Wind und Solar vor dem Aus? Neues Gesetz stoppt Ausbau in ganzen Regionen


Stand: 07.08.2026, 20:13 Uhr

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Ein neues Gesetz erschwert Wind- und Solarparks in vielen Regionen. Netzbetreiber dürfen Anträge bald ablehnen. Das trifft ganze Bundesländer hart.

Berlin – Wer in Deutschland einen neuen Windpark oder eine Solaranlage bauen will, muss sich künftig auf härtere Bedingungen einstellen. Das Bundeskabinett hat Mitte der Woche einen Gesetzentwurf aus dem Haus von Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche (CDU) beschlossen. Damit rückt ein Vorhaben näher, das die Regeln der Energiewende neu ordnet und in Teilen für erhebliche Kritik sorgt. Ab 2027 sollen erneuerbare Energien einen Teil der Privilegien verlieren, die sie bisher genossen haben. Kernstück des sogenannten Netzanschlusspakets sind neue Befugnisse für Netzbetreiber. Sie dürfen künftig Anträge für neue Wind- oder Solarparks ablehnen, wenn das betroffene Netzgebiet zuvor als „kapazitätslimitiert“ ausgewiesen wurde.

Solar- und Windanlagen in China

Wirtschafts- und Energieministerin Reiche will den Ausbau von Wind- und Solarenergie künftig stärker an die tatsächliche Netzkapazität koppeln. © Ng Han Guan/AP/dpa

Laut Gesetzentwurf der Bundesregierung gilt ein Netzgebiet dann als kapazitätslimitiert, wenn die Leistung der angeschlossenen Erneuerbaren-Anlagen im Vorjahr um mehr als fünf Prozent gedrosselt werden musste. Diese Einstufung ist öffentlich bei der Bundesnetzagentur einsehbar und kann laut Entwurf für bis zu sechs Jahre gelten, mit der Möglichkeit einer einmaligen Verlängerung um weitere eineinhalb Jahre. Wichtig dabei ist die technologiespezifische Betrachtung. Ein Gebiet kann allein für Windkraft als kapazitätslimitiert eingestuft werden, während neue Solaranlagen dort weiterhin problemlos angeschlossen werden dürfen, und umgekehrt.

Neues Netzanschlusspaket: Warum Netzbetreiber immer öfter abregeln müssen

Hintergrund der Neuregelung ist ein Problem, das die Energiewende seit Jahren begleitet. Der Zubau von Wind- und Solaranlagen läuft schneller als der Ausbau der Stromnetze. Weil Leitungen dadurch überlastet würden, müssen Netzbetreiber angeschlossene Anlagen immer häufiger abschalten oder drosseln. Bislang erhalten die Betreiber betroffener Anlagen dafür eine Entschädigung.

Diese Kosten summierten sich 2025 laut t-online auf rund drei Milliarden Euro und werden gemeinsam mit den Ausgaben für teureren Strom aus fossilen Kraftwerken unter dem Begriff Redispatch-Kosten zusammengefasst. Besonders betroffen sind Gegenden mit optimalen Wind- oder Sonnenbedingungen, die aber nicht zwingend dort liegen, wo der Strom gebraucht wird. Im industriereichen Süden und Westen springen dann meist konventionelle Kraftwerke ein, die deutlich teurer produzieren.

Und genau an dieser Stelle setzt das neue Gesetz an. In kapazitätslimitierten Gebieten soll es künftig keine oder deutlich geringere Entschädigungszahlungen mehr geben. Laut Gesetzentwurf müssen Betreiber neuer Solaranlagen in solchen Zonen auf eine Entschädigung für bis zu 20 Prozent ihres Jahresertrags verzichten, bei Windrädern in ausgewiesenen Vorranggebieten liegt die Grenze bei 18 Prozent. Weil Wetter, Stromverbrauch und Netzausbau schwer vorhersehbar sind, wird es für Investoren dadurch schwieriger, verlässliche Ertragsprognosen zu erstellen. Die Sorge in der Branche ist, dass Banken Kredite für solche Projekte künftig nur noch zu höheren Zinsen vergeben.

Weniger Geld für neue Anlagen: Diese Bundesländer könnten besonders betroffen sein

Wie viele und welche Regionen am Ende tatsächlich als kapazitätslimitiert eingestuft werden, lässt sich derzeit nur schwer vorhersagen. Anhaltspunkte liefert eine Untersuchung des Beratungsunternehmens Enervis im Auftrag des Ökostromanbieters Green Planet Energy. Sie hatte im Frühjahr das Abregelungsvorkommen des Jahres 2025 in allen deutschen Landkreisen analysiert, allerdings mit einer damals diskutierten Schwelle von drei statt der nun beschlossenen fünf Prozent. Auf dieser Basis wären 90 Landkreise betroffen gewesen, vor allem an der Ost- und Nordseeküste sowie in Bayern.

Nach Technologien aufgeschlüsselt hätten 73 Landkreise die Kriterien für Solarenergie erfüllt und 50 für Windenergie. Solarstrom dürfte es demnach vor allem in Bayern, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen schwerer haben, während bei der Windenergie die gesamte Küstenregion sowie Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Brandenburg im Fokus stehen.

Neues Netzanschlusspaket: Reaktion der Bundesländer noch unklar

Doch bei der Einordnung dieser Zahlen lohnt sich ein zweiter Blick. Das Jahr 2025 war windschwach, wodurch insgesamt weniger Windstrom erzeugt und entsprechend seltener abgeregelt werden musste. In einem durchschnittlichen oder besonders windreichen Jahr könnten also deutlich mehr Landkreise die Kriterien für eine Einstufung als kapazitätslimitiert erfüllen. Ein ähnlicher Effekt ist für Solaranlagen in besonders sonnenreichen Jahren denkbar. Da für die Einstufung jeweils nur das vorangegangene Kalenderjahr zählt, könnten auf diese Weise auch Landkreise betroffen sein, die eigentlich keine dauerhaften Netzprobleme haben.

Wie die Bundesländer auf den Kabinettsbeschluss reagieren, ist noch offen. Viele von ihnen haben eigene Ausbauziele für erneuerbare Energien vereinbart, einige wollen bereits 2040 klimaneutral werden und benötigen dafür zusätzliche Wind- und Solarkapazitäten. Die Energieministerien der Länder hatten bereits einen früheren Entwurf im Mai scharf kritisiert und eine Nachbesserung gefordert. Nun sind Bundestag und Bundesrat am Zug. Beide Kammern werden sich im Herbst mit dem Gesetzentwurf befassen und könnten dabei noch Änderungen vornehmen, bevor das Netzanschlusspaket final beschlossen wird. (Quellen: Gesetzentwurf der Bundesregierung, Studie Green Planet Energy)(ls)