Streaming: Warum „Ted Lasso“ und „The Pitt“ den Nerv der Zeit treffen | Kleine Zeitung


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Grundverschieden, aber doch ähnlich: Warum die Serien „Ted Lasso“ und „The Pitt“ den Nerv der Zeit einfangen.

Susanne Rakowitz

Susanne Rakowitz

vor 23 Minuten

6. August 2026 um 18:17

An manchen Tagen möchte man unterirdisch gehen, weil es dort wohl auch nicht finsterer ist als anderswo auf der Erdoberfläche. Dass die Welt gerade durchgeschüttelt wird, als würde man mit Karacho durch ein Asteroidenfeld pflügen, muss man nicht extra erwähnen. Was kann also kurzfristig den Weltschmerz lindern? Oder besser noch: Gibt es dort draußen irgendwo einen hitzearmen Sonnenschein mit Aussicht auf eine gute Dosis Optimismus?

Hach, das Wort, das hat es auch nicht immer leicht, es ist zuletzt ein wenig aus der Mode gekommen. Aber nun ist es zurück und zwar in einer Form, in der es direkt und unverdünnt die Herzvene hinaufkriecht: Die Form, sie heißt Ted Lasso. Seit 2020 begeistert der Fußballtrainer, der eigentlich Football-Trainer ist, die Streamingwelt. Drei Jahre sind nun seit Ende der dritten Staffel vergangen. Staffel 4 ist seit Mittwoch zu sehen und die geht in etwa so rein wie eine Überdosis Zuckerwatte nach der Fastenzeit. Dabei ist die Serie vom Konzept her unverändert, wie auch die Stammmanschaft und das gut eingespielte Witze-Bing-Bong, das in der ersten Folge sogar nicht immer perfekt zündet.

Macht alles nix, denn die Serie zelebriert das Gegenteil davon, was in Krisenzeiten die erste Wahl ist: Für gewöhnlich steht einer an der Spitze, neben dem links und rechts kein Platz mehr ist. Alle ordnen sich unter, eine toxische Mischung. Ted Lasso hält hingegen nicht nur den Ball fußballerisch flach, sondern gibt die Lebensweisheiten in homöopathischen Dosen im Vorbeidribbeln ab. Wobei das Grundrezept so einfach ist, dass es in dieser komplexen Welt fast schon wie ein Querulant wirkt: Sei freundlich zu den Menschen und glaube an das, was du tust. „Believe“ („Glaube“) ist in der AppleTV-Serie das Amen in der Matchaufstellung. Wer den Cast beschreiben muss, hat mit „Der Herrgott hat einen großen Tiergarten“ die größte Torchance.

Das, was Lasso macht, ist wohl das größte Kunststück: der individuellen Raubtiergesinnung im Team den spitzesten Zahn zu ziehen und den Leistungsdruck auf alle Schultern zu verteilen. Das ist alles, aber nur keine Optimierung, denn das Team macht auf dem Weg zum Tor so viele Umwege, dass einem schwindelig wird. Was schon am Anfang klar ersichtlich ist, aber sich mit viel Eigensinn, Teamarbeit und Menschenfreundlichkeit herausschält, aber nicht perfekt ist, macht den Reiz der Serie aus: Auch ein Haufen mit vielen Ecken und Kanten kann rund laufen.

Nicht, dass das Drehbuch der vierten Staffel ein Märchenbuch ist. Im Gegenteil, der Coach muss sich selbst eingrooven und trainiert künftig eine Frauenfußballmannschaft. Die Serienmacher haben ein gutes Gespür für die Themen der Zeit. Dass die Serie seit der ersten Staffel für ihren Feel-Good-Sound gefeiert wird, hat sich 2023 sogar zum damaligen US-Präsidenten Joe Biden durchgesprochen. Ted-Lasso-Darsteller Jason Sudeikis hat gemeinsam mit dem Cast im Weißen Haus über die Wichtigkeit mentaler Gesundheit gesprochen.

Jason Sudeikis spielt seit 2020 den Fußballtrainer Ted Lasso
Jason Sudeikis spielt seit 2020 den Fußballtrainer Ted Lasso

Den Flow einer Serie ins reale Leben mitnehmen, das tut auch Schauspieler Noah Wyle, der in der HBO-Serie „The Pitt“ einen Notfallmediziner spielt. „Healthcare is Human“ heißt jene Initiative, für die er öffentlich wirbt. Dabei geht es auch um die Unterstützung jener, die im Gesundheitsberuf arbeiten. Ganz anders als Ted Lasso, ist die Krankenhausserie eine Produktion, die ein Team permanent am Limit zeigt. Jede Staffel bildet einen Tag im Ausnahmezustand im Krankenhaus ab. Jeder für sich geht an seine Grenzen.

Noah Wyle unterstützt „Healthcare Is Human“

© Imago

Noah Wyle unterstützt „Healthcare Is Human“

Optimismus gibt es hier nur in Mikrodosen, hier wird gelitten und gestorben, gelebt und gehofft. Auch das macht die Serie und ihre Rollen so aktuell: Jeder für sich mag ein Einzelkämpfer sein und damit auch ganz gut durchkommen, aber es legt sich doch ein unsichtbares Netz an Teamplayern über diese Station, die alles zusammenhält. Allen voran der Chef der Tagesschicht, Dr. Michael „Robby“ Robinavitch, der alles andere als ein Halbgott in Weiß ist. Auf den ersten Blick könnten beide Serien unterschiedlicher nicht sein, aber es gibt hier doch eine bestechende Schnittmenge, die den Nerv der Zeit trifft: Ein Plädoyer gegen den Hardcore-Individualismus und für eine Menschlichkeit mit Ecken und Kanten.

Der Cast von „Ted Lasso“ sprach 2023 im Weißen Haus über mentale Gesundheit

© Imago

Der Cast von „Ted Lasso“ sprach 2023 im Weißen Haus über mentale Gesundheit