WM-Pokal fast wie beim Fußball: Warum dieser Weltmeister aus Riol in der 2. Liga spielt


WM-Pokal fast wie beim Fußball Warum dieser Weltmeister aus Riol in der 2. Liga spielt

Riol/Osburg/Trier · Marjan Leis aus Riol ist Weltmeister im Sportkegeln, spielt aber „nur“ in der 2. Bundesliga. Eine Story über Loyalität, Präzision und einen Sport, der es aktuell sehr schwer hat.

10.09.2026 , 17:58 Uhr

11 Bilder

Kegel-Weltmeister Marjan Leis (Riol): Ein Hauch von Fußball-WM-Pokal

11 Bilder

Foto: TV/Andreas Feichtner

Das ist doch mal ein Pokal! Ein stilisierter Mensch, goldfarben, die Arme nach oben gereckt, der die Erdkugel emporhebt. Da denken viele direkt an den WM-Pokal – und richtig, genau das ist es ja auch. Dieser Weltmeister-Pokal liegt in den Händen von Marjan Leis. Er posiert für den Volksfreund auf der Kegelanlage in Osburg. Und er hat allen Grund und jedes Recht, stolz darauf zu sein. Der 27-Jährige wurde vor wenigen Monaten Einzel-Weltmeister auf den Scherebahnen. Nach 120 Wurf. Das ist sozusagen die „Königsdisziplin“. Er ließ die Konkurrenz souverän hinter sich. Besser geht’s nicht.

„Der sieht ja nicht schlecht aus, der Pokal“, sagt Leis. Klar: Da stand der Fifal-WM-Pokal ein Stück weit Pate. Nur wurden hier keine fünf Kilogramm Gold verbaut – die würden beim aktuellen Goldpreis allein für knapp 450.000 Euro Materialkosten sorgen. Die optische Anlehnung an den Fußball-WM-Pokal hat schon was Amüsantes. Denn auch wenn die Spanier Rodri, Lamine Yamal & Co. eine kleine Gemeinsamkeit mit Marjan Leis haben – die Nummer eins der Welt in ihrem Sport zu sein –: Das Sportkegeln ist selbst im Vergleich zu Sportarten, die weniger dominant sind als Fußball, nur ein absolutes Nischenthema.

Marjan Leis kann Geschichten davon erzählen. Über große Leistungen, kleines Interesse. Von einem Amateursport, der sich – so findet er – manchmal unter Wert verkauft. „Die Pokale“, erzählt er, „die gibt’s bei der WM nicht vom Weltverband. Der Ausrichter ist verpflichtet, sich darum zu kümmern. Vom Weltverband gibt’s eine Medaille, vom deutschen Verband eine Silbermünze für die WM-Teilnahme.“ Und sonst? „Hotel- und Fahrtkosten werden übernommen und es gibt einen Spesenzuschlag, dabei bleibt’s.“ Wenn es gut läuft, gibt es vom Arbeitgeber ein, zwei, drei Tage Sonderurlaub für eine Weltmeisterschaft. Die Anreise war vergleichsweise kurz für den in Fell lebenden Rioler. Die alle zwei Jahre ausgetragene WM ging in diesem Jahr im nordrhein-westfälischen Langenfeld über die Bühne, eine knappe Woche lang. „Es gibt keine Prämien wie bei anderen Sportarten, auch keine Sponsoren“, sagt Marjan Leis. Wenn dann mal ein regionaler Reporter der „Sportschau“ vorbeikommt, ist das medial schon etwas Besonderes.

Für Marjan Leis kommt es nicht nur im Sport auf Genauigkeit an

Nicht, dass es falsch rüberkommt. Geld verdienen wollen mit dem Sportkegeln, das war nie seine Motivation. Es gibt Präzisionssportarten mit Geldgebern, Medien- oder Faninteresse, da ginge das vielleicht. Beim Darts oder Snooker etwa, jedenfalls in Großbritannien. Auch bei dem dem Kegeln noch näheren Bowling gibt’s in den USA Profiturniere, bei denen der Sieger mal 100.000 Dollar einsacken kann. „Bowling ist ja im Prinzip das Kegeln in den USA“, sagt Leis. Der Jurist ist aktuell auf dem Weg zum zweiten Staatsexamen – als juristischer Referendar beim Landgericht Trier. Da kommt es auch aufs Detail an, auf Genauigkeit. Wie bei seiner sportlichen Leidenschaft.

Neben Bahnen, Kugeln und Pins gibt es einen weiteren großen Unterschied zwischen Bowling und Kegeln. In den Bowlinghallen steht der Sport im Zentrum, nicht die Gastronomie, die aber dazugehört: „Im Kegeln war es eher umgedreht. Der Sport ist in Gaststätten groß geworden. Wenn nun Gaststätten schließen – und diese Entwicklung sieht man seit vielen Jahren –, schließt gleichzeitig auch die Kegelbahn.“ Und damit oft auch Vereine. Seit der Corona-Pandemie habe sich die Entwicklung noch mal beschleunigt, auch wenn nicht alle Vereine davon betroffen sind.

Schon als 19-Jähriger: Deutscher Mannschaftsmeister mit Riol

Dass die angestammte Kegelbahn schließen muss, das hat auch Marjan Leis schon erlebt, in seinem Heimatdorf Riol. Dort war er schon als Kind auf den Bahnen zu Hause. „Ich habe schon mit acht Jahren angefangen“, erzählt er, inspiriert von seinen Eltern. Marjan Leis gehörte schnell zu den Besten auf der Bahn. Er spielte für den KSV Riol, der damals in der 1. Bundesliga zu den Topteams zählte. Als Riol zum ersten und einzigen Mal Deutscher Mannschaftsmeister wurde, 2018, war Marjan Leis wichtiger Teil des Teams – als 19-Jähriger.

Seit fünf Jahren wird in Riol nicht mehr gekegelt. Der Club zog auf die Bahnen nach Trier-Heiligkreuz um, im vergangenen Jahr dann nach Osburg. Dort wird auf vier Holzbahnen gespielt, im Untergeschoss der Mehrzweckhalle. „Das passt alles sehr gut“, berichtet er. Gleich im ersten gemeinsamen Jahr gelang der KSG Osburg-Riol der Aufstieg in die 2. Bundesliga Süd – und auch dort zählt die erste Mannschaft um Teamchef Marjan Leis zu den Aufstiegskandidaten. Bei den Heimspielen sei durchaus auch was los. Auch wenn man sich die Partien theoretisch vom Fernsehsessel aus anschauen kann. Sie werden bei sporteurope.tv live gestreamt. Geld gibt’s dafür nicht.

Dass der amtierende Weltmeister „nur“ in der 2. Liga spielt, hat einen einfachen Grund – Loyalität zum Heimatclub: „Ich habe immer wieder klar gesagt, dass ich nur für Riol spielen werde“, erzählt Marjan Leis. In der Vergangenheit hätten immer mal Teams nachgehört, ob er nicht wechseln wolle. „Aber das war für mich nie ein Thema.“ In der aktuellen Saison spielen gleich mehrere deutsche Spitzenkegler zweitklassig: Neben Leis auch sein Weltmeister-Vorgänger André Laukmann (Rösrath), der frühere Rioler Kollege Nico Klink (SKV Trier, amtierender Deutscher Meister und Weltmeister im Herren-Paarkampf) oder auch Dominik Werner, der für Daun-Weiersbach spielt. Er hat ebenfalls eine Rioler Vergangenheit – und Werner hat in dieser Saison schon einen spektakulären Auswärtsrekord aufgestellt: 1012 Holz gelangen dem Dauner kürzlich in Hüttersdorf.

Die „1000“ hat Leis noch nicht geknackt; die sind auch nur bei einem perfekten Spiel erreichbar, und das auch nur auf wenigen Bahnen in Deutschland. „Ich glaube, die 1000 wird auf unseren Holzbahnen in Osburg nicht zu erreichen sein“, erzählte Leis kürzlich beim Treffen mit dem Volksfreund-Reporter – und erhöhte wenige Tage später bei der Zweitliga-Premiere (3:0 gegen Stromberg) den Bahnrekord auf 975.

Und die Erinnerung an den WM-Titel für Deutschland? Die Hoffnung, erstmals den Einzeltitel bei den Herren zu holen, die war groß – in anderen Disziplinen und im Nachwuchsbereich hatte er schon reichlich Titel gefeiert. Bei der WM vor zwei Jahren wurde er Vizeweltmeister, damals fehlten ihm nur drei Holz auf Serien-Weltmeister Laukmann. „Ich hatte vor, den André diesmal zu ärgern – und das ist mir gelungen. Ich hatte auch einen Super-Tag, bei mir ist alles glattgelaufen. Der große Abstand war schon überraschend.“

Sportlich war der Tag kaum zu toppen. Leis hatte am Ende mehr als 50 Holz Vorsprung vor Laukmann und dem Luxemburger Gilles Mores. Aber organisatorisch? Da wäre mehr gegangen, findet er. „Der Zeitplan war aus meiner Sicht sehr schlecht, das hat der Weltverband nicht gut gemacht.“ So kam es, dass nur wenige Zuschauer vor Ort waren, auch wegen der Ansetzung an einem Wochentag am frühen Abend. „Nur beim Mannschaftsfinale am Freitag war die Halle voll“, erzählt Leis, der für Deutschland im Einzel, aber nicht für die Mannschaft nominiert war.