Dienstags wird es leiser - "Stille Stunde" in einem Wittener Supermarkt


Das eindringliche Piepsen stellt Sandra Grothuus an ihrer Kasse auf die niedrigste Stufe. Keine Musik, keine Durchsagen mehr. Auch das Rattern der großen Rollwagen mit neuer Ware verstummt und wird jetzt zwei Stunden lang nicht zu hören sein. Es ist 15 Uhr und die Stille Stunde im Wittener Boni Center beginnt. Kleine Plakate weisen darauf hin.

Weniger Reize - mehr Teilhabe

Arnim Nethe versucht schon lange, sich den vielen Reizen im Supermarkt nicht zu sehr auszusetzen. "Mein Konzept ist: Zu wissen, was ich haben möchte und dann rein und schnell wieder raus. Weil mir die Leute zu viel sind, zu viel Trubel, zu viel Licht." Die Stille Stunde findet er eine gute Initiative. Trotzdem beeilt er sich heute, den Laden schnell wieder zu verlassen.

Stille Stunde für viele angenehm

Andere nehmen Musik, Licht und Lärm beim Einkaufen kaum wahr. Peter Piwek ist seit 34 Jahren Stammkunde in dem Wittener Supermarkt. "Bisher hat mich das nicht gestört, aber ich merke ja jetzt den Unterschied, und das ist natürlich viel angenehmer." Der 64-Jährige hatte mal von der Stillen Stunde gelesen. Dass es sie jetzt in seinem Stamm-Supermarkt gibt, wusste er noch nicht.

"Für die Inklusion ist das ein Meilenstein. Gut, dass Menschen sich Gedanken machen, wie sie etwas verbessern können." Peter Piwek, pensionierter Polizist

Kurz vor der Kasse telefoniert ein anderer Kunde und spricht in normaler Lautstärke. Das fällt in dieser ruhigen Atmosphäre auf. Marktleiter Maurice Kuhnt bittet ihn freundlich, leiser zu sprechen und trifft auf Verständnis.
Die Gänge zwischen den Regalen sind frei. Nichts steht im Weg für ein möglichst barrierefreies Einkaufen.

Ohne Kassen-Piepsen geht's nicht

Die Behindertenkoordinatorin der Stadt Witten hatte dafür geworben, eine Stille Stunde einzuführen. In Witten ist der Supermarkt von Filialleiter Maurice Kuhnt das erste Geschäft, das an der Aktion teilnimmt - immer dienstags. Und er erzählt, dass auch die Mitarbeitenden die Ruhe genießen. 

Das Piepsen an ihrer Kasse stellt Sandra Grothuus aber um 17 Uhr wieder lauter. "Ich muss mich sonst sehr konzentrieren, um sicher zu sein, dass ich den Artikel gescannt habe", sagt sie. Die Stille Stunde ist vorbei und die Durchsagen, Musik und das Rattern der Rollwagen sind wieder zu hören.