„Will regieren“ und braucht den Sündenbock: Experte enthüllt das neue Machtspiel der AfD
Stand: 13.09.2026, 08:26 Uhr
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Wahlsieg ohne Machtbasis: Die AfD in Sachsen-Anhalt muss erstmals Kompromisse eingehen – oder das Scheitern geschickt auf andere schieben. Ein Experte erklärt.
Magdeburg – Die Wähler haben entschieden, aber die Macht bleibt vorerst aus. Die AfD feiert in Sachsen-Anhalt ihr historisch bestes Ergebnis, doch die absolute Mehrheit verfehlte sie knapp. Unter Ulrich Siegmund steht die Partei nun vor einer Premiere: Allein regieren ist nicht möglich, und bis auf das BSW haben alle verbliebenen Parteien eine Zusammenarbeit kategorisch ausgeschlossen. Und jetzt?

Was bleibt, ist der Kompromiss – ausgerechnet das Instrument, das dem populistischen Selbstverständnis der AfD am stärksten widerspricht. Löst die Partei den so oft beschworenen „Regierungsauftrag der Bürger“ ein? Oder greift sie zur bewährten Opferrolle und schiebt die Verantwortung auf gesprächsunwillige Mitbewerber?
Opferrolle trotz Wahlsieg in Sachsen-Anhalt? Was ein Experte der AfD voraussagt
Laut dem Politikwissenschaftler Lukas Stötzer, Professor für Quantitative Methoden an der Universität Witten/Herdecke, dürfte beides gleichzeitig geschehen. Die Opferrolle sei ein „wesentlicher Bestandteil des populistischen Selbstverständnisses der AfD“ – und werde auch in einer Regierungskonstellation nicht verschwinden, sagte er gegenüber der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA.
Stötzer geht davon aus, dass die AfD den Schritt in die Regierung wagen will. Gerade für die Bundespartei biete eine Regierungsbeteiligung in Sachsen-Anhalt eine strategisch wertvolle Bühne: Sie könnte die Regierungsfähigkeit der AfD unter Beweis stellen und damit den Anspruch auf Verantwortung auf Bundesebene untermauern. Der Wahlexperte ist überzeugt: „Die AfD will regieren.“
Gleichzeitig warnt Stötzer vor der verbreiteten Erwartung, dass Regierungsverantwortung die Partei automatisch entzaubern werde. Er hält dieses Szenario für „eher unwahrscheinlich“. In einer komplexen Regierungsstruktur lasse sich politische Verantwortung „relativ leicht auf andere Akteure und Institutionen verlagern“. Als mögliche Adressaten für Schuldzuweisungen nennt er Kompromisse im Landtag, das föderale System sowie politische Eliten in Berlin und auf EU-Ebene.
Die Opferrolle als Dauerstrategie: Wie die AfD trotz Regierungsauftrag an ihrem Weg festhalten kann
Das populistische Narrativ der AfD – liberale demokratische Institutionen als Hindernis eines „vermeintlich einheitlichen Volkswillens“ – dürfte laut Stötzer auch in der Regierung fortgeschrieben werden. Sollte die Regierungspolitik zu negativen Konsequenzen führen, werde die Partei die Verantwortung dafür auf andere abwälzen. Die Opferrolle bleibt damit ein flexibles Instrument – unabhängig davon, ob die AfD in der Opposition sitzt oder mitregiert. (Quellen: Eigene Recherche) (nmr)