Deutsche Schüler: „Wir stehen an der Seite der Streikenden in Frankreich, Belgien, Zypern, Albanien“


Stand: 20.10.2026, 20:10 Uhr

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Proteste in Frankreich: Szene aus Paris (19. Oktober

Proteste in Frankreich: Szene aus Paris (19. Oktober) © GUILLAUME SALIGOT/AFP

Parallel zu den europaweiten Protesten gehen auch deutsche Schüler auf die Straße. Ein 16-jähriger Aktivist erklärt die Motive hierzulande.

Hamburg – Die französischen Proteste gegen Sparpolitik, Bildungsnotstand und hohe Lebenshaltungskosten erreichen Deutschland. Anders als bei den teils massiven Ausschreitungen im Nachbarland verlaufen die Aktionen an deutschen Schulen bislang weitaus ruhiger. Doch die Jugendlichen verbinden ihre Solidarität zunehmend mit eigenen politischen Zielen.

Seit Wochen halten soziale Unruhen und Großdemonstrationen Teile Europas in Atem. Was in Frankreich als Schülerstreik gegen marode Gebäude und Lehrermangel begann, hat sich längst zu einer breiteren Bewegung ausgeweitet.

Übersicht: Wo sich in Europa die Wut entlädt

LandSchauplätze & AnlassKernforderungenEskalationsgrad
FrankreichParis, Marseille, Lyon, Limoges u. a.Gegen Lehrermangel, schlechte Lernbedingungen & hohe LebenshaltungskostenSchwere Krawalle; Rathaus in Limoges in Brand gesetzt; über 1.800 Festnahmen; lokale Ausgangssperren
ItalienRom, Mailand, Bologna, Turin etc.Proteste von Studierenden gegen Regierungspolitik & TeuerungAusschreitungen und Plünderungen vor allem in Mailand; über 270 Festnahmen
BelgienBrüssel und weitere GroßstädteGegen steigende Bildungskosten, Hochschulreformen & SparprogrammeStraßenschlachten; Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein
Spanien & PortugalMadrid, Lissabon, Porto (Demos in über 50 Städten)Kampf gegen Wohnungsnot, Mietenwahnsinn & Bildungskürzungen (Lehrerstreiks)Spanien: Ministerpräsident Sánchez kündigt Neuwahlen an; Portugal: Räumung von Zeltlagern
AlbanienTiranaGegen drastische Studiengebühren & umstrittene Luxus-BauprojekteSchwere Ausschreitungen, Brandstiftungen an Gerichtsgebäuden; Einsatz von Gummigeschossen

Wehrpflicht und Bildungsmängel als Antrieb in Deutschland

Dass die Proteste reine emotionale Impulsreaktionen seien, weist der 16-jährige Elias Bernhard entschieden zurück. Er ist im Schulkomitee Hamburg aktiv: „Wir stehen an der Seite der streikenden Schüler:innen in Frankreich, Belgien, Zypern, Albanien und allen weiteren Ländern.” 

Gegenüber fr.de von Ippen.Media betonte er, dass die Bewegung in Deutschland eng mit der Kritik an realen Missständen verknüpft sei: Er verweist auf überhitzte Räume, Klassen mit über 40 Schülerinnen und Schülern sowie einen fortschreitenden Verfall der Bildungsinfrastruktur.

Als zentralen emotionalen Katalysator in Deutschland sieht Bernhard jedoch die Debatte um die Wehrpflicht. Die Pläne der Bundesregierung seien aus Sicht vieler Jugendlicher ein Versuch, „uns auf Kriege vorzubereiten, die nicht in unserem Interesse geführt werden“. Es sei widersprüchlich, dass massive Summen in die Aufrüstung fließen sollen, während an Schulen und im Gesundheitssystem gespart werde.

Lokale Aktionen: Zwischen friedlicher Kundgebung und Blockaden

Vor Ort äußert sich dieser Protest höchst unterschiedlich. In München versammelten sich rund 50 Jugendliche vor dem französischen Gymnasium Jean Renoir und zogen anschließend friedlich zum Generalkonsulat, um für Chancengleichheit und gegen marode Schulen zu demonstrieren. Die Münchner Polizei lobte die Kooperation der Anmelder ausdrücklich.

Andernorts griffen Demonstranten zu härteren Mitteln: In Hamburg-Ottensen blockierten rund 150 Schülerinnen und Schüler Eingänge mit Mülltonnen, ehe die Polizei die unangemeldete Aktion beendete. In Berlin-Friedrichshain kam es bei einer Schulblockade der Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ am Rande zu Rangeleien, als eine zweite Gruppe teils schulexterner Jugendlicher mit Einsatzkräften aneinandergeriet.

Dabei wurde eine 67-jährige Anwohnerin verletzt; die Polizei nahm einen 17-jährigen Nicht-Schüler vorläufig fest. Laut Bernhard stoßen die Proteste dennoch auf Rückhalt: In Hamburg hätten sich vereinzelt sogar Lehrkräfte angeschlossen.

Sicherheitsbehörden warnen vor Unterwanderung

Die Reaktionen aus Politik und Sicherheitskreisen fallen geteilt aus. Während die Bundesregierung aktuell kein Übergreifen der französischen Gewalteskalation auf Deutschland befürchtet, mahnt die Gewerkschaft der Polizei (GdP) zur Wachsamkeit: Man müsse damit rechnen, dass extremistische Kräfte versuchen, sich auf die Solidaritätskundgebungen „draufzusatteln“. Auch der Extremismus-Experte Ahmad Mansour warnt laut Bild vor Versuchen linksradikaler Gruppen, friedliche Schulproteste gezielt anzuheizen.

Die Jugendlichen selbst treiben ihre internationale Vernetzung indessen voran. Über soziale Plattformen koordiniert sich die Bewegung im Bündnis „International Youthstrike“. Wie Bernhard ankündigt, bereiten die Gruppen für den 20. November einen europaweiten, gemeinsamen Aktionstag gegen Aufrüstung und Sozialkürzungen vor. (Quellen: eigene Recherche, das momentum., NDR, Münchner Merkur, Tagesschau, dpa, Bild) (frs)