Was beim Besuch von Xi Jinping im Weißen Haus wirklich passierte – und was es für Taiwan bedeutet


Stand: 05.10.2026, 13:39 Uhr

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Roter Teppich, Pandas und Patzer: Wie Chinas Präsident in Washington Zeit gewinnt – während der Gastgeber ihn auf den neuen Begriff „Super Intelligence“ einschwört.

Washington – Es ist Mittwochabend, der 23. September, auf der Joint Base Andrews vor den Toren Washingtons. Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping ist gerade gelandet. Die amerikanische Nationalhymne läuft aus, ein B-1-Bomber donnert im Tiefflug über die Ehrenformation. Donald Trump, gerade salutierend, duckt sich, beißt die Zähne zusammen und lässt die Hand sinken.

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Dieser Artikel von Maurice Dorfer entstand in Kooperation mit The European

Xi Jinping folgt den Maschinen mit dem Blick und verzieht kaum eine Miene. „Das war wirklich laut“, sagt Trump hinterher zu seinem Gast. Der Gastgeber zuckt vor der eigenen Machtdemonstration zusammen, der Gast bleibt ungerührt. Wer die drei Tage verstehen will, muss eigentlich nur dieses Video anschauen. 

Donald Trump empfing Xi Jinping in den USA.

Donald Trump empfing Xi Jinping in den USA. © picture alliance/dpa/AP | Alex Brandon

Dabei hatte Washington alles aufgeboten, was das Protokoll hergibt. Es war Xis erster Staatsbesuch in den USA seit 2015. Trump empfing ihn persönlich auf dem roten Teppich am Rollfeld, eine Ehre, die amerikanische Präsidenten nur selten gewähren. Der Blumenschmuck im East Room war ebenfalls rot, aus Respekt vor der Bedeutung der Farbe in der chinesischen Geschichte.

Zum Staatsbankett mit rund 145 Gästen, unter ihnen Elon Musk und Jeff Bezos, ließ Trump jenen kalifornischen Schaumwein ausschenken, mit dem Richard Nixon 1972 in Peking auf Zhou Enlai angestoßen hatte. Die Botschaft war klar: Hier sollte Geschichte geschrieben werden. 

„Die freundlichste Presse der Welt“

Geschrieben wurde vor allem eine Sammlung von Fettnäpfchen. Im Oval Office angekommen, scherzte Trump, Xi habe die freundlichste Presse der Welt. Chinesische Journalisten, fügte er hinzu, bäten ihren Präsidenten um Erlaubnis, bevor sie sprechen.

Das sagte der Präsident einer der ältesten Demokratien der Welt, halb im Scherz, aber eben nur halb, über eine Presse, deren Staat Journalisten einsperrt. Wie freundlich diese Presse ist, hatte Washington kurz zuvor erlebt. Vor der Begrüßungszeremonie stritten chinesische Staatsmedien lautstark mit Secret Service und Mitarbeitern des Weißen Hauses um Kamerapositionen.

Ein offizieller chinesischer Fotograf weigerte sich zunächst, seinen Platz zu räumen, bis ein Agent ihn beiseite wies. Seine eigene, weniger gefügige Presse hielt Trump am selben Tag lieber fern; CNN, MS NOW und Politico wurden ausgeschlossen. Die großen Sender zogen aus Protest mit und lieferten keine Bilder.

Der US-Präsident beklagte sich daraufhin auf Truth Social, die Ankunft seines Gastes sei doch wie gemacht fürs Fernsehen gewesen, und niemand habe sie übertragen. Er vermisste die Bilder, deren Ausbleiben er selbst verursacht hatte. 

Trump verspottet seinen Amtsvorgänger, der Gast lächelt

Nach anderthalb Stunden im Oval Office folgte eine Führung, die eher an eine Hausbesichtigung erinnerte als an einen Staatsbesuch. Trump zeigte seinem Gast den neuen Hubschrauberlandeplatz aus Granit auf dem Südrasen. Xi habe großes Interesse an Granit, erklärte er den Reportern, er liebe guten Granit und sei ein Experte für Stein.

Dann kletterten beide samt Dolmetschern in die Marine One – die am Boden blieb. Nach der Hubschraubertour, die keine war, blieb Trump auf dem Weg durch die Kolonnade vor seiner eigenen Porträtgalerie stehen. Er wies Xi auf ein Bild hin, das er zwischen zwei Porträts von sich selbst hatte anbringen lassen: einen Autopen, der den Namen seines Vorgängers Joe Biden unterschreibt.

Xi Jinping und Donald Trump.

Xi Jinping und Donald Trump. © picture alliance/dpa/AP | Julia Demaree Nikhinson

Der Präsident der Vereinigten Staaten verspottete vor dem Staatschef einer rivalisierenden Großmacht einen seiner Amtsvorgänger. Xi lachte höflich. Den Höhepunkt erreichte die Symbolpolitik beim Staatsbankett. Trump überreichte seinem Gast eine 91 Zentimeter große Statue eines Weißkopfseeadlers.

Nach seinen Worten hatte sie ein herausragender amerikanischer Künstler geschaffen, entworfen in persönlicher Zusammenarbeit mit Melania und ihm selbst. Der Adler verkörpere den freien und hochfliegenden Geist Amerikas, sagte Trump, und er hoffe, dass er in Peking einen schönen Platz finde.  

Ein Adler, eine Schlange und zwei Pandas als Antwort

Der Adler hockt auf einem Ast, der so merkwürdig gewunden ist, dass das britische Kunstmagazin Apollo darin eher eine Schlange erkannte und sich an das mexikanische Staatswappen erinnert fühlte, auf dem ein Adler eine Schlange verschlingt. Eine Pointe, die man in Peking kaum überhört haben dürfte, denn im Chinesischen heißt die Schlange umgangssprachlich „kleiner Drache“.

Ein amerikanischer Wappenvogel, der den kleinen Drachen in den Fängen hält, als Geschenk für den Mann, der Chinas nationale Wiedergeburt verkörpern will. Ob Absicht, Ironie oder schlicht Geschmacksfrage, Diplomatie ist die Kunst, solche Deutungen gar nicht erst aufkommen zu lassen.

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Xi revanchierte sich mit zwei Pandas für den Zoo von Atlanta, Ping Ping und Fu Shuang, deren Namen sich mit „Frieden“ und „doppeltes Glück“ übersetzen lassen. Der eine schenkt einen Adler samt Pseudoschlange, der andere zwei lebende Friedensbotschafter auf Zeit. 

Ganz ohne Stolperer blieb allerdings auch Xi nicht. Als er an die Pingpong-Diplomatie der Siebzigerjahre erinnerte, jene Annäherung zwischen den USA und China, sprach er versehentlich von „Eis-am-Stiel-Diplomatie“. Wenn er dabei an die gleichnamige Filmreihe dachte, lag er mit den Siebzigern immerhin richtig.

Und zum Staatsbankett – als hätte sich ein Touristenpaar ins Weiße Haus verirrt und als gäbe es dort keinen Tee – brachten er und seine Frau ihre eigenen Thermoskannen mit; warme Getränke gelten in China ja als bekömmlicher. Aber das waren Kleinigkeiten. Ansonsten hatte Xi jede Geste im Griff. 

Xi sprach über Weltordnung, Trump über Sonderangebote

Xi hatte andere Themen mitgebracht als Granit. Die Thukydides-Falle, jene Theorie, nach der die Rivalität zwischen aufsteigender und etablierter Macht in den Krieg führt, könne überwunden werden, sagte er.

Der Wettbewerb beider Länder solle „gesund“ sein, chinesische Unternehmen müssten in den USA fair behandelt werden, und die Streitkräfte bräuchten einen regelmäßigen Dialog zur Krisenprävention. Außerdem sollten sich die USA gegen eine Unabhängigkeit Taiwans stellen.

Und darum ging es Peking eigentlich. Seit seiner China-Reise im Mai hält Trump ein Waffenpaket für Taiwan im Wert von rund 14 Milliarden Dollar zurück und nennt es einen sehr guten Verhandlungschip. Man muss kein Taiwan-Experte sein, um zu ahnen, wie man in Kiew zuhört, wenn Trump Waffenhilfe einen Verhandlungschip nennt.

Taiwan, Waffen und Perdues brisante Enthüllung

Wie Trump darüber denkt, verriet zwei Tage nach dem Besuch ausgerechnet sein Botschafter in Peking, David Perdue. Als Xi auf Taiwan zu sprechen kam, habe Trump die Waffenlieferungen als Routinegeschäft abgetan und Xi schließlich gefragt, ob er nicht selbst amerikanische Waffen kaufen wolle, erzählte Perdue bei Fox News.

Die Aussage sorgte für Irritationen, zumal republikanische Senatoren Trump vor dem Besuch gedrängt hatten, das Taiwan-Paket endlich freizugeben. Noch am selben Tag ruderte die Regierung zurück: Zwei US-Beamte versicherten dem Wall Street Journal, es gebe keine derartigen Pläne, und das Außenministerium stellte klar, dass US-Recht Waffenverkäufe an China verbietet.

Trump selbst will darüber nicht gesprochen haben, fügte aber hinzu, die Chinesen würden sie wohl gern kaufen, weil Amerika die besseren Waffen baue.