Weltmeister mit Conterganschädigung: Begabungen sehen statt Grenzen
Stand: 03.09.2026, 18:27 Uhr
Kommentare
Matthias Berg hat 26 Medaillen bei Paralympics und Weltmeisterschaften geholt, als Solo-Hornist spielte er auf internationalen Bühnen. Heute ermutigt er andere, sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren.
Esslingen – Als Matthias Berg im Oktober 1961 geboren war, trauten sich die Ärzte zunächst nicht, ihn seiner Mutter zu zeigen, so schrieb es seine Mutter in ihr Tagebuch. Denn der kerngesunde kleine Junge war mit zwei verkürzten Armen zur Welt gekommen, an jeder Hand hat er nur drei Finger.
Content-Partnerschaft
Dieser Artikel entstand in einer Content-Partnerschaft mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Der Grund waren wenige Tabletten des Schlaf- und Schmerzmittels „Contergan“, die seine Mutter in der Schwangerschaft eingenommen hatte. Tausende Kinder wurden Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre wie er mit fehlenden oder fehlgebildeten Gliedmaßen geboren, nachdem den Schwangeren das Medikament empfohlen oder verschrieben worden war.

Die Mutter setzte sich dafür ein, dass er in einer Regelschule eingeschult wurde, auch wenn dies nicht alle Eltern der Grundschulklasse gut fanden, wie er sagt. Ebenso wie seine beiden Geschwister lernte er ein Instrument. Dass er begann, das Horn zu spielen, war eine pragmatische Entscheidung. „Da hat der liebe Gott sauber durchgezählt: Drei Ventile, drei Finger, das passt“, sagt der 64-Jährige mit einem Grinsen. Er gewann als Hornist Bundespreise bei „Jugend musiziert“ und begann eine Karriere als Solist.
Zwei Nationalmannschaften, drei Weltrekorde
Gleichzeitig war er sportlich erfolgreich: 14 Jahre war er im Ski-Alpin-Nationalteam für Menschen mit Behinderung, und zwölf Jahre in der Nationalmannschaft der Para Leichtathletik, wo er als Sprinter und Springer startete und im Weitsprung und Hochsprung bis heute in seiner Klasse den Weltrekord hält. Insgesamt 26 Medaillen bekam er. Nach dem Abitur absolvierte er ein Vollstudium Musik und eines in Jura und war gleichzeitig noch in zwei Nationalmannschaften unterwegs.
Nicht leicht war es für den damals zehnjährigen Matthias, als die Familie aus dem nordrhein-westfälischen Detmold in die baden-württembergische Kleinstadt Trossingen zog, daran erinnert er sich. „Krüppel“ und „Kurzärmle“ sei er genannt worden, oder „Kupferdächle“ wegen seiner roten Haare. Regelmäßig wurde er von einem Mitschüler gemobbt, der ihn von hinten packte und auf den Boden warf, so erzählt er. Das sind Verletzungen, die bleiben, die ihn aber nicht fesseln sollen, wie er viele Jahre später dann beschlossen hat.
Wenn er als Teenager im Zug unterwegs zum Hornunterricht an die Musikhochschule in Freiburg gewesen sei, hätte ihn viele Menschen angestarrt, was ihm sehr unangenehm gewesen sei, erzählt er. Bis er gemerkt habe, dass es hilft, wenn er aktiv wird, das Gegenüber anlächelt und anspricht, damit die Unsicherheit im Umgang mit ihm verschwindet. „Es ist nun mal so, dass ich anders aussehe. Dann schicke ich ein Lächeln rüber und im besten Fall kommt das zurück und dann geht es uns beiden gut. Keiner hat etwas falsch gemacht.“ Auch beim Begrüßen geht er aktiv auf die Leute zu und streckt die Hand aus. „Und dann weiß der andere, ich darf da hingreifen und die Hand drücken.“
Sportkommentator und stellvertretender Landrat
Wie Matthias Berg später erfuhr, hatte seine vor zwei Jahren verstorbene Mutter das ganze Leben über ein Schuldgefühl, dass ihr Kind wegen ihrer Einnahme von Contergan mit einer Behinderung leben musste. „Daran konnte ich trotz vielem Zureden nichts ändern“, sagt er. „Ich habe mich deshalb entschieden, meine Talente, die ich geschenkt bekommen habe, in ein erfülltes und möglichst ‚normales‘ Leben zu investieren und meiner Mutter damit zu zeigen, dass sie alles richtig gemacht hat in ihrem Leben.“
„Normal“ ist sein Leben bis heute nicht, sondern äußerst erfolgreich: 24 Jahre kommentierte er die Paralympics als Co-Moderator und Experte in Sportsendungen im ZDF, mehr als ein Jahrzehnt lang war er stellvertretender Landrat von Esslingen und hatte die Personalverantwortung für mehrere hundert Menschen.
Es kommt darauf an, was du mit dem Leben machst
Doch vor elf Jahren musste der vierfache Vater abrupt mit seiner Arbeit als stellvertretender Landrat aufhören - ebenso mit seiner Karriere als Hornsolist. Er bekam Probleme mit seinen Augen, mehrere Netzhautablösungen und Augenoperationen sorgten dafür, dass er seither nicht mehr als eine halbe Stunde am Stück konzentriert lesen kann.
Berg ist gläubiger Christ. Halb sarkastisch und halb als Hilferuf habe er in dieser Zeit dann zum Himmel geschaut und gesagt: „Lieber Gott - kurze Arme reichen dir wohl nicht?“ Und gleichzeitig habe er dennoch das Gefühl gehabt, dass er auch in dieser Situation auf Gott vertrauen könne: „Ich bin ja nicht alleine unterwegs.“ So beschloss er, seine Referententätigkeit auszubauen und ist als Redner, Coach und Seminar-Trainer gefragt.
Seit Kurzem ist Matthias Berg Mitglied der Landessynode, dem Kirchenparlament der württembergischen Landeskirche, und möchte dort seine juristische Expertise einbringen. Kirchengemeinden, findet er, sollten mehr Freiheit erhalten, sich stärker ehrenamtlich ausrichten und ihre Bedürfnisse vor Ort verantwortlich regeln.
Als Redner gibt er seinem Publikum vor allem eines mit, eine Botschaft, die er selbst verkörpert: „Es kommt nicht darauf an, wo das Schicksal dich hinstellt, sondern was du daraus machst.“