Wenn das Leben aus der Bahn gerät: Armut in der Region hat viele Gesichter
Stand: 22.07.2026, 20:33 Uhr
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Aktuelle Zahlen zeigen das Ausmaß von Armut im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Hilfsorganisationen schildern dazu eindrückliche Geschichten.
Landkreis – Eine Trennung, eine schwere Krankheit, der Verlust des Arbeitsplatzes – manchmal genügt ein einzelnes Ereignis, damit das Leben aus der Bahn gerät. Wie bei einem Senior in seinen Sechzigern. Als seine Frau unerwartet stirbt, steht er plötzlich allein mit Schulden da. Er fällt in eine Depression, kann nicht mehr arbeiten. Die Rente reicht vorn und hinten nicht, um über die Runden zu kommen. „Das ist doch kein Leben im Alter. Das ist Überleben.“
Schicksalsschläge treiben Menschen in Armut – auch zahlreiche Kinder betroffen
Es sind Schicksale wie diese, mit denen Hilfsorganisationen immer wieder zu tun haben. Auch im Landkreis Garmisch-Partenkirchen, der zu den wohlhabenderen in Bayern zählt. Bei einer Veranstaltung im Kongresshaus, organisiert vom Caritas-Zentrum Garmisch-Partenkirchen, unter anderem mit der örtlichen Tafel, dem Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) und dem katholischen Männerfürsorgeverein (KMFV), werden die Lebensgeschichten vorgetragen. Reale Fälle, die einen Blick in die Perspektive all derjenigen Menschen geben, die von Armut betroffen sind.

Martina Anton von der Caritas präsentierte dazu eindrückliche Fakten. Knapp 14.380 Menschen sind ihren Hochrechnungen zufolge im Landkreis, der insgesamt rund 89.350 Einwohner hat, armutsgefährdet. Die Grenze dafür liegt bei monatlich 1446 Euro für Einzelpersonen und 3036 Euro für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren. 5,9 Prozent aller Kinder zwischen Mittenwald und Spatzenhausen, das entspricht rund 790 Mädchen, Buben und Jugendlichen, sind von Armut betroffen. „Die Zahlen sind leicht gesunken, aber immer noch hoch“, warnte Anton. Ausschlaggebender Faktor, weshalb Menschen in Geldnot geraten, sind oft die Mieten. „Das ist im Landkreis besonders problematisch, weil hier die Mieten so hoch sind“, erläuterte sie weiter.
„Es kann jeden treffen – vom Bürgergeld-Empfänger zum Gutverdiener“
5754 Senioren im Landkreis sind demzufolge armutsgefährdet. Wie der Mann, der plötzlich in die Schulden rutschte. „Es kann jeden treffen – vom Bürgergeld-Empfänger bis zum Gutverdiener“, betonte Claudia Fichtl, die die Schuldnerberatung der Caritas leitet. Es ist die einzige kostenlose Anlaufstelle in diesem Bereich. Wer keiner bezahlten Arbeit nachgehen kann, der ist unter Umständen ebenfalls von Armut bedroht. 1740 Personen waren im Mai 2026 arbeitslos gemeldet.
Immer mehr Menschen haben kein Dach mehr über dem Kopf. Im Landkreis waren es der Bundeswohnungslosenstatistik zufolge 845. Hilfe finden Betroffene in der Obdachlosenunterkunft Loisachauen in Garmisch-Partenkirchen, wo derzeit 21 Personen untergebracht sind. „Zu uns kommen die Menschen mit nix“, sagte Sozialpä㈠dagogin Barbara Cunradi-Rutz, die an der Unterkunft arbeitet. Zum Großteil hätten sie psychische Erkrankungen. „Auch der Frauenanteil steigt.“
Soziale Angebote sind von hoher Bedeutung
Doch nicht die reinen Zahlen sollten bei der Veranstaltung eine Rolle spielen. Sondern vielmehr die Frage, wo von Armut betroffene Menschen Hilfe finden können. Und das nicht nur bei der Schuldnerberatung. Insgesamt hat die Caritas im vergangenen Jahr rund 470 Menschen betreut. Die allgemeine soziale Beratung des SkF zählte im selben Zeitraum 204 Fälle. Auch Angebote wie die Tafel, die an vier Standorten im Landkreis (Garmisch-Partenkirchen, Murnau, Mittenwald, Oberammergau) wöchentlich knapp 1000 Personen versorgt, sind von hoher Bedeutung.
Und da war die einhellige Meinung der rund 60 Zuhörer: Gut, dass es in der Region so viele soziale Einrichtungen gibt.