„Wir sind ein Restaurant, keine Bar“: Wirtin in Italiens Insel-Paradies platzt wegen Urlauber-Trend der Kragen


Stand: 04.09.2026, 19:18 Uhr

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Die Terrassen sind voll, die Kassen leer: Eine Gastronomin aus Cagliari benennt, welche Urlauber-Gruppe dem sardischen Tourismus am meisten schadet.

Cagliari – Wer an einem Augustabend 2026 durch das Marina-Viertel von Cagliari schlenderte, sah volle Terrassen, hörte Stimmengewirr, roch Grillrauch. Alles wie immer – und doch war nichts wie immer. Denn was die Gäste bestellten, hat sich grundlegend verändert. Pamela Solinas etwa führt das Restaurant L‘Oca Bianca mitten in Sardiniens Hauptstadt. Ihr Lokal im dreistöckigen Altbau ist eine feste Adresse für sardische Küche – Pizzen, Antipasti, Wein, klassische Abendessen.

Essen mit fixen Zeitslots – in Italien absolut unvorstellbar: hier ist Mangiare Genuss ohne Druck.

Ein Restaurant in Italien (Symbolfoto). © IMAGO/Nano Calvo / VWPics

In diesem Sommer aber sieht sie an ihren Tischen vor allem eines: Zurückhaltung. Vier Gäste teilen sich zwei Pizzen und einen Salat. Manchmal auch nur eine Pizza und eine Flasche Wasser. Den Wein, früher selbstverständlich, lassen immer mehr Gäste weg. Und das Tempo hat sich verändert: schnell bestellen, schnell essen, schnell gehen. In Italien nennt man das „Schnellessen“ – „mordi e fuggi“.

Rauswurf wegen neun Euro: Touristinnen überschreiten Grenze

Vor wenigen Tagen reichte es Solinas. Zwei polnische Touristinnen setzten sich an einen Tisch und bestellten zwei Aperitifs und eine Vorspeise für neun Euro – zum Teilen. Solinas bat sie zu gehen. Gegenüber der sardischen Regionalzeitung La Nuova Sardegna begründete sie das knapp: „Wir sind ein Restaurant, keine Bar, und wir haben die Kosten eines Restaurants.“

Das Paradox dahinter: Sardinien verzeichnet in diesem Sommer steigende Besucherzahlen – die Restaurants aber schreiben rote Zahlen. Der sardische Branchenverband Confesercenti hat laut L‘Unione Sarda Hunderte Betriebe auf der Insel befragt: In Restaurants und tourismusnahen Branchen ist der Konsum gegenüber dem Vorjahr um 20 bis 25 Prozent eingebrochen – in einzelnen Regionen sogar um bis zu 40 Prozent.

Supermarkt statt Ristorante: Urlauber kochen in Italien im Ferienappartement

Wo das Geld bleibt, hat Solinas beobachtet: Viele Urlauber kaufen im Supermarkt oder beim Imbiss und essen dann in der gemieteten Wohnung oder im B&B-Zimmer. B&B-Betreiber berichten ihr von ungewöhnlich großen Müllmengen – ein stilles Zeichen dafür, wie viele Mahlzeiten gar nicht mehr in Restaurants landen. Der Boom der Kurzzeitvermietungen auf der Insel befeuert diesen Trend zusätzlich.

Solinas macht dafür nicht ihre Preise verantwortlich – die hat sie nicht angehoben. Eine Pizza Margherita kostet bei ihr weiterhin 7,50 Euro, genauso wie im Vorjahr. Um trotzdem auf ähnliche Einnahmen zu kommen, bleibt ihr nur eine Option: mehr Tische in kürzerer Zeit bewirten. Doch das ist kein Zustand, mit dem sie sich abfindet: „Ich würde lieber etwas weniger Tische bewirten, dafür aber mit normalem Essverhalten.“

Sardinien-Tourismus: Wachstum ohne Kaufkraft

Für Solinas ist das kein Zufallsproblem, sondern eine Frage der Tourismusstrategie. In Cagliari entstehen Fünf-Sterne-Hotels – aber die Gäste, die tatsächlich kommen, haben oft wenig Spielraum. Besonders auffällig: In diesem Sommer kamen deutlich weniger Engländer und Italiener, dafür mehr Reisende aus Osteuropa – mit im Schnitt niedrigerer Kaufkraft, wie Solinas gegenüber La Nuova Sardegna beschreibt. Ihr Fazit ist eine unbequeme Frage an die Tourismuspolitik: „Man sollte sich auch fragen, welche Kundschaft wir anziehen wollen und mit welcher Kaufkraft – denn mit der aktuellen sind das die Ergebnisse.“ Ein Gast beschwerte sich jüngst auch über den „freiwilligen Betrag“ von über 48 Euro in einem Restaurant in Italien. (Quellen: La Nuova Sardegna, L‘Unione Sarda, L‘Orca Bianca) (cgsc)