Russlands Wirtschaftskrieg gegen die Ukraine: Stahl, Medikamente, Lebensmittel – Putin zerstört systematisch


Wende im Ukraine-Krieg: Russland kopiert Taktik und nimmt Wirtschaft unter Dauerbeschuss

Stand: 24.09.2026, 14:24 Uhr

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Russland hat die Drohnen-Taktik der Ukraine kopiert – und trifft nun Stahlwerke, Medikamentenlager und Lebensmitteldepots. Und das kurz vor dem harten Winter.

Moskau – Die Ukraine hat in den vergangenen Monaten eine neue Kriegsstrategie erprobt – und damit Russland empfindlich getroffen: Mit gezielten Drohnenangriffen auf Wildberries-Lager und Ölraffinerien trug Kiew den Ukraine-Krieg erstmals tief in die russische Wirtschaft. Nun schlägt Moskau mit denselben Mitteln zurück.

Ein Saporischstal-Mitarbeiter steht vor einem offenen Herd in dem ukrainischen Stahlwerk.

Ein Saporischstal-Mitarbeiter steht vor einem offenen Herd in dem ukrainischen Stahlwerk. © Dmytro Smolienko/Imago

Doch Wladimir Putin beschränkt sich nicht auf Einzelangriffe, sondern will einen systematischen Wirtschaftskrieg: Russland hat die Drohnen-Taktik der Ukraine kopiert und wendet sie nun mit weit größerer Zerstörungskraft an.

Saporischstal: Vier russische Angriffe in wenigen Wochen

Der Betreiber Metinvest musste die Produktion im Stahlunternehmen Saporischstal schon nach dem ersten Einschlag im August stoppen. Das Werk war laut dem Spiegel mit mehr als drei Millionen Tonnen im Jahr 2025 der größte Stahlproduzent der Ukraine. Der Konzern sprach von den schwersten Schäden „seit dem Zweiten Weltkrieg“. Doch die Reparaturtrupps kamen kaum zum Einsatz, bevor die nächste Angriffswelle folgte: Ende August trafen erneut Geschosse das Werksgelände, am 12. September folgte die dritte Welle und am 17. September die vierte. Das kremlnahe russische Medium Komsomolskaja Prawda kommentierte das offen: Es gehe darum, „den Reparaturplan zu annullieren, noch bevor man ihn fertigstellen kann“.

Die Folgen für die Produktion sind dramatisch. Im August brach die ukrainische Stahlproduktion gegenüber dem Vorjahresmonat um mehr als 57 Prozent ein – auf gerade noch 277.000 Tonnen. Einem Bericht der Financial Times zufolge fielen im September sogar 90 Prozent der Produktionskapazität aus. So niedrige Werte hatte die Ukraine zuletzt unmittelbar nach Beginn der russischen Vollinvasion im Jahr 2022 verzeichnet. Der Kreml rechtfertigt die Angriffe mit der angeblichen Bedeutung des Werkes für die ukrainische Rüstungswirtschaft. Metinvest hingegen betont, in Saporischstal sei ausschließlich für den zivilen Gebrauch produziert worden.

Wirtschaftskrieg mit System: Putin nimmt Stahlindustrie und Medikamentenlager ins Visier

Doch Russlands Angriffe beschränken sich längst nicht mehr auf die Schwerindustrie. Der private Paketdienstleister Nowa Poschta meldete allein bis Anfang August Dutzende Angriffe auf Filialen, Depots und Sortierterminals. Lagerhallen aller Art geraten ins Visier: Große ukrainische Supermarktketten wie Silpo und Novus verloren Warendepots, und laut dem ukrainischen Agrarministerium hat das Land inzwischen 90 Prozent seiner Lebensmittellagerkapazität eingebüßt.

Besonders schwerwiegend ist die Zerstörung von Medikamentenlagern – darunter auch Depots der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Erste Apotheken melden, dass ihnen in wenigen Wochen wichtige Arzneimittel ausgehen könnten. Solche gezielten Angriffe auf zivile Einrichtungen können nach Völkerrecht als Kriegsverbrechen gelten.

„Russland hat begonnen, alle für die Ukraine relevanten Branchen systematisch zu zerstören“, sagte der Ökonom Robert Kirchner gegenüber dem Spiegel. Es gehe „schon längst nicht mehr nur um einzelne Häfen, Kraftwerke oder Lager. Es entwickelt sich ein umfassender Wirtschaftskrieg“, so Kirchner.

Russlands Doppelstrategie: Zermürbung der Ukraine und europäische Spaltung

Der Militärexperte Carlo Masala sieht in den Angriffen eine klare strategische Absicht. „Für Russland ist diese Zerstörung der ukrainischen Infrastruktur ein Versuch – wenn der Winter sehr kalt wird –, sozusagen ein großes Leid und vielleicht eine humanitäre Katastrophe unter der Zivilbevölkerung der Ukraine herbeizuführen“, erklärte Masala bei Welt TV. Gleichzeitig werde damit versucht, „die Kosten für die Europäer in die Höhe“ zu treiben.

Russland setze darauf, dass die Bevölkerung mancher europäischer Länder wegen der Ukraine-Hilfen auf die Politik Einfluss nehme. In Deutschland sieht Masala bereits erste Anzeichen dafür: „Da sehen wir ja jetzt schon aus allen Ecken die Argumentationen kommen, nehmen Sie nur den sächsischen Ministerpräsidenten, dass das alles sozusagen nicht richtig kalibriert ist. Das ist die Hoffnung Moskaus, dass man hier diesen Riss einfach vergrößern kann.“

Ukraine-Krieg: Wenig Hoffnung auf baldiges Treffen zwischen Selenskyj und Putin

Auf diplomatischer Ebene hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Rande der UN-Vollversammlung in New York ein konkretes Angebot gemacht: „Wir sind zu jeder Art von Energie-Waffenstillstand bereit“, falls Moskau zustimme, „unser Energiesystem nicht anzugreifen“. Masala sieht den „Ball“ nun bei Russland, rechnet aber nicht damit, dass Moskau diesen aufnehmen werde.

Ein Treffen mit US-Präsident Donald Trump bezeichnete Selenskyj als „positiv und produktiv“. Er erklärte: „Sowohl die USA als auch die Ukraine wollen, dass dieser sinnlose russische Krieg vor dem Winter endet.“

In Moskau sieht man das aber offenbar anders. Während Selenskyj immer wieder betont, dass er sich mit Putin treffen wolle, zögert Russlands Präsident. Zwar zeigt sich Putin öffentlich bereit dazu, betont aber fortlaufend, dass er sich nur in Moskau treffen werde. Selenskyj lehnt das ab – abgesehen von der Sorge um seine Sicherheit will er auch den Eindruck vermeiden, dass Kiew vor Moskau kapituliere. Das dürfte auch der Kremlchef wissen. (Quellen: Spiegel, Welt TV, Financial Times, dpa) (nak)