„Wir holen uns unser Land zurück“: Wie die AfD mit KI-Tricks versucht, unser Denken umzukrempeln


Stand: 31.08.2026, 22:14 Uhr

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Die AfD setzt in Sachsen-Anhalt auf eine völkische Vision. Politologe Johannes Hillje erklärt, wie die Partei auch mithilfe von KI unser Denken verändern will.

Berlin – Rechtsextrem, aber richtig gut gelaunt: die AfD setzt in Sachsen-Anhalt auf einen neuen „Feelgood-Rechtsextremismus“, sagt der Berliner Politologe Johannes Hillje. 2016 hat der Spezialist für politische Kommunikation das Buch „Propaganda 4.0“ geschrieben. Davon erscheint jetzt eine ganz neue Ausgabe, denn seit damals hat sich viel verändert. Wie die AfD Brandmauern einreißen will und warum Ulrich Siegmund doch nicht der gefährlichste Mann Deutschlands ist, erklärt Hillje im Interview.

Herr Hillje, warum hat es diese zweite Ausgabe von „Propaganda 4.0“ gebraucht?

Es ist im Grunde ein komplett neues Buch. Weil sich in den letzten Jahren enorm viel im Bereich der politischen Kommunikation des rechtsextremen Milieus in Deutschland verändert hat.

Inwiefern?

Eine zentrale Veränderung ist die Nutzung von künstlicher Intelligenz in der PR-Arbeit. Und in diesem Bereich ist die AfD unter den Parteien Technologieführer. Zweifelsohne führt KI zu Disruption und Revolution der politische Kommunikation zugleich.

Politikberater Johannes Hillje in seinem Büro in Berlin.

Politologe und Autor Johannes Hillje in seinem Büro in Berlin. © Peter Sieben

Warum ist die AfD Technologieführer? Sind die anderen Parteien zu langsam?

Social Media war von Anfang an das wichtigste Kommunikationsmittel der AfD. Sie ist sozusagen ein Digital Native im Parteiensystem. Bis heute ist sie in diesem Bereich anderen Parteien immer einen Schritt voraus, war auf TikTok ein sogenannter First Mover, hat die Plattform systematisch und strategisch bespielt und flutet die Netzwerke jetzt, in Teamarbeit mit ihrem Vorfeld, mit massenhaft produziertem KI-Slop.

Könnten die demokratischen Parteien nicht auch mehr auf KI setzen?

Ja, aber man muss die Grenze zwischen KI als Werkzeug einerseits und KI als Werk andererseits einhalten. Rechtspopulisten nutzen KI, um ihre Feindbilder noch bedrohlicher und stereotyper zu zeichnen. Außerdem haben sie in den sozialen Medien einen strukturellen Vorteil. Es gibt einen Magnetismus zwischen Algorithmus und Populismus. Stilmerkmale rechtspopulistischer Kommunikation – stark zu emotionalisieren, zu polarisieren, zu provozieren – werden von den Auswahlmechanismen der Algorithmen belohnt. KI kann Bilder und Videos mit solchen Botschaften noch effizienter produzieren.

Der Begriff Brandmauer ist zentral in Ihrem Buch. Wieso?

Weil er die typische Sprachstrategie der AfD veranschaulicht. Diese ist dialektisch: Die Partei bringt einerseits immer wieder neue, oft radikale Begriffe in den Diskurs ein und deutet andererseits gängige Begriffe in ihrem Sinne um. Die Brandmauer wurde erstmals in den 1990er Jahren im Zusammenhang mit der DVU benutzt. Bedeutung: Man koaliert und kooperiert nicht mit einer rechtsextremen Partei. Ein nachvollziebares, demokratisches Prinzip. Und heute nutzen wir den Begriff anders? Heute wird unter Brandmauer alles Mögliche verstanden. Die angebliche Diskriminierung von Wählerinnen und Wählern, eine Strategie gegen die AfD oder als angebliche Weigerung, überhaupt mit der AfD zu reden. Dabei redet man ja ständig mit der AfD, sowohl in den Medien als auch in Parlamenten. Carsten Linnemann nennt Brandmauer gar als „linken Begriff”, der die Debatte vergiftet habe. Schutzmechanismus der Demokratie als Gift?

Die AfD würde sagen: Eine Brandmauer ist undemokratisch, weil sie eine gewählte Partei ausschließt.

Das ist Unsinn. Es gab immer wieder Parteien in der Bundesrepublik mit hohen zweistelligen Wahlergebnissen, die nicht an der Macht beteiligt waren. In der Demokratie gilt nunmal das Mehrheitsprinzip, und das wird durch die Brandmauer nicht ausgehebelt, deswegen ist sie nicht undemokratisch. Ich halte es für sehr gefährlich, wie wir uns dem Begriffsverständnis der AfD angenähert haben. Ihre Sprachstrategie geht wieder einmal auf.

AfD in Sachsen-Anhalt: „Die Neonazi-Netzwerke des Ulrich Siegmund“

Haben Sie einen besseren Begriff?

Friedrich Merz hat mal gesagt, der Unterschied zwischen der CDU und der AfD bestehe darin, dass die AfD in die Zeit vor Adenauer zurückwolle und die CDU für das Deutschland ab Adenauer stehe. Das ist eine treffende Unterscheidung. Daraus würde ich zum Beispiel den Begriff „Adenauer-Linie” ableiten. Man könnte auch von demokratischer Grenzsicherung sprechen.

Da würde die AfD sagen, dass sie ja auf der demokratischen Seite steht.

Es geht aber nicht darum, was die AfD behauptet. Das ist nicht der Maßstab. Sondern es geht darum, die Grenzen des demokratischen Spektrums tatsächlich abzusichern. In letzter Konsequenz ist es eine verfassungsrechtliche Frage.

In Sachsen-Anhalt könnte die AfD die absolute Mehrheit holen. Der Spiegel hat den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund im Titel den „gefährlichsten Mann Deutschlands“ genannt. Ist er der gefährlichste Mann?

Nein. Ich finde das Spiegel-Cover sehr unglücklich. Es zeigt einen Rückfall in alte Fehler des journalistischen Umgangs mit der AfD, als Personen wie Björn Höcke immer wieder aufs Neue dämonisiert wurden. Wenn man die AfD nur dämonisiert, popularisiert man sie auch. Für ihre Zielgruppe ist das ein Ritterschlag.

Was wäre ein besserer Cover-Titel gewesen?

Zum Beispiel „Die Neonazi-Netzwerke des Ulrich Siegmund“. Darum geht es ja in der Geschichte. Siegmund gibt sich betont ungefährlich, umgibt sich aber mit vielen ehemaligen und heutigen Neonazis. Eine andere Variante: „Der Blender“. Das hätte er sicher nicht signiert und verteilt, als Feel-Good-Rechtsextremist.

Siegmund setzt auf gute Laune und auf Nostalgie, wenn er auf dem Simson-Moped durch die Lande fährt. Warum verfängt das bei vielen?

Ulrich Siegmund und seine AfD bieten den Menschen etwas, was die anderen Parteien seit sehr langer Zeit nicht mehr bieten: eine Identifikationsfläche, ein Gemeinschaftsgefühl und eine Vision. Diese AfD-Kampagne ist eine neue Stufe der AfD-Propaganda. Inwiefern? Früher hat die Partei sich selbst verharmlost und sich moderater gegeben, insbesondere bei ihrer ausgrenzenden Rhetorik. Sie wollte anschlussfähig in der Mitte sein. Bei der AfD in Sachsen-Anhalt geht das aber viel weiter.

Ein Buchcover

Zweite Ausgabe, neuer Untertitel: „Wie rechte Populisten Brandmauern einreißen.“ Erschienen im Dietz-Verlag, seit Ende August erhältlich. © Dietz

Nämlich?

Das ist ein sich verharmlosender völkischer Visionismus. Sie ist nicht mehr nur gegen etwas, sie steht für ein Projekt. Die Partei erzählt: Wir schreiben Geschichte, wir holen uns unser Land zurück, wir sind die Speerspitze der Demokratie. Da gibt es zumindest eine Idee von Vision, die den anderen Parteien völlig abhandengekommen ist. Die AfD wird für viele zum Sehnsuchtsort, während andere Teile der Gesellschaft sie als Horrorshow sehen. Aber dieser Teil ist in manchen Gegenden Ostdeutschlands deutlich kleiner geworden.

MAGA und Trump als Vorbild: „Rechtspopulistisches Medienökosystem“

Sie schreiben: Es geht der Partei nicht um kurzfristige Aufmerksamkeit. Was ist denn das langfristige Ziel?

Die AfD strebt eine kulturelle Hegemonie an, sie will die Gesellschaft umkrempeln. Das beginnt im vorpolitischen Raum. Über Medien, Vereine, freiwillige Feuerwehren will sie eine Veränderung von Werte- und Denkmustern schaffen.

Wie geht das?

Das kann man auf unterschiedlichen Ebenen beobachten. Engagement in Vereinen, Präsenz auf Dorfplätzen, Vereinnahmung von Dorfkneipen. Und in Schulen will sie gegen Lehrer vorgehen, die vermeintlich linke Positionen vertreten. Der kulturelle Wandel kommt vor dem politischen Wandel, nach dem Motto: Wir erobern erst die Hoheit über die Köpfe und dann die Hoheit über die Parlamente. Dieser Ansatz geht auf Andrew Breitbart zurück, einen Vordenker der MAGA-Bewegung in den USA.

AfD-Politiker aus Sachsen-Anhalt haben Kontakt zu MAGA. Ist Trump Vorbild?

Die AfD hat mittlerweile mit Donald Trump gehörige Probleme. Der Angriff auf den Iran wird sehr kritisch gesehen. Und in Ostdeutschland hat die AfD eine stärkere Nähe zum Kreml. Aber auf medienstrategischer Ebene ist die MAGA-Bewegung ein wichtiges Vorbild für die AfD.

Wie zeigt sich das?

Die AfD baut ein alternatives Mediensystem mit Streamern, Newsseiten und professionellen Medienschaffenden nach MAGA-Vorbild auf. Diese Medienaktivisten begegnen etablierten Journalisten oft sehr konfrontativ. Und dieses rechtspopulistische Medienökosystem ist angetreten, um den unabhängigen Journalismus abzulösen.

Gehören Medien wie Nius oder Apollo News dazu?

Das sind klassische Türöffnermedien, die eine gewissse organisatorische und redaktionelle Distanz zur AfD haben, aber deren Narrative sehr stark verbreiten und Kampagnen im Sinne der AfD mittragen.

Beobachter bewerten die kritische Berichterstattung kurz vor der Landtagswahl über GdP-Vizechef Sven Hüber, die zu dessen Rücktritt geführt haben, als Kampagne. Passt das?

Ja, das ist die von der AfD gewünschte mediale Eskalationsspirale. Türöffnermedien haben die Funktion, deren Themen in Mainstream-Medien wie Welt oder Bild zu tragen. Dann ist das Ziel erreicht, dass nicht nur Alternativmedien etwas behaupten, sondern auch reichweitenstarke Leitmedien es übernehmen. Das erinnert sehr stark an den Fall Brosius-Gersdorf, ebenfalls losgetreten von Nius und Apollo und dann mit ähnlichem Zungenschlag im Springer-Verlag. Es gibt eine hohe Kampagnenfähigkeit des rechtspopulistischen Medienökosystems. Sie wollen den Mainstream besetzen – und das ist hier ein weiterer Fall, wo es gelungen ist.

Wie schlägt sich denn Kanzler Friedrich Merz im Umgang mit der AfD?

Merz fährt eine widersprüchliche Strategie. Einerseits setzt er auf politische Abgrenzung, andererseits bedient er immer wieder rechtspopulistische Narrative, etwa mit seinen Aussagen über Stadtbilder, Zahnarzttermine von Geflüchteten oder den angeblichen Sozialtourismus von Ukrainern. Die Leute wählen am Ende aber das Original. Es hat der AfD auch geholfen, dass Merz vor der Bundestagswahl von einem Wirtschaftswahlkampf auf einen Migrationswahlkampf gewechselt ist.

Wobei das Thema Sicherheit angesichts von Anschlägen durchaus aktuell war.

Natürlich machten die Anschläge in der Zeit eine Thematisierung notwendig, aber er hätte den Schwerpunkt nicht so dramatisch verschieben müssen. Dadurch hat er das zentrale Thema der AfD noch größer gemacht.

Wie kann man es als Gesellschaft denn besser machen?

Man muss die Fixierung auf die AfD überwinden. Im Wahlkampf und generell. Es muss doch für die Parteien darum gehen, die eigenen Ideen, das eigene Zukunftsbild zu präsentieren, um Menschen zu gewinnen, statt immer nur über die Konkurrenz zu reden.

Braucht es einen Populismus der Demokraten?

Es braucht nicht eine andere Form des Populismus – keinen linken oder progressiven Populismus. Denn der lebt vom Konflikt „Volk gegen Elite“, dieses Elitenbashing würde der Demokratie nicht guttun. Es braucht emotionale und attraktive Zukunftsbilder, die auch Zumutungen akzeptabler machen. Wenn Merz die Menschen zum Mitmachen auffordert, brauchen die Menschen einen Anreiz: Wozu das Ganze? Warum soll ich mich am ersten Krankheitstag zum Arzt schleppen? Die Antwort darauf fehlt meist. Ich plädiere daher für einen demokratischen Visionismus, der den Menschen Selbstwirksamkeit ermöglicht.