Wenn Gesetzeshüter zur Gefahr werden


Stand: 25.07.2026, 08:00 Uhr

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Die Jägerin - Gegen die Wut - Judith Schrader (Nadja Uhl) ermittelt im neuen Fall der Krimireihe "Die Jägerin" in den eigenen Reihen.

Die Jägerin - Gegen die Wut - Judith Schrader (Nadja Uhl) ermittelt im neuen Fall der Krimireihe "Die Jägerin" in den eigenen Reihen. © ZDF/Christoph Assmann

Rechtsextreme Polizisten, türkische Nationalisten und Angriffe auf Politiker: Nadja Uhl alias „Die Jägerin“ ermittelt im vierten Teil ihrer gleichnamigen Krimireihe auf brisantem Gebiet - und in den eigenen Reihen.

Clans, Rockergangs, Waffen, Drogen, Mord: Seit 2019 ermittelt Nadja Uhl als „Die Jägerin“ in der Welt der Organisierten Kriminalität. Ihre taffe Staatsanwältin Judith Schrader ist genreüblich gern auf eigene Faust unterwegs und oft persönlich involviert. So auch im vierten Film der Reihe, in dem sie nach einer Zwangsversetzung auf ein Comeback hofft. Waren im Vorgänger „Riskante Sicherheit“ (2023) Polizisten noch Opfer, werden sie in „Gegen die Wut“ zu Verdächtigen: Nach dem Angriff auf eine Politikerin geraten rechtsextreme Gesetzeshüter ins Visier. Was, wenn die Schützer des Staates ebenjenen auszuhöhlen gedenken? Auf mehreren Ebenen wagt sich der abermals von Regisseur İsmail Şahin spannend inszenierte Krimi an gesellschaftlich brisante Themen.

Die Jägerin - Gegen die Wut - Nur zögerlich nimmt Judith Schrader (Nadja Uhl) den Auftrag an, rechtsextreme Umtriebe bei der Polizei zu untersuchen.

Die Jägerin - Gegen die Wut - Nur zögerlich nimmt Judith Schrader (Nadja Uhl) den Auftrag an, rechtsextreme Umtriebe bei der Polizei zu untersuchen. © ZDF/Christoph Assmann

Die kurdischstämmige Politikerin Şirin Doğan (Idil Üner), die in ihrer Wohnung attackiert wird, hat sich mit klarer Haltung gegen deutsche Rechtsradikale und türkische Nationalisten viele Feinde gemacht und ist als neue Polizeibeauftragte auch bei manchen Berliner Beamten nicht gern gesehen. Islamisten, Nazis, Frauenfeinde ... - „Von allen Seiten“ werde sie bedroht. Ging es um Macht, Rache, Hass? Schrader will die Kollegen eigentlich nicht „madig machen“, übernimmt den Fall mit Aussicht auf Rückkehr ins alte Dezernat dann aber doch - und findet sich mit dem Team um Jochen Montag (Dirk Borchardt) bald in einem tiefen politischen Sumpf wieder.

„Frust versteh ick, rechte Sprüche kotz' ick“

Rassismus, Polizeigewalt, Machtkämpfe - die Verstrickungen scheinen komplex. Hat ein Polizist die Adresse der Politikerin verraten? Verdächtigt werden etwa der zwielichtige Ex-Beamte Sven Temme (Nicholas Reinke) sowie der Polizist Oktay Arslan (Adam Bay), einst Mitglied der türkischen Ultranationalisten „Verteidiger der Nation“ („Die hassen Kurden, Juden, Linke, Liberale, Schwule - das sind richtige Faschisten“). Kurzweilig überschlagen sich die Ereignisse; es geht um rechte Netzwerke und Chatgruppen, gestohlenen Sprengstoff und sogar einen geplanten Anschlag. Brisant wird es, als Schrader die junge Polizistin Jana Bloch (grandios: Sarah Mahita) als Informantin rekrutiert, um gegen ihren eigenen Partner zu ermitteln - emotionale Fallhöhe inklusive.

Schrader wird angesichts der internen Ermittlungen besonders skeptisch beobachtet. Wie vermeidet man pauschale Verdächtigungen von Beamten? Wie weit darf Loyalität reichen? „Frust versteh ick, rechte Sprüche kotz' ick“, weist der Hauptkommissar die Kollegen zurecht. Aufrichtig und mit gewohnt lockerer Berliner Schnauze fängt das atemlose Drehbuch von Robert Hummel und Peter Dommaschk die Ambivalenzen gekonnt ein.

Nicht einfach bei einem Thema, das auf einer verstörenden Realität basiert: Über 400 Fälle rassistischer und rechtsextremer Äußerungen von Polizeibeamten in Chatgruppen wurden allein 2024 bekannt - Tendenz angeblich steigend, Dunkelziffer unbekannt, Leugnen inklusive: Die Beteuerung, dass man nicht rassistisch sei, fällt auch im Film öfter. İsmail Şahin übersetzt die erschreckenden Fakten in einen fesselnden, facettenreichen Plot - „ohne belehrend zu wirken“, wie er sagt. Gefragt sei Fingerspitzengefühl, so der türkischstämmige Regisseur, dem auch persönlich zunehmend bewusst werde, „dass ich für andere anscheinend doch 'anders' bin“.

„Es geht um Motive, nicht um Wertung“

Das ZDF belässt die Krimireihe, die Thrillerpotenzial mit lockerem Ton vereint, auf hohem Niveau. Man habe zeigen wollen, so Şahin, „wie rechtsextreme Einstellungen und diskriminierende Haltungen Einzelne zu gefährlichen Taten treiben können“. Dass das funktioniert, liegt nicht nur am für gesellschaftliche Verwerfungen sensiblen Skript, sondern auch an Nadja Uhl, die ihrer Figur eine glaubhafte emotionale Komplexität verleiht. „Auch Heldinnen dürfen ambivalent sein“, bewertet sie die „filmischen Grenzüberschreitungen“ ihrer humorvollen Staatsanwältin, die sich diesmal gar in Lebensgefahr begibt.

Überwachung, Verfolgungsjagden, pointierte Dialoge: Klug und actionreich wagt sich der Krimi an ein heikles Thema - schließlich ist die Kritik an Missständen bei der Polizei noch immer nicht selbstverständlich. Wer sorgt für Recht und Ordnung bei jenen, die für Recht und Ordnung sorgen sollen? Wie gehen Staat und Gesellschaft mit den dunklen Seiten ihrer Institutionen um? Einfache Antworten liefert „Die Jägerin“ auf diese komplexen Fragen zum Glück nicht. „Es geht um Motive, nicht um Wertung“, erklärt Uhl. „Die darf und soll der Zuschauer treffen. Das aktuelle gesellschaftspolitische Bedürfnis nach zweifelsfreier Eindeutigkeit steht dem natürlich vollkommen unkünstlerisch konträr gegenüber.“

Ein fünfter Film der Krimireihe ist derweil aktuell in Arbeit: Unter dem Arbeitstitel „Die Jägerin - Der Tod ist weiß“ geht es um die Drogengeschäfte der berüchtigten kalabrischen 'Ndrangheta-Mafia. Ein Ausstrahlungstermin ist noch nicht bekannt. (Dieser Artikel entstand in Kooperation mit teleschau.)