Was taugt die KI als Finanzberaterin?
Stand: 18.10.2026, 12:21 Uhr
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KI-Chatbots können Portfolios strukturieren – doch Experten warnen vor erheblichen Schwächen. Was die KI empfiehlt, hängt sogar davon ab, wie die Frage formuliert wird.
ChatGPT, Claude, Perplexity – Anwendungen der Künstlichen Intelligenz haben Einzug in den Alltag gehalten. Es liegt nahe, KI auch für Informationen zur privaten Geldanlage zu nutzen. Sie kann beispielsweise ein Portfolio strukturieren und analysieren. Anleger:innen können sich zudem neue Geldanlagen empfehlen lassen. In den USA und Großbritannien ist dies schon weit verbreitet, wie Umfragen zeigen.
„In Deutschland sind die Menschen skeptisch, gleichzeitig besteht durchaus Offenheit für digitale KI-Beratung“, sagt Rolf Tilmes, Vorstandsvorsitzender des Financial Planning Standards Board Deutschland (FPSB), der nationalen Zertifizierungsorganisation für private Finanzplaner als Teil des internationalen FPSB-Netzwerks. Zur Nutzung von KI in der Finanz- und Nachfolgeplanung hat Tilmes mehr als 1000 FPSB-zertifizierte Berater:innen befragt und diese im Oktober veröffentlicht.
KI und Risiko: Voraussetzung für eine erfolgreiche Finanzberatung ist es, das Risikoprofil und das Sicherheitsbedürfnis der Anlegerinnen und Anleger richtig einzuschätzen. Banken legen ihrer Kundschaft dafür umfangreiche Fragebögen vor. Darin stehen Fragen wie „Was ist der maximale Verlust, den Sie in einem Jahr akzeptieren könnten?“ oder „Wie lange können Sie das Geld anlegen, ohne darauf zugreifen zu müssen?“. Die KI benötigt diese Angaben auch. „Der Anleger muss deshalb Risikobereitschaft, Zeithorizont, Notgroschen und Verpflichtungen selbst aktiv in den Chat geben“, sagt Tilmes, „die KI verarbeitet nur, was im Prompt steht.“
Der Finanzexperte Yann Stoffel von der Stiftung Warentest empfiehlt, strukturiert an den Finanzdialog mit der KI heranzugehen. „Ich würde fragen: Was musst du von mir wissen, um mein Risiko einzuschätzen und mir ein passendes Portfolio vorzuschlagen?“, sagt er. Je genauer der Anleger der KI seine persönliche Situation beschreibe, desto brauchbarer würde ihre Antwort. „Der Anleger muss sich allerdings vorher selbst einige Gedanken machen“, sagt er, zum Beispiel zur Höhe des geplanten Investments und zu seiner Dauer. Hilfestellung fände sich zum Beispiel auf den Webseiten von Robo Advisorn, automatischen Anlageberatern. Dort gibt es Anlegerprofil-Tools, mit deren Hilfe sich ein Risikoprofil erstellen lässt.
KI und Standardfragen: „Bei klassischen Fragen zur Geldanlage kann KI durchaus gute Ergebnisse liefern“, sagt Stoffel. Er testete die Ergebnisse, indem er ein hypothetisches Anlegerprofil schuf und Parameter wie Alter, familiäre Situation, finanzielle Ausstattung und maximal tolerierte Verlusthöhe vorgab. Die KI habe den fiktiven Anleger korrekt eingestuft und die richtigen Schlüsse gezogen, berichtet er. Dafür habe die KI Daten verschiedener Portfolioaufteilungen herangezogen und mit der genannten Verlusttoleranz verbunden. „Bei solchen standardisierten Fragestellungen ist KI vergleichsweise stark“, sagt Stoffel. Dem stimmt auch Tilmes zu: „Die Auswertung historischer Daten kann die KI.“ Künftige oder persönliche Risiken würden aber nur eingeschränkt berücksichtigt. Das haben verschiedene Studien nachgewiesen.
KI und Prompting: „Sprachstil, Wortwahl, Finanzwissen und Erfahrung mit KI können die Empfehlung messbar verändern“, sagt Tilmes. In einer US-Studie führten unterschiedlich formulierte Prompts bei Männern und Frauen zu verschiedenen Risikoprofilen und langfristig zu erheblichen Vermögensunterschieden. Frauen hätten – folgten sie den KI-Empfehlungen – bis zum Alter von 60 Jahren 60.000 Dollar weniger Vermögen. Generell reagieren Sprachmodelle empfindlich auf kleine Änderungen im Prompt. „Besseres Prompting kann Empfehlungen strukturierter und teilweise genauer machen, beseitigt aber grundlegende Schwächen der KI-Beratung nicht“, sagt Tilmes.
Zuverlässigkeit der KI: Falsche Angaben oder frei erfundene Informationen, das sogenannte Halluzinieren, kommt bei KI-Chatbots auch in der Finanzberatung vor. Tilmes zitiert eine Untersuchung der Europäischen Rundfunkunion vom vergangenen Jahr. Diese ergab, dass fast die Hälfte der Chatbot-Antworten (45 Prozent) signifikante Mängel bei Genauigkeit, Quellenabgabe, Kontext oder der Trennung von Tatsache und Meinung aufwiesen. „Die Modelle wurden seither verbessert, aber Fehler bleiben möglich“, sagt Tilmes. Seine eigene Untersuchung zeigte: 52 Prozent der befragten Finanzfachleute erhielten bereits falsche Fakten von KI.
Auch Stoffel bestätigt: „Ich habe schon erlebt, dass KI merkwürdig schlechte oder schlicht falsche Antworten gibt. Das passiert häufiger, als viele Menschen vermutlich annehmen.“ Auch überteuerte oder betrügerische Angebote werden unter Umständen nicht von der KI erkannt. Um sich vor unseriösen Anbietern zu schützen, rät Tilmes, die Datenbank und die Warnliste der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht abzufragen.
Hinzu kommt, dass kommerzielle Kooperationen oder andere Interessen Einfluss haben können, sagt Stoffel. „ChatGPT kann Shopping- und Produktempfehlungsfunktionen haben“, so Tilmes. Alle sollten sich im Klaren darüber sein, dass die KI nicht die Verantwortung für ihre Empfehlungen übernimmt. „Das Risiko trägt der Anleger in der Regel selbst“, sagt er. Auch Datenschutzfragen muss jeder KI-Nutzer für sich selbst beantworten.
Aktualität von KI: Künstliche Intelligenz liefert unter Umständen veraltete Informationen. „Es ist wichtig, darauf zu achten, dass eine Live-Suche durchgeführt wird“, empfiehlt Tilmes. Dafür ist es notwendig, ein aktuelles Modell der KI zu nutzen. Wesentlich ist jedoch, die verwendeten Quellen auf ihre Aktualität zu prüfen, so beide Experten.
Die KI kontrollieren: Nicht jede KI nennt ungefragt die Quellen, die sie genutzt hat. Diese müssen erfragt werden. „Die KI sollte mir zeigen, auf welcher Webseite oder in welchem PDF sie die Information gefunden hat. Anschließend sollte man die Angaben selbst überprüfen“, sagt Stoffel. Anleger:innen sollten die Angaben zu den Fonds auf Websites wie finanzen.net oder auch test.de kontrollieren.
Tilmes schlägt vor, das KI-Sprachmodell mithilfe einer einfachen Gegenprobe zu testen: „Man kann dieselbe Frage mit gegenteiliger Prämisse stellen – zum Beispiel: Was spricht gegen einen empfohlenen Fonds?“ Damit wird die KI herausgefordert, denn sie neigt dazu, dem Gegenüber zuzustimmen.