Wolf läuft durch Wohngebiet bei Hamburg – Eltern in Angst um Schulkinder
In einem Wohngebiet in der Gemeinde Assel im Landkreis Stade ist ein Wolf durch ein Wohngebiet gelaufen und hat damit für viel Aufregung gesorgt – auch weil die örtliche Schule die Eltern der Schulkinder mit einem Schreiben warnte.

In dem Schreiben der Schulleitung hieß es sinngemäß: Die Polizei sei über die Sichtung informiert. Nach deren derzeitiger Einschätzung bestehe aber keine unmittelbare Gefahr für die Bevölkerung. Zugleich sollten die Eltern selbst entscheiden, ob sie ihre Kinder nach der Schule wie gewohnt allein nach Hause gehen lassen oder sie persönlich abholen wollen.
Wolf läuft durch Wohngebiet und sorgt bei Eltern für große Unruhe
Sätze, die wahrscheinlich in der Absicht geschrieben wurden, die Eltern zu informieren und zu beruhigen. Doch sie machen gleichzeitig deutlich, wie schwierig die Situation ist: Was bedeutet „keine unmittelbare Gefahr“, wenn ein Raubtier auf dem Schulweg und vor der eigenen Haustür gesichtet wurde? Für die Behörden ist die Antwort zunächst eindeutig. Eine einzelne Wolfssichtung bedeutet noch nicht, dass von dem Tier eine konkrete Gefahr für Menschen ausgeht.

Dieses Bild soll den Wolf zeigen, der in Assel (Landkreis Stade) in einem Wohngebiet gesichtet wurde. © privat/Sabine Lepél | privat/Sabine Lepél
Bejagt werden darf das Tier schon gar nicht – auch wenn der Wolf im vergangenen Jahr ins Jagdrecht aufgenommen wurde. Das bedeutet allerdings nicht, dass ein Wolf einfach geschossen werden darf, sobald er durch eine Wohnstraße läuft. Für einen Schnellabschuss gelten strenge, zeitlich und örtlich begrenzte Voraussetzungen, etwa nach einem nachgewiesenen Rissgeschehen.
Jägerin vor Ort warnt: „Vom Wolf geht per se eine Gefahr aus“
Julia Seefried, stellvertretende Vorsitzende der Kreisjägerschaft Stade, hält es für möglich, dass es sich bei dem Wolf in Assel um ein durchziehendes Tier handelt, das auf der Suche nach einem eigenen Revier ist. Sie wohnt selbst im Ort und geht dort zur Jagd: „Im Revier ist es ruhig. Wir sind hier im Moment kein Hotspot. Das gibt das aktuelle Rissgeschehen nicht her“, sagt die Revierinhaberin. Dennoch kann sie keine Entwarnung geben.
„Die Population nimmt weiter zu, deshalb wird es immer wahrscheinlicher, dass Wölfe auch in Wohngebiete kommen“, sagt Julia Seefried. Das sei bedenklich, denn „vom Wolf geht per se eine Gefahr aus“, so Seefried. Es handele sich um ein wildes Raubtier. Gerade Kindern müsse vermittelt werden, Abstand zu halten. Wer einem Wolf begegne, solle nicht auf das Tier zugehen und auch nicht hektisch davonlaufen. Stattdessen gelte: langsam entfernen, den Wolf dabei im Blick behalten und ihm nicht den Rücken zukehren.
Angst vor einem Wolf verändert das Sicherheitsgefühl von Familien
Das sind Regeln, die von verschiedenen Stellen immer wieder formuliert werden. Für ein Kind, das plötzlich einem Wolf gegenübersteht, ist die Situation dennoch eine andere. Es muss in einem Moment ruhig bleiben, in dem akute Angst als erste Reaktion viel wahrscheinlicher ist. Daher berührt jede Sichtung eines Wolfes in einem Wohngebiet unmittelbar das Sicherheitsgefühl der Menschen in ihrem engsten Lebensumfeld.

Julia Seefried von der Stader Kreisjägerschaft lebt selbst in dem betroffenen Dorf und kann die Sorgen der Eltern nachvollziehen.© privat/Sabine Lepél | privat/Sabine Lepél
Wer sein Kind morgens allein zur Schule laufen oder nachmittags mit dem Fahrrad nach Hause fahren lässt, vertraut darauf, dass dieser Weg sicher ist. Auch wenn immer wieder angeführt wird, dass die größte Bedrohung für Kinder nicht von Tieren, sondern von Menschen ausgeht, stellt dieses Argument kaum eine Beruhigung für Eltern dar, die mit einem Wolf vor der Haustür rechnen müssen.
Die Sorge: Wie sicher ist mein Kind, wenn ein Wolf im Ort ist?
Mit der Kenntnis von Wolfssichtungen im eigenen Wohnumfeld müssen die Erziehungsberechtigten Entscheidungen treffen und letztlich die Verantwortung dafür tragen: Lasse ich mein Kind wie gewohnt durchs Dorf gehen? Darf es in den Wald? Hole ich es von der Schule und von Freunden ab? Darf es noch allein zum Spielplatz? Wie bereite ich es auf eine mögliche Begegnung mit einem Wolf vor? Sage ich ihm überhaupt, dass es in der Nähe ein ansässiges Rudel gibt, oder mache ich meinem Kind damit nur Angst?

Auch wenn das Risiko eines Angriffs gering ist, beunruhigt es viele Menschen, wenn ein Wolf im Wohnumfeld gesichtet wurde.© dpa | Julian Stratenschulte
Die Schule hat mit ihrem Schreiben letztlich genau diese Unsicherheit sichtbar gemacht. Sie wollte informieren und beruhigen, überließ die konkrete Entscheidung aber den Familien. Das ist nachvollziehbar – und für Eltern trotzdem belastend.
Gemeinde Kranenburg: Hier gehören Wolfsichtungen seit Jahren zum Alltag
Denn Angst funktioniert nicht nach dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit. Auch wenn das Risiko eines Angriffs gering sein mag, ist der Gedanke an ein wildes Raubtier auf dem Schulweg für viele Familien im Hamburger Süden nur schwer auszublenden. Wie tief dieses Sicherheitsgefühl erschüttert werden kann, zeigt ein Blick in die Nachbarschaft von Assel.
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In der wenige Kilometer entfernten Gemeinde Kranenburg wurden bereits vor zwei Jahren mehr als 55 Schafe bei einer Wolfsattacke getötet, Wölfe liefen immer wieder durchs Dorf. Ein Wolfsrudel wurde auf seiner Route sogar täglich in einem Neubaugebiet gesichtet, in dem viele Kinder leben. Bürgermeisterin Margitta Bertram berichtete von einer „absoluten Angespanntheit und Angst“ im Ort.
Die Wölfe sind im Dorf geblieben – die Ängste und Sorgen ebenfalls
Auch damals hieß es, die Wölfe würden wahrscheinlich nur durchziehen. Doch die Situation hat sich nicht geändert, wie Bertram auf Abendblatt-Nachfrage bestätigt: „Die Wölfe sind immer noch da und unsere Angst auch“, sagt die Bürgermeisterin.

Der Wolf, der im März eine Frau in Hamburg verletzte, nachdem er gefangen wurde.© Umweltbehörde Hamburg/dpa | Umweltbehörde Hamburg
Mittlerweile sei in der Nachbargemeinde ein Wolf in unmittelbarer Nähe der Schule gesichtet worden und auch in ihrer Gemeinde seien die Wölfe weiterhin ein gewaltiges Thema. „Kinder, die den Schulweg eigentlich ohne weiteres zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen könnten, nehmen lieber den Schulbus – obwohl ihre Eltern das selbst bezahlen müssen“, berichtet Bertram.
Wölfe sorgen für Verunsicherung bei Erzieherinnen und Eltern
Auch Erzieherinnen seien verunsichert und hätten sie schon mehrfach gefragt, ob sie mit Kita-Gruppen noch unbesorgt in die Natur gehen könnten. „Das kann ich nicht ruhigen Gewissens bejahen“, sagt die Bürgermeisterin. Der Wolf sei ein Raubtier und sein Verhalten in der jeweiligen Situation nicht vorhersehbar. Ihr Fazit lautet daher: „In Wohngebieten haben Wölfe einfach nichts zu suchen. Und da kommen wir mit lautem Rufen und Klatschen nicht weiter.“
Landkreis-Sprecher: „Wölfe gehören nicht in Wohngebiete und auf Schulwege“
Wölfe gehören nicht in Wohngebiete und auf Schulwege, meint auch Daniel Beneke, Sprecher des Landkreises Stade. Die Kreisverwaltung fordert von Land und Bund schon lange ein pragmatisches Wolfsmanagement. „Ich kann die Ängste der Anwohner total nachvollziehen“, so Beneke.
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Dass die Sorge vor einer folgenschweren Begegnung zwischen Wolf und Mensch nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, zeigte im März dieses Jahres ein Vorfall in Hamburg, als ein junger Wolf in die Stadt geriet und in Altona offenbar in Panik eine Frau attackierte und verletzte. Das Tier wurde später in der Innenstadt eingefangen und im Hamburger Süden mit einem Sender ausgestattet und freigelassen. Inzwischen vermutet die zuständige Umweltbehörde, dass er nicht mehr lebt.
Hamburger Wolf zeigt, dass es zu folgenschweren Begegnungen kommen kann
Der Fall des „Hamburger Wolfes“ sorgte bundesweit für Aufmerksamkeit, auch weil es sich um den ersten Angriff eines Wolfes auf einen Menschen in Deutschland seit der Wiederansiedlung der Art Ende der 1990er-Jahre gehandelt haben soll. Und weil die Situation zeigte, dass es im Einzelfall zu folgenschweren Begegnungen zwischen Mensch und Raubtier kommen kann – obwohl das im Allgemeinen als höchst unwahrscheinlich galt.