Handy auf «Nicht stören»: Darum machen das so viele
Publiziert14. September 2026, 07:55
Bitte nicht stören«Wie eine Droge» – darum bleibt das Handy bei Jungen stumm
Gen Z ist ständig am Smartphone, aber trotzdem oft nicht erreichbar. Bei einer Umfrage auf der Strasse zeigt sich, dass sie vor allem selbst entscheiden wollen, wann sie antworten. Medienexperten ordnen ein, was hinter diesem Verhalten steckt.

Der «Nicht-stören»-Modus unterdrückt Benachrichtigungen und Anrufe auf dem Smartphone oder lässt sie nur eingeschränkt durch. Auf Englisch heisst die Funktion «Do Not Disturb», kurz DND. Für viele junge Menschen ist dieser Modus längst keine Einstellung mehr, die nur nachts aktiviert wird. Das Handy bleibt teilweise den ganzen Tag stumm. Anrufe, Nachrichten und Social-Media-Benachrichtigungen kommen zwar an, eine Push-Benachrichtigung lösen sie aber nicht aus. Du siehst sie erst, wenn du dein Handy aktiv entsperrst.
Wie gehst du mit der Erreichbarkeit auf deinem Handy um?
Ich habe es oft auf «Nicht stören», um meine Ruhe zu haben.
Ich schalte es nur in bestimmten Situationen stumm, sonst bin ich erreichbar.
Ich bin eigentlich immer erreichbar.
Ich habe feste Zeiten, in denen ich mein Handy checke.
Ich habe gar kein «Nicht stören» eingestellt oder weiss nicht einmal, was das ist.
Ich nutze mein Handy anders.
So wenig Ablenkung wie möglich
Wir wollten von euch wissen, wann ihr euer Handy auf DND stellt, und haben auf der Strasse nachgefragt. Loïc (23) aktiviert die Einstellung auf seinem Smartphone und seinem PC, wenn er arbeitet. «Ich will meine Zeit nicht verschwenden, wenn ich arbeite», sagt er. Vor allem Benachrichtigungen von sozialen Medien möchte er ausblenden. «Instagram und andere soziale Medien sind wie eine Droge. Also versuche ich, mich so wenig wie möglich ablenken zu lassen.» Der DND-Modus helfe ihm dabei, sich zu konzentrieren.
Ganz unerreichbar ist Loïc trotzdem nicht. Fünf Personen können ihn auch im Nicht-stören-Modus kontaktieren – er hat sie speziell eingestellt. Auf sein Handy schaut er bewusst nur zu bestimmten Zeiten. «Ich mache eine Pause und während dieser Pause schaue ich auf mein Handy, ansonsten nicht.»

Gabor ist «für alle unerreichbar»
Bei Gábor (33) bedeutet DND tatsächlich: nicht stören, und zwar spätestens zur Schlafenszeit. Jeden Abend ab 22 Uhr schaltet er sein Handy in den Flugmodus. «Am Abend bin ich unerreichbar, und zwar für alle», sagt er. Luciana (32) hingegen nutzt den Nicht-stören-Modus vor allem abends. Für sie bedeutet das aber nicht, dass sie grundsätzlich keine Anrufe bekommen möchte. «Mich stört es nicht, wenn meine Freunde mich spontan anrufen», sagt sie. Der Modus hilft ihr vielmehr dabei, weniger automatisch zum Handy zu greifen. «Wenn mein Handy auf ‹Nicht stören› gestellt ist, schaue ich viel weniger drauf.»

Bei Dominika (29) geht es beim Nicht-stören-Modus vor allem darum, Arbeit und Freizeit voneinander zu trennen. «Ich schalte die Arbeitsbenachrichtigungen aus, damit ich sie nicht sehe», sagt sie. Ganz konsequent klappt die digitale Auszeit nicht immer. «Natürlich ist es mein Ziel, nicht auf mein Handy zu schauen, aber manchmal werde ich neugierig und schaue doch mal drauf.» Omid (29) nutzt den Modus vor allem nachts: «Wenn mein Handy im Nicht-stören-Modus ist, schaue ich mir keine Nachrichten an.»

Widerstand gegen «aufgezwungene» Erreichbarkeit
Der Kommunikationsexperte Prof. Dr. Tobias Dienlin ordnet das Phänomen ein. Auf den ersten Blick wirke es widersprüchlich: «Menschen verbringen immer mehr Zeit am Smartphone, gleichzeitig wollen viele nicht ständig erreichbar sein.» Dienlin sagt: «Gerade weil wir viel Zeit online verbringen, machen wir uns zunehmend Gedanken darüber, diese zu reduzieren.»
Funktionen wie der DND-Modus könnten deshalb helfen, selbst zu entscheiden, wann man für andere erreichbar sein möchte. «Es wirkt oft so, als würden Benachrichtigungen oder Anrufe uns aufgezwungen werden. Das erzeugt eine Abwehrhaltung», erklärt Dienlin. Allerdings ist es laut ihm nicht sinnvoll, Benachrichtigungen dauerhaft komplett auszuschalten. «Studien deuten darauf hin, dass ein zeitlich begrenztes und gebündeltes Ausschalten förderlich sein kann.» Dadurch werde auch die Angst reduziert, etwas zu verpassen.
Über die Expertinnen und Experten

Tobias Dienlin ist Professor für Medienpsychologie und Methoden am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich.

Anne Schulz ist Assistenzprofessorin für Politische Kommunikation am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich.
Nicht stören: kein Phänomen nur bei Jungen
Prof. Dr. Anne Schulz sieht hinter dem Wunsch nach weniger Erreichbarkeit mehrere Faktoren. Smartphones seien heute «unverzichtbare Werkzeuge für Kommunikation, Organisation und soziale Beziehungen». Eine wichtige Rolle spielten zudem gesellschaftliche Erwartungen. «Der Wunsch, das Handy häufiger auf DND zu stellen, lässt sich nicht allein mit der verbrachten Bildschirmzeit erklären, es ist vielmehr eine Mischung aus dem Zusammenspiel der tatsächlichen Nutzungserfahrung und den gesellschaftlichen Erwartungen.»
Dass dieses Verhalten besonders typisch für die Gen Z ist, würde Schulz nicht sagen. Digitale Kommunikation ermögliche es heute jedem, jederzeit erreichbar zu sein, und schaffe damit zugleich die Erwartung, schnell zu reagieren. «Mit diesem Spannungsfeld müssen Menschen aller Altersgruppen umgehen.»
Bist du immer erreichbar oder hast du dein Handy gerne im «Nicht stören»-Modus?

Yasmina Al Dubai (yad), Jahrgang 2004, arbeitet seit Juni 2026 bei 20 Minuten. Sie ist Praktikantin im Lifestyle-Ressort.