Woher kommt unsere Haustierliebe?
Über Artgrenzen
Woher kommt unsere Haustierliebe?
Auch nicht-menschliche Primaten interagieren häufig mit Tieren, die nicht ihrer Art angehören. Forschende vermuten darin den evolutionären Ursprung unserer Tierliebe
Isabell Rosenkranz
Der Mensch und seine Haustiere teilen sich bereits rund 17.000 Jahre gemeinsamer Geschichte. Damit ist die Haustierhaltung sogar um einiges älter als die Sesshaftigkeit. In erster Linie liefern uns die Tiere Nahrung, Schutz und Arbeitskraft. Doch wenn wir mit unseren Tieren zusammen sind, hat das auch positive Auswirkungen auf unsere Psyche.
Aber woher kommt unsere Liebe zu Haustieren? Um herauszufinden, was der Ursprung dieser Beziehung sein könnte, analysierte ein größeres Team um den Anthropologen Cyril Grueter (University of Oxford) Studien und Medienberichte zu Beziehungen zwischen nicht-menschlichen Primaten und Tieren, die einer anderen Art angehören.
Die Vermutung dahinter: Affen sind zwar nicht die Urahnen des Menschen, aber wir teilen uns einen gemeinsamen Vorfahren. Verhaltensmuster, die im Laufe der Menschheitsentwicklung zur Haustierhaltung führten, könnten sich bei den Primaten zu ähnlichen Beziehungen entwickelt haben.
Häufiger mit näher verwandten Arten
Tatsächlich zeigte sich bei der Analyse des Materials, das aus fast 430 dokumentierten Interaktionen bestand, dass Primaten recht oft mit Tieren interagieren, die nicht ihrer eigenen Art angehören.
Am häufigsten wurden hier Beziehungen zwischen zwei Affengattungen beobachtet – ein Brüllaffenjunges, das mit einem Schimpansenkind spielt, oder ein Kapuzineraffe, der einem Pavian das Fell pflegt. Sie sind zwar Teil unterschiedlicher Familien, werden jedoch alle der Ordnung der Primaten zugerechnet.
Warum Primaten häufiger mit näher verwandten Arten in Kontakt treten, erklären die Forschenden im Fachblatt Primates mit evolutionärer Nähe: Denn wer ein ähnliches Verhalten zeigt und ähnliche Signale für Kommunikation verwendet, vermeidet Missverständnisse. Vergleichbar wäre das mit dem berühmten Konflikt zwischen Katze und Hund.
An zweiter Stelle stand jedoch die Interaktion zwischen Primaten und Caniden, wozu auch unser heutiger Haushund gehört. Die kontaktfreudigste Gruppe schienen die Meerkatzenverwandten zu sein. Dazu zählen die Makaken oder die Nasenaffen.
Besonders selten wurden Interaktionen mit Reptilien, Amphibien und Insekten gemessen. Sie sind – mit den Vögeln und Fischen – die evolutionär am weitesten von uns entfernte Wirbeltiergruppe.
Gemeinsames Spiel und Fellpflege
Das Team um Grueter fand auch Ähnlichkeiten im Umgang mit den Tierpartnern bei Mensch und seinen Verwandten. Während wir vor allem durch Streicheln oder Spielen mit unseren Haustieren interagieren, zeigte sich Ähnliches auch bei den untersuchten Affenfamilien.
Am häufigsten wurde das Verhalten "Grooming", also die Fellpflege, und das gemeinsame Spielen dokumentiert. Es kam aber auch zu missbräuchlichen Handlungen wie etwa dem achtlosen Umgang mit Jungtieren, was bisweilen sogar zum Tod dieser Tiere führte. Die überwiegende Mehrheit der Interaktionen war jedoch positiv.
Im Vergleich wurden Jungtiere besonders oft beim Spielen beobachtet, während erwachsene Weibchen eher zur artfremden Fellpflege tendierten. Man vermutet, dass Frauen in Jäger- und Sammlergesellschaften sich üblicherweise um die Tiere kümmerten. Dazu würde passen, dass männliche Primaten weniger oft Beziehungen mit anderen Tierarten eingingen.
Möglicher Bias im Studienmaterial
Die Forschenden wiesen aber auch auf eine mögliche Verzerrung ihres analysierten Materials hin: Weil wir menschenähnliche oder positive Interaktionen wie etwa Spielen lieber sehen, würden diese öfter in den Medien landen oder von Studien aufgegriffen werden.
So könnte ein Bias entstehen, der zum Beispiel kürzere oder seltenere Interaktionen nicht berücksichtigt.
Austausch gegen die Einsamkeit
Grundsätzlich gehen die Fachleute davon aus, dass Einsamkeit einer der Gründe sein könnte, warum Affen Gesellschaft bei anderen Tieren suchen. Dies wurde zum Beispiel bei Jungtieren beobachtet, die keine Spielgefährten derselben Altersstufe in ihrer Gruppe haben. Weil der Spieltrieb bei den Säugetieren aber angeboren ist, greifen die Individuen dann auf Tiere anderer Spezies zurück.
Dasselbe gilt für Primaten, die aus ihrer Gruppe ausgeschlossen wurden oder temporär auf Wanderung sind. Bei den Meerkatzen, die im Regenwald südlich der Sahara zu Hause sind, gibt es üblicherweise nur ein erwachsenes Männchen in der Gemeinschaft. Wird ein junges Männchen adult, muss es ausziehen und sich eine neue Gruppe suchen. Dann kann es oft vorkommen, dass eine andere Affenart sich seiner annimmt und ihm den Pelz krault.
Auch der Mensch bekämpft so die Einsamkeit. Wenn wir älter werden oder keinen sozialen Anschluss finden, reduziert der Kontakt mit Haustieren Stress und depressive Gefühle, wie mehrere Studien zeigten. Schließlich ist unsere Tierliebe schon seit Tausenden von Jahren Teil unseres Soziallebens. (Isabell Rosenkranz, 19.9.2026)
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