Stahlzölle in der EU: Schutz vor Chinas Materialschwemme


Im Leitstand des Elektrobandwerks von Thyssenkrupp Steel in Bochum sitzen fünf Männer in blau-grauen Arbeitsanzügen. Jeder hat fünf bis zehn Bildschirme vor sich. Darauf sind Zahlenkolonnen und Grafiken zu sehen, auf einem auch ein rund 150 Meter langer Ofen: In orangegelber Farbe, die zu den glutheißen rund 1000 Grad Celsius im Innern der Anlage passt, schieben Rollen ein langes Stahlband vorwärts, bis es in einer Kühlung landet. Alles läuft vollautomatisch. Ihre Arbeitsplätze verlassen die Männer nur selten, zum Beispiel, wenn ein Behälter geleert werden muss oder wenn die Qualitätskontrolle Handlungsbedarf signalisiert. „Wir wissen gar nicht mehr so richtig, warum wir vorn im Leitstand Fenster eingebaut haben“, scherzt Werksleiter Markus Kovac. Hier seien 80 Prozent der Tätigkeit mittlerweile „Bildschirmarbeit“.

In der brandneuen, 160 Millionen Euro teuren Glüh-Isolierlinie von Thyssenkrupp Steel in Bochum wird Spezialstahl hergestellt. Fachleute sprechen von nicht-kornorientiertem Elektroband; es kommt in der Produktion von Elektromotoren aller Art zum Einsatz – in riesigen Windturbinen und in kleinen Kochmixern, vor allem aber in Elektroautos. Das Material ist ein wichtiger Stoff für die Energie- und Mobilitätswende.

Über die gesamte Fertigungskette hinweg müssten für seine Produktion rund 2000 Parameter eingestellt werden, sagt Kovac, von der chemischen Zusammensetzung bis zur Reinheit und Oberflächenbeschaffenheit. Das Blech, das in diesem Moment über die Anlage läuft, hat am Ende eine Dicke von lediglich 0,2 Millimetern, also zwei Blatt Papier, und ist an den Rändern messerscharf. In einer großen, hermetisch abgeschirmten Beschichtungseinheit wird noch eine filigrane Lackschicht aufgetragen. Sie sei „so dünn wie ein Fingerabdruck auf Glas – ein Hightech-Produkt“, sagt Kovac.

Vom austauschbaren Werkstoff zum Hightech-Material

Stahl ist nicht gleich Stahl. Das kann man im Bochumer Thyssenkruppwerk eindrücklich lernen. Nach Zählung des Weltstahlverbands Worldsteel gibt es mehr als 3500 verschiedene Stahlsorten mit unterschiedlichsten physikalischen, chemischen und umweltbezogenen Eigenschaften. „Es gibt einen Commodity-Stahl-Bereich“, sagt Nils Naujok, ein Partner und Stahlspezialist der Unternehmensberatung Oliver Wyman. Dieser einfache, austauschbare Warenstahl ist das Gegenteil der Hightech-Materialien. „Commodity-Stahl – das sind zum Beispiel Baustähle für den Industriebau, für Wandpaneele oder zur Abstützung von Brücken“, sagt Naujok. „Die lassen sich beinahe überall auf der Welt einkaufen.“

Etwa zehn bis 20 Prozent der Menge, die europäische Hersteller heute noch produzieren, seien „Commodity“-Stähle, schätzt der Berater. Eindeutige Zahlen gibt es nicht. „Commodity-Stahl“ und „Spezialstahl“ sind keine amtlichen Handelsstatistikkategorien. Klar ist: Fällt ein Lieferland für die einfachen Stahlsorten aus, bekommt man sie relativ leicht aus einem anderen. Bei den Hightechstählen kann das komplizierter sein. Das liegt auch daran, weil Stahlverarbeiter oft mit einem Hersteller „ums Eck“ an der genauen Zusammensetzung des Materials arbeiten.

Die EU war 2025 netto der größte Stahlimporteur

Stahl steckt in vielen Gegenständen des Alltags: in Schienen, Brücken, Gebäuden, Autos, Maschinen, Anlagen oder Haushaltsgeräten. Prinzipiell sind Deutschland und mindestens die EU nach Angaben von Naujok und dem Branchenverband WV Stahl noch in der Lage, fast alle Stahlsorten selbst herzustellen. Im vergangenen Jahr verbrauchte Deutschland rund 29 Millionen Tonnen Stahl, in der gesamten EU waren es rund 135 Millionen Tonnen. Das zeigt die Statistik des Weltstahlverbands Worldsteel.

Die EU importierte im Jahr 2024 nach Angaben des europäischen Stahlverbands Eurofer rund 27 Millionen Tonnen fertige Stahlprodukte, also zum Beispiel warm gewalzte Stahlcoils. So heißen die mannshoch aufgewickelten Blechrollen. 16 Millionen Tonnen des Importstahls stammen aus Asien, neun Millionen Tonnen aus europäischen Nicht-EU-Ländern. Afrika lieferte 1,7 Millionen Tonnen. Die Importmengen aus Nord- und Südamerika oder Australien waren fast vernachlässigbar klein.

Die EU war 2025 netto der größte Stahlimporteur der Welt, berichtet der Weltstahlverband Worldsteel, gefolgt von den Vereinigten Staaten und Thailand. Der größte Nettoexporteur ist mit weitem Abstand: China. In der Branche gilt „China“ als Grund für das Tief, in dem die Industrie steckt. Dazu tragen auch der allgemeine Konjunktureinbruch, das Schwächeln der Abnehmerbranchen und der Druck zur grünen Transformation bei.

Große Angst vor großen Mengen aus Asien

China macht den Verantwortlichen im Elektrobandwerk in Bochum Kopfzerbrechen. Neben Thyssenkrupp stellten bislang die meisten europäischen Stahlunternehmen den Spezialstahl für Elektromotoren her, sagt Anja Brüggemann, die das Team Elektroband von Thyssenkrupp leitet. Riesige Mengen würden aber auch in Asien gefertigt, vornehmlich in China. Diese Konkurrenz hält Brüggemann für sehr gefährlich. Andere Stahlunternehmen in Deutschland sehen das kaum anders.

Wichtig für Elektromotoren: Team-Koordinatorin Anja Brüggemann vor Elektrobandcoils
Wichtig für Elektromotoren: Team-Koordinatorin Anja Brüggemann vor ElektrobandcoilsLucas Bäuml

„Ich bin nicht für abgeschottete Märkte“, sagt Brüggemann. Doch der Wettbewerb mit China sei zuletzt „nicht mehr fair“ gewesen. Europäische Hersteller könnten kaum noch mithalten, es bestehe die Gefahr, dass sie vom Markt verdrängt würden. Die Kompetenz, den Hightech-Stahl herzustellen, ginge dann hierzulande verloren. „Bei so einem wichtigen Material in kompletter Abhängigkeit von außereuropäischen Lieferanten zu sein – das kann nicht gut enden.“

Stahlmenge wächst stärker als die Nachfrage

China ist nach Angaben von Worldsteel der mit Abstand größte Stahlproduzent. Das Land stellte im vergangenen Jahr 961 Millionen Tonnen Stahl her, die Nummer zwei, Indien, kam auf rund 165 Millionen Tonnen. Deutschland liegt mit rund 34 Millionen Tonnen auf Platz acht der Weltrangliste. Das größte Stahlunternehmen der Welt, Baowo, sitzt in China. Der Konzern produzierte im vergangenen Jahr fast 125 Millionen Tonnen Stahl. Das ist mehr als das 13-Fache der Produktionsmenge von Thyssenkrupp, dem größten Anbieter in Deutschland.

„China produziert den überwiegenden Teil seines Stahls für den Inlandsmarkt, exportiert aufgrund der schwachen Binnenkonjunktur aber inzwischen Rekordmengen von über 130 Millionen Tonnen jährlich“, sagt Kerstin Maria Rippel, die Hauptgeschäftsführerin der WV Stahl. „Indien bleibt trotz steigender Produktion vor allem ein wachsender Binnenmarkt. Japan und Südkorea sind traditionell deutlich stärker exportorientiert, ebenso die Türkei.“ In der EU sei der Binnenmarkt der wichtigste Absatzraum.

Die Möglichkeiten zur Stahlproduktion wachsen auf der Welt deutlich schneller als die Nachfrage, stellt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fest. Die „Überkapazitäten“ erreichten zuletzt global rund 640 Millionen Tonnen Stahl. Bis 2028 könnten sie nach OECD-Prognose auf 745 Millionen Tonnen zunehmen.

Tendenz zu stärkerer Abschottung

Die Vorwürfe gegen China sind in der Branche weitgehend Konsens. Dort sei die Binnennachfrage mit dem Einbruch der stahlintensiven Immobilienwirtschaft eingebrochen; umso mehr Stahl werfe das Land auf den Weltmarkt. Die Folge: Andere Staaten schotten ihre Stahlmärkte stärker ab. Die USA arbeiten seit 2018 mit Importzöllen, die für Stahl mittlerweile 50 Prozent betragen. Stahl wurde und werde dadurch in andere Märkte umgelenkt, vor allem in die EU, sagt Rippel von der WV Stahl. Auch Länder wie Indien, Vietnam, die Türkei, Brasilien oder Mexiko nutzen zunehmend handelspolitische Instrumente. Der Angebotsüberhang auf dem Weltmarkt drückt auf die Preise.

Im Juli verschärfte die EU ihre Stahl-Handelsschutzmaßnahmen: Für bestimmte wichtige Stahlsorten reduzierte sie die zollfreien Importkontingente, hob den Zusatzzoll außerhalb der Kontingente auf 50 Prozent an und führte neue Herkunfts- und Nachweisanforderungen ein.

Nicht nur ein Problem von Thyssenkrupp

Hauptargument für die Zölle sind der Schutz der heimischen Kompetenzen für Spezialstähle und die hohen chinesischen Subventionen. Ein durchschnittliches chinesisches Stahlunternehmen erhielt zuletzt rund 15-mal mehr Subventionen, bezogen auf die Bilanzsumme, als Hersteller in anderen Ländern, zeigen Berechnungen der OECD. „Große Mengen Elektroband aus Asien wurden zuletzt zu Preisen verkauft, die unter unseren Herstellungskosten liegen“, sagt Brüggemann im Werk von Thyssenkrupp in Bochum. „Das trifft alle Hersteller und Weiterverarbeiter in Europa.“

Langgezogener Ofen von außen und von innen: Blick in die Halle des Bochumer Thyssenkruppwerks vom Leitstand aus und auf einem Bildschirm der Blick ins Innere des Ofens
Langgezogener Ofen von außen und von innen: Blick in die Halle des Bochumer Thyssenkruppwerks vom Leitstand aus und auf einem Bildschirm der Blick ins Innere des OfensLucas Bäuml

Die WV Stahl stuft Elektroband und viele andere Stahlsorten als „systemrelevant“ ein: hochfeste Automobil- und Maschinenbaustähle, Stähle für Energie- und Wasserstoffinfrastruktur, Windenergie und Offshore-Anlagen, Edelstahl für Chemie- und Lebensmittelindustrie … Es gehe um alle Stähle, die für kritische Infrastruktur, Energieversorgung, Mobilität, Verteidigung, Maschinenbau und Grundstoffindustrien unverzichtbar seien, sagt Verbandschefin Rippel. Diese seien „kurzfristig kaum substituierbar“, ihre Verfügbarkeit entscheide über ganze Wertschöpfungsketten.

„Eine rein politische Entscheidung“

Manche Ökonomen teilen diese Sichtweise. Patrick Kaczmarczyk und Tom Krebs von der Universität Mannheim haben, gefördert von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, ausgerechnet, dass eine Verlagerung der Stahlproduktion ins Ausland bis zu 50 Milliarden Euro kosten könnte. Sie unterstellen einen „Stahlschock“, in dem große Exporteure wie China ihre Ausfuhr nach Europa in kurzer Zeit erheblich drosseln. Berücksichtigt sind Produktions- und Einkommensverluste in Deutschland.

Andere Ökonomen halten die Gefahr, dass Europa im Stahlbereich „erpressbar“ wird, für wesentlich geringer. Johannes Binder vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel geht davon aus, dass sich nicht nur einfache, sondern auch hochwertige Stahlsorten an genügend Orten auf der Welt einkaufen lassen. Ob man Hightech-Stahl im Inland für militärische Zwecke oder für die Energiewende mit Zöllen schützen wolle, das sei „eine rein politische Entscheidung“.

Binder fürchtet momentan weniger ein Reißen der Lieferketten als Probleme für die nachgelagerte metallverarbeitende Industrie, weil die Preise wegen des Handelsschutzes steigen. Für Stahlverarbeiter ist der Grundstoff mit den Abschottungstendenzen deutlich teurer geworden. Der europäische Preis für das „Warmband“, warm gewalzte Stahlcoils, beträgt derzeit nach Angaben von Oliver Wyman rund 710 bis 725 Euro je Tonne. Ende vergangenen Jahres waren es noch rund 100 Euro weniger. „Man nimmt in Kauf, dass es auf der zweiten, nachgelagerten Stufe zu höheren Preisen kommt“, sagt Ökonom Binder. „Ob das langfristig eine gute Idee ist – da kann man ein großes Fragezeichen dran machen.“

Metallverarbeiter fühlen sich vergessen

Sorgen bereitet das Christian Vietmeyer, dem Geschäftsführer des Wirtschaftsverbands Stahl- und Metallverarbeitung (WSM). Die steigenden Preise wegen des Handelsschutzes bringen seine Klientel arg in Bedrängnis: Blechverarbeiter, Metallteilehersteller, die Schmiedeindustrie. Sie stellen Schrauben her, Metallteile für Autos, Komponenten für Motoren und Maschinen oder Produkte für die Verteidigungsindustrie. „Nach Beschäftigtenzahlen sind wir die größte Industriebranche in Europa überhaupt“, sagt Vietmeyer.

Die EU-Kommission habe seine Klientel jedoch komplett vergessen, beklagt er. „Sie fokussiert den Handelsschutz auf das Vormaterial. Sie denkt nicht in Wertschöpfungsketten. Aber was wollen Sie am Ende mit einer Tonne Stahl?“ Wichtig sei doch alles bis hin zum fertigen Auto, fertigen Windrad oder der fertigen Maschine. Die Stahl- und Metallverarbeiter könnten die höheren Materialpreise nicht problemlos auf ihre Kunden überwälzen. Die Kommission müsse auch für die nachgelagerten Branchen Schutzzölle prüfen, nicht nur für die Stahlkocher.

Wenn die Kunden leiden, leiden die Hersteller mit

Brüggemann in Bochum sieht diese Schwierigkeiten. Ihre Kunden sind vor allem Stanzer – ein mittelständisch geprägter Industriezweig. Stanzer verarbeiten die Stahlcoils von Thyssenkrupp zu Stator- oder Rotorblechpaketen, die den magnetischen Kern eines Elektromotors bilden. Der Kern besteht aus vielen Hundert ausgestanzten, hauchdünnen und gestapelten Elektroblechen. Viele Hersteller solcher Blechpakete sitzen in Süddeutschland und Italien. „Momentan sehen wir in Serbien sehr viele Investments von chinesischen Firmen“, sagt Brüggemann. Dort, vor den Toren der EU, bauten diese eigene Stanzfabriken auf. „Die dort hergestellten Stator- oder Rotorpakete gehen dann völlig zollfrei in die EU, nicht mit 50 Prozent.“ Das Schlupfloch werde „massiv genutzt“, sagt Brüggemann.

Genau begutachtet: Elektroband läuft in Bochum durch die Qualitätskontrolle.
Genau begutachtet: Elektroband läuft in Bochum durch die Qualitätskontrolle.Lucas Bäuml

Arbeitsplätze selbst in Hightech-Stahlwerken sind längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Knapp 20 Kilometer von Bochum entfernt musste im benachbarten Gelsenkirchen ein Elektrobandwerk von Thyssenkrupp im vergangenen Jahr über die Weihnachtszeit wochenlang schließen: Der Druck aus Asien war zu groß, die Zahl der Aufträge zu klein. Für das kornorientierte Elektroband, das in Gelsenkirchen hergestellt wird und unter anderem für Transformatoren in Umspannwerken gebraucht wird, gelten die EU-Handelsschutzmaßnahmen nicht. „In ganz Europa gibt es nur noch drei Hersteller, die kornorientiertes Elektroband fertigen können“, sagt Unternehmensberater Naujok. „Für sie steht die Ampel gerade auf Dunkelgelb. Hier drohen wirklich Kompetenzen verloren zu gehen.“

In Bochum läuft im Raum für die Qualitätskontrolle derweil das fertige Stahlblech vertikal an einem Oberflächeninspektionssystem vorbei. Kameras erkennen kleinste Fehler und warnen die Beschäftigten im Leitstand. Jeder Meter wird geprüft: Ist alles glatt, ist alles regelmäßig? Die schwierigeren Fragen liegen außerhalb des Werks: Führen die hohen Preise als Folge des Zollschutzes dazu, dass die Stahlproduzenten ihre wichtigsten Kunden verlieren? Wie viel Handelsschutz verträgt eine Industrie, bevor der Schutz ihr selbst gefährlich wird?