Wie mittelalterliche Pergamente den Ursprung der Schafpocken enthüllten


Raffinierte Methode

Wie mittelalterliche Pergamente den Ursprung der Schafpocken enthüllten

Ein internationales Forscherteam gewann aus den Tierhäuten der alten Manuskripte genetisches Material, das die Entstehung des Pockenseuche rekonstruierbar machte

Klaus Taschwer

Wenn auf Schafen kleine, mit Flüssigkeit gefüllte Pusteln auftauchten, war das schon bei den Alten Römern ein schlechtes Omen. Die Schafpocken, eine hochansteckende Viruserkrankung, konnten ganze Herden vernichten und damit die Lebensgrundlage von Hirten und Bauern bedrohen. Bis heute ist die Pockenseuche der Schafe und Ziegen eine meldepflichtige Erkrankung und in Asien und Afrika verbreitet. Wie alt diese Krankheit tatsächlich ist und wann sie entstand, war bisher jedoch unklar.

Nun hat ein großes internationales und interdisziplinäres Team um den irischen Genetiker Kevin Daly (University College Dublin) eine überraschende Quelle erschlossen, um die Frage zu beantworten: mittelalterliche Pergamenthandschriften. Mit rund drei Dutzend Kolleginnen und Kollegen – darunter Barbara Richter und Herbert Weissenböck von der Vetmed-Uni Wien – fand der irische Forscher heraus, dass sich aufgrund der komplexen Pergamentanalysen die Ursprünge des Schafpockenvirus auf etwa 3000 Jahre vor unserer Zeitrechnung zurückverfolgen lassen.

Seite einer frühmittelalterlichen Handschrift.
Ausschnitt aus dem Cutbercht-Evangelium, das vermutlich um 790 in Salzburg verfasst wurde und jetzt zum Bestand zur Österreichischen Nationalbibliothek zählt. Aus diesem und anderen Pergamenten gewannen Forschende verwertbares genetisches Material, das über die verwendeten Schafe und ihre Erkrankungen Auskunft gab.

Pergament als Datenspeicher

Doch es war nicht der Inhalt der Handschriften, der Auskunft über die Tierseuche gab, sondern das Pergament selbst. Das wurde aus den Häuten von Schafen, Ziegen oder Rindern hergestellt. Obwohl diese Tierhäute während der Herstellung tagelang in Kalkgruben behandelt, abgeschabt und gespannt wurden, haben sie überraschend viel biologische Information bewahrt.

"Pergament erweist sich als außergewöhnlich guter Speicher für solche Daten", erklärt die Historikerin und Mediävistin Joanna Story (Universität Leicester), die an der Studie beteiligt war, in einem Interview für die Newsredaktion des Fachblatts Science. Für die Analyse rieben die Forschenden die Seiten alter Handschriften und Rechtsdokumente – darunter aus der Österreichischen Nationalbibliothek – vorsichtig mit Radiergummis ab. Aus den dabei gewonnenen Partikeln isolierten sie DNA, nicht nur von den Tieren selbst, sondern auch von Krankheitserregern, die die Tiere einst befallen hatten.

Genügend erhaltene Spuren

Dass überhaupt verwertbare Erbinformation erhalten geblieben war, überraschte die Forschenden aufgrund der massiven chemischen und mechanischen Bearbeitung, bevor die Häute als Schreibmaterial verwendet wurden. Hinzu kamen Jahrhunderte der Nutzung in Klöstern, Bibliotheken und Archiven. Dennoch fanden sich in den Proben genügend genetische Spuren, um sowohl die Tierarten als auch verschiedene Krankheitserreger zu identifizieren.

Karte von Europa und dem westlichen Teil Asiens mit Symbolen, die DNA-Quellen markieren.
Eine Karte der Orte, wo die in der Studie verwendeten Pergamente – und andere DNA-Quellen – herstammten.

Besonders aufschlussreich waren die Überreste längst ausgestorbener Varianten des Schafpockenvirus. Die analysierten Pergamente stammten aus dem Zeitraum vom 8. bis zum 15. Jahrhundert. Durch den Vergleich der unterschiedlichen Virusgenome konnten die Forschenden einen gemeinsamen Vorfahren rekonstruieren und dessen Alter abschätzen.

Das Ergebnis, das am Mittwoch im Fachblatt Science Advances publiziert wurde, lautet: Das Virus entwickelte sich vor rund 5000 Jahren zu einem spezialisierten Erreger von Schafen. Diese Datierung fällt auffallend mit einer tiefgreifenden Veränderung in der Tierhaltung zusammen. Archäologische Funde wie Webgewichte deuten darauf hin, dass Menschen auf den eurasischen Steppen damals begannen, Schafe systematisch zur Wollproduktion zu halten. Größere Herden und engere Tierkontakte schufen ideale Bedingungen für die Anpassung und Verbreitung von Krankheitserregern.

Landwirtschaft und Viren

"Wenn Schafe intensiver gehalten und für die Wollproduktion gezüchtet wurden, könnte das die Ausbreitung oder Evolution des Virus beschleunigt haben", erklärt Studienleiter Kevin Daly in Science. Die mobilen Hirten der Bronzezeit dürften das Virus zudem über weite Distanzen verbreitet haben.

Die neue Studie liefert damit nicht nur Einblicke in die Geschichte einer Tierseuche, sondern auch in die enge Verflechtung von Landwirtschaft und Krankheitserregern. In konkreten Fall wurde daraus zum Glück keine Zoonose, also eine Infektionskrankheit, die zwischen Tier und Mensch zirkuliert: Die Schafpocken können nicht auf den Menschen überspringen und haben nichts mit dem Schafblattern oder Windpocken zu tun.

Für die Wirtschaft vergangener Gesellschaften hatte die Krankheit vermutlich erhebliche Folgen. Schafpocken gehören zu den gefährlichsten Viruserkrankungen von Schafen. Vor allem Jungtiere sind stark gefährdet; bei Ausbrüchen können zwischen 50 und 80 Prozent der Lämmer sterben. Noch heute verursacht die Krankheit in Teilen Afrikas und Asiens erhebliche wirtschaftliche Schäden.

Neue Perspektiven

Auch methodisch eröffnet die Untersuchung neue Perspektiven. Mittelalterliche Bücher sind gewissermaßen biologische Archive. Für die Herstellung einer großen Bibel wurden oft Dutzende, manchmal sogar Hunderte Tierhäute benötigt. Jede Handschrift repräsentiert damit einen Querschnitt durch eine historische Tierpopulation. "Wenn man ein Buch in die Hand nimmt, hält man eigentlich eine ganze Schafherde oder Rinderherde in den Händen", sagt Story.

Die Studie wirft sogar ein neues Licht auf die Materialwahl mittelalterlicher Schreiber. Alison Ray von der Royal Irish Academy vermutet, dass Mönche möglicherweise bewusst die Häute erkrankter Tiere verwendeten. Starb eine Herde an einer Seuche, war das Fleisch oft nicht mehr nutzbar. Die Verarbeitung der Häute zu Pergament könnte daher eine pragmatische Form der Verwertung gewesen sein. (tasch, 5.9.2026)

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