz die Geburtenrate so tief? Das haben wir im Bürgerdialog die Leserschaft von 20 Minuten gefragt. Bei diesem einzigartigen, von der Chamer Firma BrainE4 entwickelten Befragungsformat kreuzen die Teilnehmenden im Gegensatz zu einer herkömmlichen Umfrage keine vorgegebenen Antworten an, sondern formulieren sie selber.
1635 Ideen wurden eingebracht – nicht von der 20-Minuten-Redaktion, nicht von Politikerinnen oder Politikern, sondern ausschliesslich von den 1758 Teilnehmerinnen und Teilnehmern am Bürgerdialog. Diese Ideen wurden wiederum ausschliesslich von den Teilnehmenden bewertet. Dabei ergab sich ein deutliches Bild davon, welche Sorgen die Leute plagen und warum immer mehr Menschen in der Schweiz auf Kinder verzichten.
Hohe Kosten als Hindernis
Als einen der Hauptgründe geben die Befragten die damit verbundenen hohen Kosten an. Das deckt sich mit den Erkenntnissen einer kürzlich von der Versicherungsgesellschaft Swiss Life veröffentlichten Studie über die Ursachen und die Folgen der rückläufigen Geburtenentwicklung in der Schweiz.
Besonders die Krankenkassenprämien werden im Bürgerdialog genannt, verbunden mit der Forderung, dass Kinder prämienfrei sein sollten. Grundsätzlich sind es aber nicht die einzelnen Posten, sondern die Summe, die Probleme bereitet. «Einzelne Kostenfaktoren sind wahrscheinlich noch zu bewältigen. Aber wenn man Wohnen, Gesundheitsversorgung, Kinderbetreuung und Altersvorsorge zusammennimmt – das macht einem schon Sorgen», lautet das Votum eines Teilnehmers, das sehr viel Zuspruch fand.
«Ein Einkommen soll für eine Familie reichen.»
Die Kosten haben zur Folge, dass heute nach Aussage der Teilnehmenden beide Elternteile arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen. Daraus leitet sich direkt die im Bürgerdialog am höchsten gewichtete Forderung ab: «Ein Einkommen soll für eine Familie reichen.» Wobei dieses nicht zwingend nur von einem Elternteil erworben werden muss: «Ein 100-Prozent-Lohn sollte für eine Familie reichen, um gut leben zu können – oder zwei 50/50-Löhne.»

Entgegenkommen gefordert
Die Forderung nach Teilzeitarbeit ohne Nachteile findet sich in vielen eingebrachten Ideen wieder. «Es sollten beide in Teilzeit arbeiten können – ohne finanzielle Sorgen. So würde man auch weniger Fremdbetreuung brauchen», punktete bei vielen Teilnehmenden. Die Wirtschaft soll Bedingungen schaffen, «in denen die Eltern beide mindestens 60 Prozent arbeiten können und trotzdem das Kind aufwachsen sehen».
Allgemein werden mehr Flexibilität und Chancengleichheit im Berufsleben gefordert. Der Wunsch nach einem «flexiblen Zeitkonto, um unkompliziert mal früher aufhören zu können zu arbeiten», erhält ebenso Unterstützung wie die Forderungen, den «Wiedereinstieg in den Beruf zu erleichtern» und den Mutterschaftsurlaub zu verlängern: «Unbedingt 6 Monate Babypause für die Frau». In diesem Zusammenhang steht auch die mehrfach geäusserte Forderung nach höheren Kinderzulagen.
Mehr Zeit für die Kinder
Von hoher Wichtigkeit für die Teilnehmenden ist auch, dass beide Elternteile die Möglichkeit haben, die Kinder zu betreuen: «Es braucht Mama und Papa, jeder Elternteil kann dem Kind etwas mitgeben, was der andere Elternteil nicht kann.» Dafür müssten Staat und Wirtschaft «attraktivere Möglichkeiten schaffen, sodass Familien ihr Familienmodell ohne Nachteile selbst wählen könnten». Denn «Kinder verdienen es, liebevoll von ihren Eltern betreut zu werden».

Im Bürgerdialog hat damit die Betreuung der Kinder durch die Eltern selbst klare Priorität. Weil das aber im echten Leben nicht immer möglich ist, sind daneben Betreuungsangebote, die den Alltag abdecken, mit Tages- und Nachtstrukturen für Schichtarbeitende sowie Mittagstische und Betreuung nach Schulschluss gefragt.
Sorge um Vorsorgelücke
Die finanziellen Folgen des Kinderkriegens wurden von den Teilnehmenden nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft als Problem identifiziert. Denn wer sein Pensum für die Kinderbetreuung reduziert, verliert Lohn und Beitragsjahre bei AHV und Pensionskasse. Deshalb soll der Staat «Massnahmen schaffen, um die finanziellen Einbussen bei Einkommen, AHV, Pensionskasse durch Care-Arbeit auszugleichen».
Diese könnten laut den Teilnehmenden darin bestehen, dass Eltern etwa bei reduziertem Pensum die gleichen AHV- und Pensionskassenbeiträge erhalten, wie wenn sie 100 Prozent arbeiten. Zum Beispiel, indem «Kinderbetreuung (auch von Eltern) als Arbeitszeit» eingestuft wird. Auch ein Weiterlaufen der 2. Säule mit «mit freiwilligen Einzahlungen desjenigen, der zu Hause bleibt», gehört zu den Vorschlägen. So soll «der Altersarmut von Frauen, die zugunsten der Familie das Arbeitspensum reduziert haben, vorgebeugt werden».
«Es braucht ein Umdenken in der Gesellschaft. Kinder sind unsere Zukunft.»
Gesellschaftliche Anerkennung fehlt
Als Grund für die tiefe Geburtenrate kommt im Bürgerdialog auch immer wieder die wahrgenommene mangelnde Wertschätzung von Eltern und Müttern im Speziellen zur Sprache. Sehr hohe Zustimmungswerte erhält die Aussage: «Es braucht ein Umdenken in der Gesellschaft. Kinder sind unsere Zukunft.»
In diesem Zusammenhang zeigt sich auch, dass es beim Thema Kinderkriegen nicht nur ums Geld geht: «Finanzielle Unterstützung ist wichtig, reicht aber nicht. Kinder müssen als Bereicherung und nicht als Entbehrung betrachtet werden.» Diese Aussage, die sich sowohl an die Gesellschaft als Ganzes als auch ganz spezifisch an potenzielle Eltern richtet, erhält viel Zustimmung und wird von den Teilnehmenden als wichtig erachtet.
Partnerwahl ohne finanzielle Hintergedanken
Bei der Partnerwahl ist für die Gründung einer Familie das Finanzielle unwichtig. Viel entscheidender ist, dass das Vertrauen stimmt, «sodass Zuversicht besteht, gemeinsam Lösungen zu finden, welche Aufgaben auch immer kommen mögen». Und auch die Bereitschaft zum Verzicht muss da sein, wie es dieser Beitrag auf den Punkt bringt: «Beide müssen sich bewusst sein, dass sie Abstriche in ihrer Freiheit hinnehmen müssen – und dass das okay ist.» Bereits bei der Partnerwahl ist zudem die spätere Arbeitsteilung als Eltern ein Thema: Für viele unverzichtbar ist die «Bereitschaft, sich aktiv an der Erziehung zu beteiligen, unter anderem auch durch Teilzeitarbeit».
«Kinder machen unser Leben lebendiger, lassen uns enorm viel lernen und wir können ihnen für die Zukunft wichtige Werte mitgeben.»
Beim Entscheid, ob man Kinder haben will, spielen die Finanzen wieder eher eine Rolle. Zwar wird eine verlässliche Partnerschaft als Grundlage am höchsten bewertet, doch ebenso sollte «eine Familie zu gründen kein Armutsrisiko sein». Für den Entscheid wichtig ist auch die Frage, «ob Unterstützung (familiär, beruflich etc.) vorhanden ist». Die treffendste Antwort auf die Frage «Was ist oder war für dich entscheidend bei der Frage, ob du Kinder haben willst?» liefert schlussendlich wohl folgendes eingebrachtes Argument: «Kinder machen unser Leben lebendiger, lassen uns enorm viel lernen und wir können ihnen für die Zukunft wichtige Werte mitgeben.»
Die detaillierte Auswertung des Bürgerdialogs findest du hier.
Methodik

Jean-Claude Gerber (jcg) arbeitet seit 2005 für 20 Minuten. Er ist seit 2013 Leiter des Ressorts Wissen, History und Digital und seit 2020 Blattmacher.