Was bleibt von der größten Weltmeisterschaft der Geschichte?


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Was bleibt von der größten Weltmeisterschaft der Geschichte?

104 Spiele, 48 Teams und vier Zeitzonen: Die WM in den USA, Kanada und Mexiko war größer als jede zuvor. Vor Ort zerfiel sie dennoch in mehrere Turniere. Und die Politik verschwand nie ganz

Kolumne

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Andreas Hagenauer

Ein Fußballspieler im Trikot der argentinischen Nationalmannschaft (Nummer 10) steht auf dem Spielfeld und blickt jubelnd in die Kamera. Der Rasen ist gleichmäßig grün.
Lionel Messis Argentinien trifft am Sonntag im Endpsiel auf Spanien. Es ist der Schlusspunkt einer gigantischen WM.

Eine Fußball-WM ist schon lange kein Sprint mehr. Ausdauer war gefragt, besonders heuer. Am Sonntag findet das letzte der 104 (!) Spiele der Endrunde statt. Nach dem Finale zwischen Spanien und Argentinien ist die WM in den USA, Kanada und Mexiko endgültig Fußballgeschichte. Dann wird sie die 2026er-WM heißen. Oder nur 2026. Da ist die Geschichte gnadenlos unkreativ. Aber auch gnadenlos pragmatisch. Nur wenige Momente in der Vergangenheit überstrahlten ein ganzes Turnier derart, dass man sich fast nur noch an sie erinnert. Zum Beispiel Maradonas Handspiel und sein Solo bei der WM 1986 in Mexiko: Das war seine WM, die Maradona-WM.

2026 wird als Jahreszahl eingeloggt. Vielleicht erinnert man sich an diese WM aber auch schon bald vor allem wegen ihres Ausmaßes, ihrer Länge und ihres Modus. 48 Teams waren dabei, 39 Tage dauerte es vom Eröffnungsspiel bis zum Finale, gespielt wurde in vier Zeitzonen und zu 13 verschiedenen Anstoßzeiten. Und egal ob Spieler, Betreuer, Organisatoren, Freiwillige, Medien oder Fans: Der Aufwand war für alle enorm. Organisatorisch, körperlich, aber für manche auch politisch und moralisch. Schon vor der WM erreichten uns Zuschriften, nein: Aufforderungen, die WM zu boykottieren. Zu brisant sei die geopolitische Realität, zu präsent sei US-Präsident Donald Trump, zu ignorant FIFA-Präsident Gianni Infantino. Es waren nicht so viele wie vor der WM 2022 in Katar, aber es gab sie.

Wenn die Welt in den Fußball rückt

Für uns stellte sich die Frage eines Boykotts nicht. Und das ist auch gut so. Es ist ein Irrglaube, Sport sei unpolitisch oder müsse unpolitisch sein. Dafür ist er zu groß, gesellschaftlich zu relevant und wirtschaftlich zu bedeutend. Eine WM ist keine Momentaufnahme, auch wenn ihr politischer Zeitpunkt und ihr Austragungsumfeld alles andere als ideal waren. Die gesellschaftspolitischen Diskussionen beschränkten sich lange auf das Vorfeld. Während des Turniers flammten sie rund um das iranische Team wieder auf. Auch nach dem Halbfinale zwischen Argentinien und England wurde sichtbar, wie schnell historische und politische Konflikte in den Fußball zurückkehren können: Argentinische Spieler präsentierten ein Transparent mit dem Slogan "Las Malvinas son Argentinas" ("Die Falklandinseln sind argentinisch").

Am deutlichsten zeigte sich die Verflechtung von Politik und Sport aber im Fall Balogun und der aufgehobenen Sperre des US-Stürmers. Die Intervention Trumps ging dabei über die übliche Nähe beider Bereiche hinaus. Wer mächtig genug ist, kann offenbar selbst bei einer Weltmeisterschaft eine Ausnahme von den üblichen Regeln durchsetzen. Das ist nicht bloß schlechte Optik, sondern ein Angriff auf die sportliche Glaubwürdigkeit.

Die entscheidende Währung ist und bleibt Macht. Sie zeigt sich auch in der Frage, wie groß dieses Turnier überhaupt wird. Unter Infantino wurde die WM auf 48 Teams ausgeweitet. Und es könnte nun in seiner Macht liegen, sie noch größer zu machen. Angedacht sind 64 Teams. Das ergäbe zumindest aus Sicht des Modus Sinn, weil sich damit die unglücklichen Vergleiche zwischen Gruppendritten vermeiden ließen. Und natürlich aus Sicht der Gewinnmaximierung: mehr Teams, mehr Länder, mehr Märkte. The sky is the limit.

Ausreichend Platz

Irgendwann stellt sich bei einer solchen Weltmeisterschaft auch die Frage nach dem Platz. 2026 stellte sie sich nicht. Die Distanzen waren immens. Gott ist dieses Land groß. Vor dem Fernseher waren das nächste Spiel und der nächste Spielort nur ein paar Kanäle, ein paar Knöpfe auf der Fernbedienung entfernt. Vor Ort hieß es: auschecken, zum Flughafen fahren, einchecken, Securitycheck – Sie kennen den Rest. Selbst wenn man sich nur innerhalb eines der großen Cluster bewegte.

Auf die gespannte Frage "Und wie war’s? Aufregend, oder?" antwortete ich kurz nach meiner Rückkehr aus Mexiko und den USA noch mit: "Fordernd." Bald reagierte ich auf die etwas enttäuschten Blicke und adaptierte: "Sehr aufregend, aber auch anstrengend."

Das Paradoxe an dieser WM war: Je näher man ihr kam, desto stärker verschwamm sie. Wer in San Francisco, Dallas oder gar Mexiko-Stadt war, bekam vom Osten und Norden kaum mehr mit als jemand vor dem Fernseher in Europa – womöglich sogar weniger. Die eigenen Tage bestanden aus Spielen, Reisen, Pressekonferenzen und der Frage, ob das Hotelzimmer schon bezugsfertig war. Was in Toronto, Boston oder Seattle geschah, erreichte einen als Ergebnis, Clip oder Nachricht auf derStandard.at. Es fühlte sich an wie drei, ja vier verschiedene Turniere. Eine Art Turniergefühl entstand dadurch nur punktuell – meist in den Stadien, kaum aber zwischen ihnen.

Kernkompetenz

Dabei waren die USA vielen Menschen in Europa in den vergangenen Monaten, ja Jahren politisch fremder erschienen. Donald Trump, Weltpolitik, Kulturkampf: Das Land wurde oft auf seine schrillsten und bedrohlichsten Seiten reduziert. Vor Ort wirkte es naturgemäß widersprüchlicher als in der Fernbetrachtung. Und eines wurde sehr schnell klar: Sport können die USA. Natürlich stellte sich auch die Frage: Können sie auch Fußball?

Ja, können sie. Die Fifa half freilich kräftig nach, die Austragungsorte waren perfekt durchorganisiert: Fanzone hier, Imbissstand dort. Zeitweise fühlte sich ein Stadionbesuch wie ein Navigieren durch Konsumoptionen an. Irgendwann akzeptierte man das als Kehrseite eines Services, der tatsächlich funktionierte. Man wollte gut sehen, versorgt werden und nicht allzu lange anstehen. Dafür wurde man auf dem Weg zum Sitzplatz eben noch an Schals, Shirts und Snacks vorbeigeführt. Eine Win-win-Situation, zumindest für die Veranstalter und viele Fans.

Das Herzstück im Süden

Auch abseits der Stadien lief fast überall Fußball im Fernsehen. Dass sich nicht immer besonders viele Menschen dafür interessierten, war kein Beweis für fehlende Sportbegeisterung. Der Unterschied zu Mexiko war dennoch spürbar. Das Land galt als emotionales Herzstück dieser WM, und tatsächlich musste man dort nicht auf einen Bildschirm schauen, um zu wissen, dass gerade ein Tor gefallen war. Man hörte es auf den Straßen, in Lokalen, aus offenen Fenstern. In den USA war Fußball vielerorts sichtbar. In Mexiko war er spürbar.

Das zeigte weniger einen Mangel an amerikanischer Sportkultur als deren andere Geschichte. Baseball, Basketball und American Football sind dort über Jahrzehnte gesellschaftlich verankert worden. Die Fußballtradition ist im Vergleich dazu noch jung. Der Hype um das US-Nationalteam zeigte aber, dass auch sie zu einer werden könnte.

Realer, kurzer Hype

Ein Hype um das österreichische Nationalteam war ebenfalls da. Nach 28 Jahren ohne WM-Teilnahme musste man ihn nicht künstlich erzeugen. Angesichts der ungünstigen Auslosung und der humorlosen Qualität des spanischen Spielverderbers verblasste er allerdings schnell. Nach dem klaren Ausscheiden gestanden auch Österreichs Teamspieler den enormen Qualitätsunterschied ein. So bleibt als Höhepunkt eines insgesamt ungefähr erwartbaren Abschneidens das Drama von Kansas City: der Ausgleich zum 3:3 gegen Algerien in letzter Sekunde, als der österreichische WM-Traum schon beendet schien. Für einen Moment war diese riesige, zersplitterte Endrunde dann doch sehr klein.

Vielleicht wird 2026 am Ende trotzdem nicht als WM der 48 Teams, der 104 Spiele oder der vier Zeitzonen erinnert. Vielleicht bleiben wieder nur ein paar Szenen, ein Tor, ein Jubel. Das wäre fast beruhigend. Denn so groß, weitläufig und lange diese Endrunde auch war: Am Ende verdichtet sich Fußball doch immer wieder auf einen Moment. (Andreas Hagenauer, 17.7.2026)

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