WM 2026 - So viel mehr als Haaland - Norwegen rudert stolz nach Hause
Stand: 12.07.2026 • 07:22 Uhr
Norwegen war gegen England nah dran am Halbfinale - doch die Latte, der VAR, eine Spider-Cam und Jude Bellingham standen im Weg. Trotzdem dürfen die Norweger und ihre enthusiastischen Fans voller Stolz nach Hause rudern, dieser WM-Auftritt war Party pur!
"Takk for festen!" - "Danke für die Party", schrieb die norwegische Zeitung VG. Ihren Dank zeigten direkt nach Schlusspfiff im Stadion von Miami auch die norwegischen Anhänger, die das Rudern des gesamten Fanblocks bis in das heimische Parlament transportiert hatten.
Auch die siegreichen Engländer (2:1 nach Verlängerung) betonten in jedem Statement ihren großen Respekt vor dem, was das Team um Goalgetter Erling Haaland, Kapitän Martin Ödegaard und Ausnahmekeeper Örjan Nyland bei der WM geleistet hat.
Nyland diesmal ein tragischer Held
Nyland war aber zunächst gar nicht nach "Viking Row" und Party zumute. Er weinte nach dem Schlusspfiff und stand minutenlang mit hängendem Kopf an einer Tribünenmauer, wo ihn seine Frau Tine und seine Söhne trösteten. Der 35-Jährige, der zwischen 2015 und 2018 48 Mal das Tor des FC Ingolstadt und 2022/23 zweimal das von RB Leipzig gehütet hat, war gegen England zum tragischen Helden geworden.
Zuvor hatte der seit dem 1. Juli offiziell vereinslose Keeper (sein Vertrag beim FC Sevilla ist ausgelaufen) eine grandiose WM gespielt. Die Krönung war seine Leistung im Achtelfinale gegen Brasilien. Nyland parierte nicht nur den Elfmeter von Bruno Guimaraes, er entnervte auch Vinicius Junior, Cunha, Rayan oder Endrick und hielt damit die bis dahin größte Turnierüberraschung fest. Auch im ersten K.o.-Spiel gegen die Elfenbeinküste hatte Nyland den späten Ausgleich verhindert.
Haaland knapp hinter Messi und Mbappé
Doch gegen England patzte er schlimm, klatschte vor dem entscheidenden zweiten Tor einen eher harmlosen Schluss von Morgan Rodgers unbeholfen nach vorn ab - Jude Bellingham nahm dankend an. Trotzdem steht das Fazit von Coach Stale Solbakken: "Norwegen hat einen Stürmer und einen Torwart, die beide an den entgegengesetzten Enden des Spielfelds über den Ausgang des Spiels entscheiden können. Darüber bin ich sehr glücklich."
Erling Braut Haaland und Patrik Berg
Auch der mitangesprochene Haaland hatte gegen England keinen guten Tag, Solbakken wechselte ihn sogar vor der zweiten Hälfte der Verlängerung aus. In allen Partien davor hatte der Mittelstürmer von Manchester City das Team getragen. Sieben Treffer bei dieser WM bedeuten Rang drei in der Torschützeniste vor Bellingham und Harry Kane, erfolgreicher sind nur Lionel Messi und Kylian Mbappé.
Verschieben im Block eine der großen Stärken
Norwegen war bei der WM aber noch deutlich mehr als Haaland und Nyland. Dortmunds Julian Ryerson spielte ein starkes Turnier, ebenso wie das zentrale Abwehrbollwerk mit Kristoffer Ajer, Torbjörg Heggem und davor Sander Berge.
Eine der herausragenden Qualitäten der Skandinavier ist das Verschieben im Block, bei dem das Team mit großer Disziplin zusammenarbeitet: Im Mittelfeld geben dazu Ödegaard und Patrick Berg die Kommandos. Aus einer vermeintlich passiven Haltung wie zu Beginn der Spiele gegen Brasilien und England wurde plötzlich auch mal für mehrere Minuten ein Powerplay, das die Top-Teams sichtlich überraschte und vor enorme Probleme stellte.
Im Abschluss lag die Hauptlast naturgemäß auf den Schultern von Haaland, er erzielte sieben der 13 Turniertore der Norweger. Aber für die beiden schönsten Treffer waren seine Kollegen zuständig: Antonio Nusa mit seinem perfekten Schlenzer beim 2:1 gegen die Elfenbeinküste, Andreas Schjelderup per Innenpfostenkracher aus unmöglichem Winkel gegen England.
Solbakken weint beim TV-Interview
135.000 Menschen feierten ihre Mannschaft bis weit nach Mitternacht beim Public Viewing in Oslo, das "Dagbladet" schrieb: "Das Abenteuer ist vorbei." Als Solbakken die Gesamtleistung seiner Schützlinge in den USA, Mexiko und Kanada beschreiben sollte, brach er im TV-Interview in Tränen aus. Es dauerte einen Moment, bis er die richtigen Worte fand: "Ich hoffe, dass der Sommer 2026 für alle in Ordnung war und dass wir gemeinsam etwas Gutes zustande gebracht haben. Wir hatten fantastische Unterstützung aus ganz Norwegen. Und wir sind dem Hype gerecht geworden. Darauf bin ich wirklich stolz. Wir sind jetzt seit sechseinhalb Wochen zusammen, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass irgendjemand auch nur eine Sekunde gelangweilt war. Eigentlich würde ich ganz gerne noch weitermachen."
Norwegischer Nationaltrainer Stale Solbakken
Dazu hätte auch wirklich nicht viel gefehlt. Das 1:1 der Engländer durch Bellingham wäre so nicht gefallen, wenn dem Schiedsrichter oder dem VAR aufgefallen wäre, dass der Ball zuvor womöglich die über dem Spielfeld hängende Spider Cam berührt hatte. Und das vermeintliche 2:1 durch Heggem nach einem Schubser von Haaland ist bei dieser WM auch nicht jedesmal einkassiert worden. Zudem stand die Latte beim Kopfball von Ajer eine Viertelstunde vor Schluss der regulären Spielzeit im Weg.
All das war am Ende zuviel, um ins Halbfinale einzuziehen. In die Herzen der Fans sind die Norweger trotzdem weltweit gerudert.
Der Turnierbaum der WM 2026