Was El Niño für Afrika bedeutet


"Für Afrika gibt es nicht die eine Klimageschichte. Die Auswirkungen werden je nach Region sehr unterschiedlich ausfallen", sagt Kgaugelo Mkumbeni, Forschungsreferentin im Projekt Climate Risk and Human Security am Institute for Security Studies in Pretoria, zur DW.

Im südlichen Afrika habe das Klimaphänomen El Niño in der Vergangenheit häufig "heißere und deutlich trockenere Bedingungen" verursacht, erklärt Mkumbeni. Dadurch steige das Risiko für Dürren, Wasserknappheit und eine zunehmende Ernährungsunsicherheit. In Ostafrika sei die Lage komplexer. Dort hängen die Auswirkungen von El Niño stärker von der jeweiligen Jahreszeit ab.

Landwirt arbeitet auf seinem Land während der Dürre
Dürren in Afrika können insbesondere für Kleinbauern Hunger und im Extremfall Hungersnöte zur Folge haben.Bild: Gianluigi Guercia/AFP/Getty Images

El Niño kurz erklärt

El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen, bei dem sich die Meeresoberfläche im zentralen und östlichen Pazifik ungewöhnlich stark erwärmt. Es tritt in der Regel alle zwei bis sieben Jahre auf und kann neun bis zwölf Monate andauern.

Je nach Region führt El Niño zu unterschiedlichen Wetterextremen: Während einige Gebiete heißer und trockener werden, nehmen andernorts Niederschläge und Überschwemmungen zu.

"Im tropischen Pazifik haben sich El-Niño-Bedingungen entwickelt, die sich in den kommenden Monaten voraussichtlich rasch verstärken werden. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit extremer Wetterereignisse in vielen Regionen der Welt", warnt die Weltorganisation für Meteorologie (WMO).

Zu den in Afrika besonders gefährdeten Ländern zählen Äthiopien, Kamerun, Kenia, Madagaskar, Malawi, Mosambik, Nigeria, Simbabwe, Somalia, Südsudan, Sudan und Uganda.

Die Erderwärmung verschärft die Folgen

Bhargabi Bharadwaj, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Environment and Society Centre der britischen Denkfabrik Chatham House, sagt zur DW, dass El Niño Niederschlags- und Temperaturmuster weltweit verändere. Welche Folgen dies habe, unterscheide sich jedoch von Region zu Region und hänge auch vom Zeitpunkt des Auftretens ab.

"Einige Regionen werden trockener, wodurch das Risiko für Dürren und Waldbrände steigt. Andere Weltregionen müssen dagegen mit stärkeren Niederschlägen, Stürmen und Überschwemmungen rechnen", sagt Bharadwaj.

Kommt ein Super-El-Niño mit weltweiten Fluten und Dürren?

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Nach Einschätzung vieler Klimaforscher verursacht der Klimawandel El Niño zwar nicht direkt. Er verstärkt jedoch dessen Auswirkungen. "Die globale Durchschnittstemperatur liegt inzwischen etwa 1,4 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau. Wenn ein El-Niño-Ereignis auftritt, fallen die Folgen deshalb extremer aus", sagt Bharadwaj.

Einige Experten befürchten zudem, dass sich in diesem Jahr ein besonders starker oder sogar "Super-El Niño" entwickeln könnte. Dabei lägen die durchschnittlichen Temperaturabweichungen bei rund zwei Grad Celsius oder würden diesen Wert nach aktuellen Prognosen erreichen.

Handeln, bevor die Katastrophe eintritt

Entscheidend ist nun, ob Regierungen und Hilfsorganisationen schnell genug reagieren können. Denn, so Bharadwaj: "Die Wissenschaft ist der Politik voraus."

Im Norden Kenias warnt Abdikadir Aden Hassan, Gründer der Initiative Garissa Million Trees, dass nicht nur starke Regenfälle und anschließende Überschwemmungen eine Gefahr darstellen. Problematisch sei vor allem, dass sie auf monatelange Trockenheit folgen könnten.

"Wir befinden uns derzeit in einer Trockenphase und steuern im August und September auf eine Dürre zu", sagt Hassan gegenüber DW. "Für Oktober, November und Dezember werden dann die kurzen Regenfälle erwartet. Die Menschen könnten sich gerade erst von der Dürre erholen - und unmittelbar danach von Sturzfluten getroffen werden. Das würde ihre Lebensgrundlagen ein zweites Mal zerstören."

Kenia Nairobi 2026 | Menschen waten durch Hochwasser nach starkem Regen in Ruai
Bei starken Regenfällen wie hier im April in der Nähe von Nairobis Hauptstadt Kenia kann das Wasser nicht schnell genug abfließen oder versickernBild: Monicah Mwangi/REUTERS

Angesichts dieser Risiken dürfe Klimavorsorge nicht allein Aufgabe einzelner Ministerien oder Regierungen sein, betont Mkumbeni. "Sie muss fester Bestandteil der Landwirtschaft, des Gesundheitswesens, des Wassermanagements, der Energieversorgung, des Bildungswesens und der sozialen Sicherungssysteme werden."

Klimawandel zwingt Menschen zur Flucht

Bewaffnete Konflikte, hohe Energiepreise, wachsende Staatsschulden, unterbrochene Düngemittellieferungen und Kürzungen internationaler Hilfen schwächen bereits heute die Fähigkeit vieler Staaten, auf externe Krisen zu reagieren. Deshalb sei die Prognose für 2026 besonders besorgniserregend, sagt Bharadwaj.

"Das Problem ist nicht allein El Niño. Das Klimaphänomen trifft auf ein ohnehin fragiles globales System. Viele besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen leben in Ländern, die sowohl unter hohen Importkosten als auch unter einer hohen Schuldenlast leiden."

Auch Aimee-Noel Mbiyozo, leitende Wissenschaftlerin am Institute for Security Studies, beobachtet, dass klimabedingte Extremereignisse bereits heute zahlreiche Menschen zur Flucht zwingen.

"Wirbelstürme und Überschwemmungen sind mit Abstand die wichtigsten Auslöser großflächiger Vertreibungen in Afrika", sagt sie. "Auch Dürren führen dazu - allerdings geschieht das meist schleichender." Die meisten Menschen wollten ihre Heimat jedoch nicht verlassen, betont Mbiyozo.

Afrikas Städte an der Front der Klimakrise

Dürren und die fortschreitende Wüstenbildung treiben immer mehr Menschen in die Städte. Diese müssen zunehmend klimabedingte Migration bewältigen - obwohl vielerorts bereits Wohnraum fehlt, öffentliche Dienstleistungen überlastet sind und ein großer Teil der Bevölkerung im informellen Sektor arbeitet.

Klimazeugen | Mumino Roble - Somalia
Immer mehr Klimaflüchtlinge flüchten in die Städte, warnen Experten.Bild: DW

"Der Großteil der Wanderungsbewegungen - ob plötzlich infolge einer Katastrophe oder schleichend - führt in die Städte", sagt Mbiyozo. Nach Schätzungen der Weltbank könnten bis 2050 allein infolge des Klimawandels bis zu 86 Millionen zusätzliche Binnenvertriebene in afrikanische Städte ziehen.

Sorge um den Tschadsee und das südliche Afrika

Besonders kritisch ist die Lage im fragilen Tschadsee-Becken. Untersuchungen zu Vertreibungen zwischen 2008 und 2024 zeigen, dass Naturkatastrophen dort inzwischen mehr Menschen aus ihren Heimatorten vertreiben als bewaffnete Konflikte, erklärt Mbiyozo.

Hinzu komme, dass sich beide Krisen gegenseitig verstärkten. "Wir beobachten zunehmend, dass Gewalt und Naturkatastrophen zusammenwirken." Die Region stehe damit vor einem "perfekten Sturm", in dem fragile Grenzregionen, gewaltbereiter Extremismus, nomadische Viehwirtschaft und Klimaschocks aufeinandertreffen.

Zerstörung durch Zyklon Freddy in Mosambik
Mosambik im Südosten Afrikas wird regelmäßig von starken Wirbelstürmen getroffen wie hier 2023 vom Sturm "Freddy"Bild: ALFREDO ZUNIGA/UNICEF /AFP

Auch das südliche Afrika bleibt ein Schwerpunkt der Sorge. Länder wie Mosambik, Malawi, Simbabwe und Madagaskar wurden in den vergangenen Jahren wiederholt von schweren Dürren und tropischen Wirbelstürmen getroffen. "Madagaskar wird inzwischen fast jedes Jahr von Zyklonen heimgesucht", sagt Mbiyozo. Mosambik wiederum habe in den vergangenen Jahren wiederholt Wirbelstürme von bislang unbekannter Stärke erlebt.

Reichen Frühwarnsysteme aus?

Einige Länder haben ihre Vorsorge bereits verbessert. Mosambik hat in Frühwarnsysteme investiert und die Aufklärung der Küstenbevölkerung über Klimarisiken ausgebaut. Südafrika verabschiedete ein Klimaschutzgesetz, das Experten als wichtigen politischen Fortschritt bewerten.

Malawi: verlässliche Informationen für die Krisenvorsorge

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Auch Kenia hat die Zusammenarbeit zwischen staatlichen Behörden und humanitären Organisationen verbessert. Dazu gehören Einsatzzentralen für Notfälle sowie Programme, um Menschen aus überschwemmungsgefährdeten Gebieten rechtzeitig in höher gelegene Regionen zu bringen, sagt Hassan. "Als Land sind wir heute deutlich besser vorbereitet und wesentlich besser organisiert."

Dennoch bleibe die internationale Unterstützung entscheidend. "Ohne zusätzliche Hilfe von außen könnten die verfügbaren nationalen Notfallmittel nicht ausreichen", so Hassan. Frühwarnsysteme allein genügten jedoch nicht, betont Hassan. Ebenso wichtig sei, dass finanzielle Mittel rechtzeitig bereitgestellt würden - bevor sich eine Katastrophe verschärfe. "Oft werden Gelder zwar bewilligt", sagt er. "Doch wenn ihre Auszahlung zu lange dauert, verschlimmert das die Folgen der Katastrophe."

Wie nötig die Hilfen sind, sehen auch internationale Organisationen. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und das Welternährungsprogramm (WFP) haben zu Spenden in Höhe von mehr als 200 Millionen US-Dollar (rund 175 Millionen Euro) aufgerufen. Mit dem Geld sollen 8,8 Millionen Menschen in 22 besonders gefährdeten Ländern vor den Folgen der erwarteten Rückkehr von El Niño geschützt werden. Geplant sind unter anderem Bargeldhilfen, die Verteilung klimaresistenten Saatguts, Maßnahmen zum Schutz von Nutztieren sowie Investitionen in den Hochwasserschutz. 

MItarbeit: Cai Nebe

Dieser Text erschien zuerst auf Englisch