Wiederaufbau zwischen Aufbruch und Stillstand


Stand: 12.07.2026, 18:18 Uhr

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Anlaufstelle für Flutopfer: Anneliese Baltes und Thorsten Rech im Lokal „Bahnsteig 1 – vor einem Bild der Zerstörung

Anlaufstelle: Anneliese Baltes und Thorsten Rech. © Pitt von Bebenburg

Nach der Flutkatastrophe vom Juli 2021 im Ahrtal stehen 30 Milliarden Euro für den Wiederaufbau bereit. Vieles wurde geschafft, doch Tausende Betroffene kämpfen noch immer mit Behörden und Baustellen.

Guido Orthen muss nicht lange überlegen. Wie weit der Wiederaufbau des Ahrtals nach der Flutkatastrophe vom 14./15. Juli 2021 ist? „Halbzeit“, sagt der CDU-Politiker kurz und prägnant.

Orthen, damals Bürgermeister der Kreisstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler und mittlerweile CDU-Landtagsabgeordneter, kam an jenem Abend aus dem Urlaub zurück und fuhr direkt zu einer Notunterkunft. Dort erlebten die aus ihren Häusern geflohenen Menschen eine schreckliche Nacht – voller Angst um die Angehörigen.

In jener Nacht kamen 135 Menschen im Ahrtal zu Tode, weitere starben an den Spätfolgen. Tausende Gebäude wurden zerstört, Dutzende Brücken, Straßen, Schienenwege, Schulen, Kitas. Ein bis dahin unvorstellbares Desaster, trotz der historischen Hochwasser, mit denen das Ahrtal schon immer konfrontiert war. Der Bund und die Länder stellten 30 Milliarden Euro für den Wiederaufbau zur Verfügung.

„Wir dürfen dankenswerterweise Milliarden an Unterstützung im Ahrtal verbauen“, lobt Landrätin Cornelia Weigand (parteilos). Neben Steuergeld fließen auch Milliarden an Versicherungsleistungen und an Eigenleistungen in die Region, Geld von Privatleuten, von Unternehmen und Stiftungen. „Wir gehen davon aus, dass schon über 15 Milliarden Euro hier verbaut wurden. Es kommen wahrscheinlich nochmals zehn Milliarden dazu.“

Doch während vieles vorankommt und etwa die Bahnstrecke neu gebaut, elektrifiziert und im Dezember 2025 als Vorzeigeprojekt eröffnet wurde, hinken andere Vorhaben hinterher. „Auch ich hätte mir gewünscht, dass wir fünf Jahre nach der Flut in der einen oder anderen Kita oder Schule schon eingezogen sind“, sagt Dominik Gieler (CDU), Bürgermeister der Verbandsgemeinde Altenahr. Doch er zeigt sich auch optimistisch: „Die Flut hat uns vieles genommen, aber nicht den Blick nach vorne.“ Manches dauert lange, länger als gedacht. Etwa der Bau von Schulen und Kitas. Seit fünf Jahren sind die Schülerinnen und Schüler der Ahrtalschule, einer „Realschule plus“, in Containern in der Gemeinde Grafschaft untergebracht. Das alte Gebäude aus dem Jahr 1971 hatte komplett unter Wasser gestanden. Nun wird ein Gebäude errichtet, das den aktuellen Kriterien an Brandschutz, Barrierefreiheit und Belüftung standhält – nach Angaben der Planer von Julius Berger International für gut 17 Millionen Euro. Wenn es gut läuft, können die Schülerinnen und Schüler Ende 2027 einziehen, nach sechseinhalb Jahren im Container.

Private Initiative hilft bei Anträgen

Die Planung zieht sich in die Länge. Aber viele Privatleute sind noch nicht einmal so weit gekommen. Sie hoffen darauf, ihre zerstörten Häuser im Ahrtal mit staatlicher Unterstützung wieder aufbauen zu können. Die zuständige rheinland-pfälzische Behörde, die Investitions- und Strukturbank (ISB), hat nach eigenen Angaben bisher knapp 18.000 Anträge bewilligt – mit einer Summe von rund 1,5 Milliarden Euro. Dabei machten Schäden am Hausrat mit 12.000 bewilligten Anträgen den größten Teil aus, während der Aufbau privater Wohngebäude in 3700 Fällen bezuschusst worden sei.

Thorsten Rech ist ein gut gelaunter Gastwirt. Im Jahr 2024 konnte er sein zerstörtes Fachwerkhaus direkt neben der Ahr im Weinort Mayschoß wieder eröffnen. „Die Wand war weg“, sagt Rech und zeigt hinter die Theke in seinem Gastraum. „Terrasse, Garage – alles war weg.“ Rech selbst erlebte die Unglücksnacht in seiner Gaststätte. Als das Wasser stieg, versuchte er vor allem, Weinflaschen ins erste Geschoss zu retten. Und sich selbst. Seine Fotos vom Morgen danach, als er die Ausmaße der Ereignisse zu sehen bekam, sehen aus wie in einem Katastrophengebiet. Und das war das Ahrtal ja wirklich. Eines dieser Fotos hat er im Gastraum aufgehängt – in einem braunstichigen Abzug, als handele es sich um ein 100 Jahre altes Bild. Doch tatsächlich ist es gerade mal fünf Jahre alt. Fast Gegenwart.

Wieder aufgebaut wurde das ehemalige Bahnhofsgebäude dank der Versicherung und auch mit Unterstützung aus dem Fonds, den das Land dafür aufgelegt hat. An manchen Stellen hat es gehakt, doch Wirt Rech hat die Hürden genommen.

Wiederaufbau an der Ahr in Mayschoß – mit Blick auf das Lokal „Bahnsteig 1“

Wiederaufbau in Mayschoß mit Blick auf das Lokal „Bahnsteig 1“. © Pitt von Bebenburg

Nicht bei allen Eigentümerinnen und Eigentümern lief das so. Bei Rech und der ebenfalls in Mayschoß gut vernetzten Anneliese Baltes melden sich immer mehr Menschen, die bei ihren Bemühungen um Geld vom Land nicht weiterkommen. Inzwischen haben Rech und Baltes die Bürgerinitiative „Bahnsteig 1“ gegründet, um ihnen eine Anlaufstelle zu geben.

In vielen Fällen gehe es darum, dass die Einschätzung in den Gutachten für die Hausbesitzer:innen nicht geteilt werde von denjenigen, die die Gutachten für die ISB erstellen, berichtet Rech. In solchen Fällen seien die Geschädigten überfordert, weil sie die Fachfragen nicht selbst einschätzen könnten. „Gutachter zu Gutachter, das wäre sehr sinnvoll“, sagt Rech. Die ISB widerspricht. „Die Erfahrung hat gezeigt, dass nahezu alle Fragen im direkten Austausch mit den Mitarbeitenden der ISB geklärt werden können“, sagt ISB-Sprecher Fabian Maier.

„Eine direkte Kommunikation mit den von den Antragsstellern beauftragten Gutachtern und den externen öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen, die im Auftrag der ISB die Schadensgutachten im Rahmen der Qualitätssicherung prüfen, ist nicht vorgesehen“, schildert der ISB-Mann und urteilt: „Der damit verbundene Aufwand würde den Bearbeitungsprozess eher verlangsamen als beschleunigen.“ Laut der ISB sind fast alle Fälle abgearbeitet. Mehr als 4000 Anträge seien bewilligt worden, mit einer Gesamtsumme von rund 700 Millionen Euro. Offen gewesen seien Ende Juni nur noch Anträge von 98 Unternehmen und 310 Anträge für private Gebäude.

Rech und Baltes können solche Zahlen kaum glauben. Allein sie wüssten von 60 Fällen. „Die Leute sind fertig, die können nicht mehr“, berichtet Anneliese Baltes. „Die sind ausgelaugt.“ Manche hätten es daher nicht geschafft, Anträge auf Wiederaufbauhilfe zu stellen. Andere seien innerhalb des Verfahrens verzweifelt.

Die meisten hätten ihre Häuser wieder aufgebaut. Aber das nächste Hochwasser werde kommen. „Dann hat sich das für viele erledigt“, ist Rech überzeugt. Diesmal sind viele, die vorübergehend weggezogen waren, wieder zurückgekommen. Gut möglich, dass sie das nach einer weiteren Flut nicht mehr schaffen würden.

Nichts aber steht so sehr für den erfolgreichen Wiederaufbau wie die Ahrtalbahn, die seit Dezember 2025 wieder fährt und auch noch elektrifiziert wurde. „Die Rückkehr der Bahn ist weit mehr als ein Infrastrukturprojekt – sie bringt uns ein Stück Normalität, Lebensqualität und touristische Zukunft zurück“, sagt Andreas Lambeck, Geschäftsführer des Ahrtal-Tourismus. Ein Meilenstein – zur Halbzeit des Wiederaufbaus, wenn Guido Orthen recht behält.

Chronik

Die Flut an der Ahr in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 gehört zu den schwerwiegendsten Katastrophen in der Geschichte der Bundesrepublik.

135 Menschen kamen durch die direkten Folgen der Flut im Ahrtal ums Leben. Weitere Menschen erlitten schwere Verletzungen oder verloren den Lebensmut und kamen in der Zeit nach der Flut ums Leben.

Rund 42.000 Menschen im Ahrtal waren direkt von der Katastrophe betroffen. Etwa 17.000 von ihnen verloren ihr Hab und Gut.

Mehr als 9.000 Gebäude sowie mehr als 100 Brücken entlang der Ahr wurden zerstört oder schwer beschädigt.

30 Milliarden Euro wurden von Bund und Ländern für den Wiederaufbau zur Verfügung gestellt. Diese Summe ist noch nicht aufgebraucht. Hinzu kamen die Milliardenbeträge, die von Versicherungen erstattet wurden, sowie mehr als 670 Millionen Euro an Spenden.

Schwere Versäumnisse wurden insbesondere dem damaligen Landrat des Kreises Ahrweiler, Jürgen Pföhler (CDU), angelastet. Die Justiz lehnte aber einen Strafprozess gegen ihn ab.

Ein Untersuchungsausschuss des rheinland-pfälzischen Landtags zeigte massive Defizite beim Katastrophenschutz auf. Es fehlte an funktionierenden Alarm- und Einsatzplänen sowie klaren Zuständigkeiten.

Politische Konsequenzen zogen eine Ministerin und ein Minister. Anne Spiegel (Grüne), während der Katastrophe rheinland-pfälzische Umweltministerin, legte 2022 ihr Amt als Bundesfamilienministerin nieder, weil sich herausstellte, dass sie nach der Flut in Urlaub gefahren war und sich vor allem um ihr Image sorgte. Innenminister Roger Lewentz (SPD) legte sein Amt nieder, nachdem schwere Versäumnisse bei der Beurteilung der Lage durch ihn und Landesbehörden nachgewiesen worden waren. pit