Berlin muss mal
Kolumne Was war das denn?
Berlin muss mal
Als ich neulich auf der Kunstbiennale in Venedig war, musste ich mir unbedingt den viel besprochenen österreichischen Pavillon ansehen. Das Herzstück bilden zwei Dixie-Klos, die einen gefüllten Tank rahmen, in dem eine nackte Performerin mit Atmungsgerät steht. Ihre Haare schwimmen in Wellen von ihrem Kopf ab, sie steht fast regungslos und fixiert das Publikum mit starrem Blick. Davor laden freundliche Toilettenfrauen die Besucher:innen dazu ein, eine Urinspende abzugeben.
Die Künstlerin Florentina Holzinger hat eine ganze Kläranlage einbauen lassen, die diesen Harn dann filtert und in den Tank leitet. "I live in your piss" heißt die Arbeit. Ich lasse mich selbst auf eine Spende ein, nachdem mir die Performerinnen versichern, dass es die angeblich saubersten Toiletten Venedigs sind. Viele fühlen sich regelrecht geschmeichelt, mit ihrem flüssigen Beitrag Teil einer legendären Kunstperformance zu werden.
Von der Kunst eine Toilette zu finden
Zurück in Berlin das böse Erwachen: Das Finden einer (sauberen) öffentlichen Toilette ist eher eine Kunst für sich. Die meisten WCs sind entweder komplett verschmutzt, nur mit Karte bezahlbar, defekt oder einfach nicht existent. Gerade mit kleinen Kindern, die ihre Bedürfnisse eher Last Minute bemerken, kann das besonders im Winter schnell zu einer mittelgroßen Katastrophe führen.
Dabei ist es ja eigentlich nachvollziehbar, dass sich an Orten wie Spielplätzen ziemlich viele Kinder und Eltern oft mehrere Stunden aufhalten. Und dann natürlich auch mal müssen. Dennoch streiten sich in Internetforen Eltern über die Einhaltekompetenzen ihrer Zöglinge. Einige behaupten, es sei vermeidbar, dass diese direkt hinter den Spielplatz machen. Ihr Nachwuchs scheint Stahlblasen und eine eiserne Disziplin zu besitzen von denen ich als Erwachsene nur träumen kann.
Wer darf wo hinmachen?
Harndrang ist für mich schon seit der Kindheit ein überaus lästiger Alltagsbegleiter. Denn ich weiß, dass er zwangsläufig zu einem Problem wird, wenn ich in der Stadt unterwegs bin. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass sich der Körper beim Einhalten sogar noch besser konzentrieren kann. Wahrscheinlich, um schneller und aufmerksamer eine Toilette zu orten. Und wenn ich eine finde, muss ich ewig lang anstehen. So wie beim Frauenklo in fast jedem Club, Theater, Flughafen und allen anderen Veranstaltungsorten. Angespannt stehen wir dann dort mit unseren vollen Blasen, während häufig direkt daneben Männer in ihre Toilette wie Bienen in einen Stock rein- und raussausen.
Das ist leider kein Zufall, dass dieser Geschlechterunterschied so eklatant ist. Ende des 19. Jahrhunderts gab es in der Hauptstadt zunächst sogenannte "Bedürfnisanstalten" wie das Café Achteck nur für Herren, bevor dann erst ein paar Jahrzehnte später auch Frauen mitgedacht wurden. Und die kostenfrei nutzbaren Urinale an einigen Bezahlklos setzen diese Ungerechtigkeit in der Gegenwart fort. Das fragt nach der Sinnhaftigkeit von sanitärer Geschlechtertrennung.
Krimineller Mittelstrahl
Aber was passiert eigentlich, wenn es eben genau in dem dringenden Moment einfach keine Toilette gibt? Dann bleibt nur noch eine Option: Wildpinkeln - oder Wildurinieren, wie es von Jurist:innen genannt wird. Also sich einfach so in der Stadt oder Natur ergießen. Aber das ist ein Straftatbestand, der theoretisch zu einem Bußgeld von 5.000 Euro führen kann. Absurd eigentlich, denn laut den Vereinten Nationen ist auch die Sanitärversorgung ein Menschenrecht.
Doch die Stadt fühlt sich dafür nicht verantwortlich und verweist auf ihre 472 Toiletten, von denen 278 von der Wall GmbH betrieben werden, also 50 Cent kosten. So zeitgemäß die neue Kartenbezahlfunktion sein mag, sie ist dadurch für wohnungslose Menschen ohne Konto oder Ältere schwer bis gar nicht nutzbar. Und für sie ist das öffentliche Klo noch essenzieller. Mit guter Intention stellte die Wall GmbH 2024 ganze 107 Anlagen auf kostenfreie Nutzung um. In einer Stadt mit Millionen Einwohner:innen und Tourist:innen ein Tropfen auf den heißen Edelstahl. Andere wittern im Mangel durchaus ein Geschäft: Neulich kam ich an einem Laden vorbei, der schlappe 2 Euro für eine einmalige Toilettennutzung verlangte.
Frei wie die "Robbe im Spülsaum"
Als ich in Südkorea unterwegs war, bewegte ich mich dort total unbeschwert. Erst später verstand ich, weshalb: Es gibt dort an jeder Ecke eine sehr saubere, kostenfreie Örtlichkeit. So viele, dass ich es mir aussuchen kann, wann es wirklich drängt und ohne Ekel zu empfinden. Wäre das nicht auch in Berlin denkbar? Oder sollten zumindest die Strafen für das kriminelle Wildpinkeln bei fehlenden Sanitäranlagen überdacht werden?
So wie in einem bestimmten Sonderfall von 2023, als eine Person nachts am Strand in die Ostsee machte und vom Ordnungsamt belangt werden sollte. Das Gericht in Lübeck sprach ihn frei mit den poetischen Worten: "Der Mensch hat unter den Weiten des Himmelszeltes nicht mindere Rechte als das Reh im Wald, der Hase auf dem Feld oder die Robbe im Spülsaum der Ostsee."
Sendung: rbb|24, 09.09.2026, 16:15 Uhr
Audio: rbb|24, 09.09.2026, Julia Sie-Yong Fischer
Mehr bei rbb|24