„Warum steht die Frau da?“: Nachts in London: Was eine Künstlerin von der Mosel dort sucht


„Warum steht die Frau da?“ Nachts in London: Was eine Künstlerin von der Mosel dort sucht

Leiwen/London · Tagsüber Professorin, nachts mit Stativ unterwegs: Rut Blees Luxemburg fotografiert Städte, wenn andere schlafen. Aufgewachsen ist sie zwischen Reben an der Mosel. Sie sagt: Heimat ist mehr als ein Stück Land.

19.08.2026 , 06:24 Uhr

Der Kontakt nach Leiwen ist für die Weltbürgerin Rut Blees Luxemburg bis heute eng.

Foto: Monika Traut-Bonato

Die in London lebende und aus Leiwen stammende Künstlerin Rut Blees Luxemburg ist bekannt für ihre großflächigen Fotografien und stellt international aus. Sie unterrichtet als Professorin am Royal College of Art und hat die Fassade des Rathauses von Westminster in London mitgestaltet. Zurzeit wird auch ein Werk von ihr in Trier gezeigt. Wir treffen sie privat in ihrem Heimatort Leiwen.

Leiwen – London – weltweit unterwegs – und immer wieder die Rückkehr. Wenn sie an ihre Kindheit in Leiwen denkt, erinnert sich Rut Blees Luxemburg zuerst an Farben. Das Grün der Weinberge, das Gold der Landschaft – Töne, die bis heute in ihren Arbeiten wiederkehren wie auch die Topografie der Mosellandschaft mit ihrer Vertikalität. „Es ist kein flaches Land. Man schaut hinunter und zugleich in die Ferne. Diesen Blick habe ich später auch in der Stadt gesucht. Dort muss man allerdings erst in die Höhe steigen, um ihn zu finden.“

Schon früh faszinierte sie der Fluss. Die Mosel war für sie nie nur Landschaft, sondern Verbindung. „Der Fluss ist wichtig. Er verbindet Dörfer, Regionen und Länder – Frankreich, Luxemburg, das Rheinland. Er bringt Neues mit sich, kann Ideen geben und einen weiterbringen.“

„Luxemburg“ gehört bewusst zu ihrem Künstlernamen

Auch ihr Künstlername erzählt von Grenzüberschreitungen. „Luxemburg“ steht nicht in ihrem Pass, begleitet sie aber seit ihrem Studienabschluss. „Meine Steuern bezahle ich auf Rut Blees Luxemburg“, schmunzelt sie. Viele Künstler arbeiten mit Künstlernamen. „Mir gefiel die Idee, etwas hinzuzufügen. Luxemburg steht für mich für Offenheit und das Überschreiten von Grenzen.“

Das Aufwachsen in einem Weindorf habe sie nachhaltig geprägt. Sie lacht, ob es nun eher am Dorf oder am Wein lag, sei dahingestellt. „Heute spricht man viel von Community. In London ist Gemeinschaft etwas, das aktiv geschaffen werden muss. Hier im Dorf existiert sie bereits, muss nicht erst kreiert werden. Die Community prägt das Dorfleben – auch wenn es manchmal beengend sein kann.“

Dass ihr Leben sie einmal rund um die Welt führen würde, war keineswegs geplant, sondern habe sich spontan ergeben. „Konkrete Pläne hatte ich als junge Frau nicht. Aber der Abenteuerdrang war immer da.“ Die Künstlerin beschreibt sich selbst als neugierig, idealistisch und zudem furchtlos. Schon seit ihrer Kindheit begeistert sie sich für neue Ideen und hinterfragt die Welt um sich herum. Herausforderungen – sie sind für die Künstlerin dazu da, gemeistert zu werden. Sie scheut sich nicht, stets neue Wege zu suchen und auch zu beschreiten.

Der Kontakt nach Leiwen ist bis heute eng. „Ich kenne hier noch viele Menschen und habe auch kreativ vor Ort gearbeitet. Man trifft sich, man kennt sich.“ Als die Gemeinde sie einlud, ein Kunstwerk für das neue Forum zu entwickeln, habe sie sich besonders gefreut. „Dadurch fühle ich mich weiterhin sehr verwurzelt.“

Den Begriff Heimat verwendet sie dennoch zurückhaltend. „Meine Heimat ist überall auf der Welt. Heimat ist kein Stück Land. Heimat sind Menschen, Ideen und Orte, die man teilt und an denen man sich erkannt fühlt.“ Ihr Privatleben hält sie bewusst bedeckt. Wichtig ist ihr, offen zu bleiben für neue Begegnungen.

Schon lange lebt und arbeitet sie in einer der größten Metropolen Europas. London ist für die bekannte Künstlerin trotz Brexit in vieler Hinsicht noch immer die Hauptstadt Europas. „Die Stadt ist ein Magnet – divers, schnelllebig und voller Möglichkeiten. Menschen mit Ideen können dort viel bewegen und sich verwirklichen.“ Gleichzeitig brauche auch London ein Gegenüber. „Man muss die Insel manchmal verlassen und wieder ins Tal gehen.“ Wie beispielsweise ins Moseltal. Deshalb versteht sie sich weder ausschließlich als Moselanerin noch als Londonerin. „Ich bin Weltbürgerin. Das ist für mich ganz klar.“

Wie kam Rut Blees Luxemburg zur Kunst?

Für die Kunst hatte sie sich recht früh nach einem Studium der Politikwissenschaft entschieden. Einen einzelnen Schlüsselmoment habe es dabei nicht gegeben. „Die Welt der Bilder hat mich schon immer interessiert. Vielleicht auch, weil ich katholisch aufgewachsen bin und die Kraft von Bildern früh erfahren habe.“ Bilder sind für sie – neben Sprache – ein schnellerer und direkterer Weg, Gedanken zu vermitteln.

Dabei sieht sie Kunst nie isoliert. Literatur, Musik, Architektur und Städtebau seien ebenso wichtige Referenzsysteme. Das vermittelt sie auch als Lehrende: Seit über 20 Jahren unterrichtet sie am renommierten Royal College of Art in London. „The number one in the ranking“, betont sie und meint damit: der Spitzenreiter. „Wir lehren von unserer eigenen Praxis und Forschung ausgehend, so können wir Studierende an die zeitgenössische Kunst und die aktuellen Themen heranführen.“

Die Stadt und die Nacht – zwei Themen der Künstlerin Blees Luxemburg

Ihre Arbeiten beschäftigen sich häufig mit urbanen Räumen, Architektur und dem nächtlichen Leben der Stadt. Die Stadt selbst versteht sie als eine der größten kulturellen Errungenschaften des Menschen. „Veränderungen passieren sehr häufig in der Stadt. Hier treffen Menschen, Geschichten und Wissen auf engstem Raum zusammen. Daraus entstehen neue Ideen. Das macht Städte so spannend für jemanden wie mich.“ Stadt bedeute Freiheit, selbst wenn man aber auch im Dorf frei sein könne. „Ich kenne viele Leute, die ein freies Leben auf dem Land führen können. Das hat sich verändert.“

Besonders die Nacht spielt in ihrem Werk eine zentrale Rolle. „Nachts präsentiert sich die Stadt wie eine Bühne, wie ein Theater. Das Licht hebt Dinge hervor, die tagsüber oft übersehen werden.“ Die Stadt sei ein fortlaufendes Projekt, ein niemals abgeschlossener Prozess. Wer nachts fotografiert, werde Teil dieses Prozesses. Die Kamera gibt ihr dabei einen besonderen Zugang zum öffentlichen Raum. „Mit Kamera und Stativ habe ich einen Grund, dort zu sein. Die Nacht erlaubt mir, mich dort aufzuhalten.“ Ohne Kamera wäre das seltsam. „Warum steht die Frau da?“

Zu den Werken, die ihren künstlerischen Ansatz besonders gut veranschaulichen, zählt sie frühe Arbeiten wie „Towering Inferno“, das später als Cover des Albums „Original Pirate Material“ von The Streets verwendet wurde. Ebenso wichtig ist die Fassadenarbeit „Silver Forest“ an der Westminster City Hall – auch weil sie in der Stadt selbst öffentlich ausgestellt ist. „Dafür habe ich in Peking und London fotografiert. Das Werk zeigt einen Stadtwald – keinen natürlichen Wald, sondern einen hybriden Raum zwischen Natur und Urbanität.“

Fassadenarbeit „Silver Forest“ an der Westminster City Hall in London von Rut Blees Luxemburg. Es ist etwa 30 × 7 Meter groß.

Foto: Rut Blees Luxemburg

Ihre Kunst versteht sie ausdrücklich auch als politisch. „Es geht um Teilhabe an der Stadt, um die Teilhabe von Frauen an der nächtlichen Stadt. Wer hat Anteil, wer ist da, wer ist außen vor? Die Regeln sind nicht immer so, wie man denkt, denn des Nachts können die täglichen Hierarchien aufgehoben werden. Die Nacht ist egalisierend, daher hat die Kunst auch eine politisch-poetische Komponente.“

Leiwen unterstützt seine prominente Künstlerin

Auch an der Mosel hat sie mit ihrer Kunst Spuren hinterlassen. Für das Projekt „Die Lektion der Rebe“ setzte sie sich mit der Weinrebe als kulturellem Symbol auseinander. „Die Gemeinde Leiwen hat mich sehr unterstützt und mir die Kunstfreiheit gegeben. Mich interessierte die Frage: Was ist den Menschen hier wichtig? Der Wein, die Rebe: Was können wir von der Rebe lernen? Was ist ihre Lektion?“

Ihr Blick auf die Mosel habe sich im Laufe der Jahre verändert. „Mit der Zeit lernt man sich selbst besser kennen und versteht die eigenen Beweggründe genauer.“ Aktuell arbeitet sie an einem langfristigen Projekt in der Region, über das sie noch nicht zu viel verraten möchte. „Es wird noch ein bisschen dauern, bis es fertig ist.“

Gleichzeitig ist sie weltweit unterwegs. Reisen nach Japan, Korea und China stehen ebenso auf dem Programm wie Projekte im Nahen Osten. Erst kürzlich kuratierte sie gemeinsam mit einer saudischen Kollegin eine große Skulpturenausstellung im öffentlichen Raum in Riad. „Solche Projekte finden statt, da man heute als Künstler mit verschiedenen Medien arbeitet.“

Europäische Kunstakademie Trier zeigt bedeutendes Werk von Rut Blees Luxemburg

Trotz ihrer internationalen Tätigkeit bleibt die Verbindung zur Region stark. Zurzeit ist eines ihrer Schlüsselwerke in der Europäischen Kunstakademie in Trier ausgestellt in der Ausstellung „Magische Realismen heute“. „Ich wurde früh von der Region und insbesondere vom Simeonstift in Trier unter Dr. Elisabeth Dühr unterstützt. Diese Unterstützung hat mich über viele Jahre begleitet.“

Seit Kurzem sind ihre Fotografien zudem im neu gestalteten Flagship-Store von Our Legacy in London zu sehen. In einem Interview zu dieser Ausstellung sagte sie: „Vielleicht suche ich nach einem Zuhause, einem verlorenen Zuhause – vielleicht ist es diese Freiheit, wonach ich wirklich suche.“ Eine Suche nach Zugehörigkeit jenseits fester Heimatbegriffe.

Ihre nächtlichen Stadtbilder dokumentieren deshalb nicht nur urbane Räume, sondern erzählen auch von einem Ort, an dem Freiheit, Erkenntnis und Selbsterfahrung zusammenfinden. Die Sehnsucht nach Freiheit und die Offenheit für neue Erfahrungen ziehen sich wie ein roter Faden durch ihre Werke und führten sie einst aus dem Moseltal hinaus in die Welt.

Ausstellung „sondern jene mögliche Welt – Magische Realismen heute“, Kunsthalle Trier 09.07. — 23.08., u.a. mit Werk von Rut Blees Luxemburg: Enges Bretterhaus. Weitere Infos: www.kunsthalle-trier.de