Liberale Synagoge Darmstadt: Martin Frenzels Engagement


„Spannend wie ein Krimi“, so beschreibt Martin Frenzel die Wiederentdeckung der Liberalen Synagoge in Darmstadt. Auch wenn er mittlerweile schon viele Hundert Gruppen durch die Gedenkstätte geführt hat, fesselt ihn die Geschichte des Gotteshauses noch immer. Frenzel ist Gründer und erster Vorsitzender des Fördervereins Liberale Synagoge Darmstadt e. V. und setzt sich für die Erinnerung an das jüdische Erbe der Stadt ein. Die erste Klappe für den Krimi rund um die Synagoge fiel im Jahr 2003. Beim Aushub der Baugrube für einen Neubau des städtischen Klinikums kamen Überreste des „israelitischen Tempels“, so die zeitgenössische Bezeichnung, zum Vorschein. Doch um wiederentdeckt zu werden, musste die Synagoge zunächst verloren gehen. Ein Blick in die Geschichte:

Es ist der 23. Februar 1876. In der Residenz- und Hauptstadt Darmstadt wird die Einweihung der prunkvollen Synagoge in der Friedrichstraße gefeiert. Jeder, der in der Stadt und im Großherzogtum Hessen Rang und Namen hat, ist da: der regierende Monarch, Großherzog Ludwig III. von Hessen und bei Rhein, internationale Gesandte, der Ministerpräsident, der Oberbürgermeister, die Generalität und die evangelischen Geistlichen. Zuvor, in den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts, hatte sich die jüdische Gemeinde aufgespalten. Der kleinere, eher ländlich geprägte orthodoxe Teil der Gläubigen hatte bereits 1873 ein eigenes Gebetshaus bezogen. Nun zog die größere liberale Gemeinde mit ihrer Synagoge nach.

Die Liberale Synagoge stach mit ihren vier monumentalen Türmen deutlich aus dem Darmstädter Stadtbild hervor.
Die Liberale Synagoge stach mit ihren vier monumentalen Türmen deutlich aus dem Darmstädter Stadtbild hervor.Stadtarchiv Darmstadt

24 Meter ragten die vier aus rotem Sandstein gebauten Ecktürme der Synagoge in den Darmstädter Himmel. Mit ihrer kirchenähnlichen, romanisch-historisierenden Architektur war sie ein Zeugnis für etwas, das im Nationalsozialismus nicht mehr sein durfte: ein Judentum, das einen festen Platz in der deutschen Gesellschaft hatte. So wurden am 9. November 1938 alle Synagogen der Stadt, auch die in der Friedrichstraße, von SA-Männern angesteckt und zerstört. Anders als in anderen Städten brannten die Synagogen in Darmstadt aber nicht erst in der sogenannten Reichspogromnacht, sondern bereits am helllichten Tage. Die Türme der Synagoge waren allerdings so monumental, dass sie den Flammen trotzten und stehen blieben. Deshalb wurden sie anschließend gesprengt. Der Schutt wurde – auf Kosten der jüdischen Gemeinde – abtransportiert, das Areal planiert.

Das Reformjudentum in Darmstadt

Der größte Teil der rund 2500 Juden in Darmstadt, die ungefähr drei Prozent der Stadtbevölkerung ausmachten, gehörte dem assimilierten Reformjudentum, also der liberalen Gemeinde, an. Viele Mitglieder waren Teil des Stadtbürgertums. Die Juden waren, wie auch die Gästeliste der Einweihung zeigt, in die wilhelminische Gesellschaft integriert. Sie wollten deutsch sein und waren es auch. „Von Kopf bis Fuß. Mit heutigen Augen betrachtet, waren sie mir persönlich zu deutsch. Aber so war der Geist der Zeit“, sagt Frenzel.

Die Trümmer der zerstörten Liberalen Synagoge. Links oben ist die Haube eines gesprengten Turms zu erkennen.
Die Trümmer der zerstörten Liberalen Synagoge. Links oben ist die Haube eines gesprengten Turms zu erkennen.Stadtarchiv Darmstadt

Das bedeute aber nicht, dass es im Kaiserreich keinen Antisemitismus gegeben hätte. Frenzel spricht von einer ambivalenten Bilanz aus Anerkennung und Emanzipation sowie Antisemitismus und Judenhass. Auch wenn die Anerkennung überwogen habe, sei Antisemitismus keineswegs vom Himmel gefallen. Nach dem Ersten Weltkrieg sei die Stimmung im Verlauf der Weimarer Republik zunehmend umgeschlagen. Darmstadt wurde zu einer braunen Hochburg, in der die NSDAP regelmäßig bessere Wahlergebnisse als im Durchschnitt des Reiches erzielen konnte.

Nur rund zwölf Juden kamen nach dem Zweiten Weltkrieg nach Darmstadt zurück, wie Frenzel erzählt. Die Übrigen seien gewaltsam ins Ausland vertrieben oder deportiert worden. Viele von ihnen hätten die Konzentrationslager nicht überlebt. Das sei das Ende des Reformjudentums in Darmstadt gewesen. Heute gibt es wieder eine jüdische Gemeinde in Darmstadt mit rund 650 Mitgliedern. Sie besteht zum großen Teil aus Zuwanderern aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, wie Frenzel sagt. Deren Ausrichtung beschreibt er als pragmatisch-orthodox.

Die Wiederentdeckung

Die Liberale Synagoge: planiert. Ein leeres Grundstück, auch nach dem Krieg nicht neu bebaut. So geriet das Gotteshaus über die Jahrzehnte in Vergessenheit. Bis Rüdiger Grundmann, ein evangelischer Pfarrer, im Oktober 2003 bei einem Krankenbesuch aus einem Fenster des Darmstädter Klinikums auf die beginnenden Arbeiten am geplanten Neubau blickte. „Da fuhr es in ihn wie ein Geistesblitz“, sagt Frenzel. Bei seinen Führungen spreche er gerne von einer göttlichen Stimme, die der Geistliche vernahm: Dort hat doch die Liberale Synagoge gestanden.

Ein Farbaquarell, erstellt nach einem histotrischen Foto, zeigt das mächtige Gotteshaus. Seine Architektur orientierte sich am romanischen Kirchenbau.
Ein Farbaquarell, erstellt nach einem histotrischen Foto, zeigt das mächtige Gotteshaus. Seine Architektur orientierte sich am romanischen Kirchenbau.Christian Häussler/Förderverein Liberale Synagoge Darmstadt

Während der Tenor der schnell zusammentelefonierten Gruppe um Grundmann war, dass man vielleicht etwas finde, sei die Botschaft der Bauleitung ein ablehnendes „Hier ist nichts“ gewesen. Doch sie fanden etwas. Der erste Fund war ein vergoldetes Fragment einer Säule – ein Damaskuserlebnis, wie Frenzel sagt. Dann wurden immer mehr Fragmente entdeckt. Aber es herrschte Unsicherheit, wie es nach den Funden mit der Baustelle weitergehen sollte. Würde trotzdem weitergebaut? Nein, denn der „local hero“ des Krimis – so bezeichnet Frenzel den damaligen Oberbürgerbürgermeister Peter Benz (SPD) – verhängte einen sofortigen Baustopp.

Schließlich dauerte es bis zum Jahr 2009, bis die Gedenkstelle eröffnet wurde. Sie ist gestaltet nach dem Vorbild des Heiligtums der Isis und Mater Magna in Mainz. Die Besucher können über einen Steg oberhalb der Grundmauern der Synagoge gehen und die Relikte von allen Seiten besichtigen. Etwa ein Fünftel des Gotteshauses, die rechte hintere Ecke, ist in Form von Grundmauerresten erhalten geblieben. Dazu gehören die Fundamente eines Turms sowie die des Schreins, der die Thorarollen beherbergte, das Allerheiligste in einer Synagoge.

Die Eröffnung der Gedenkstätte als Startpunkt

Nun könnte man denken, dass die Geschichte 2009 endet. Die Gedenkstätte steht, sie ist in das neue Klinikum integriert – ein in Europa einzigartiger Bau. Martin Frenzel saß selbst am runden Tisch, an dem Stadt, Architekten, Klinikleitung und jüdische Gemeinde eine Lösung planten, wie Gedenkort und Krankenhaus miteinander existieren können. Doch für Frenzel war das im Nachhinein betrachtet ein Start- und kein Endpunkt. 2011 gründete sich auf seine Initiative der Förderverein Liberale Synagoge Darmstadt e. V., dessen Vorsitzender er heute noch ist. Was ihn antreibt? „Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Jüdinnen und Juden ohne Angst leben und auch ihre Religion leben können.“

Rund ein Fünftel des Gotteshauses ist in Form von Fundamenten erhalten geblieben.
Rund ein Fünftel des Gotteshauses ist in Form von Fundamenten erhalten geblieben.Lucas Bäuml

Momentan sei dies nicht immer möglich. „Wir alle bemerken, dass wir eine gewaltige Welle an Antisemitismus in der Gesellschaft haben“, sagt er. Dieser habe viele Gesichter: Es gebe eine neue „Querfront“ aus Links- wie Rechtsextremen sowie Antisemitismus unter Studenten, Islamisten und auch in bürgerlichen Kreisen. Zudem sieht Frenzel die liberale Demokratie so gefährdet wie seit dem Ende der Weimarer Republik nicht mehr. „Ich sage nicht, dass wir dieselbe Situation haben, aber eine ähnliche.“ Ein Zeichen dafür sei der Antisemitismus: „Wir müssen ihn als Seismograph für die Gefährdung unserer Demokratie begreifen“, sagt er. Ein Angriff auf Juden sei ein Vorstoß, die weltoffene, liberale, rechtsstaatliche Demokratie zu beseitigen. Denn Kennzeichen einer solchen sei immer auch der Minderheitenschutz.

Das Motto des Fördervereins lautet „Zukunft braucht Erinnerung“. Er hat sich zur Aufgabe gesetzt, das reiche jüdische Erbe der Stadt öffentlich zu halten. Jüdische Persönlichkeiten prägten als anerkannte Kaufleute, Architekten oder Politiker das Darmstadt der Kaiserzeit und der Weimarer Republik. Dazu stellte der Verein schon mehrere Gedenktafeln auf und setzte sich für die Umbenennung von Straßen und Plätzen ein. Als „größten Coup“ bezeichnet Frenzel die Umbenennung des Platzes vor dem Stadion am Böllenfalltor nach Karl Heß, bis 1933 Vorsitzender des SV Darmstadt und Jude. „Wir sind aber kein Geschichtsverein“, sagt Frenzel. Ziel sei es – und das sei auch die Botschaft des Wahlspruchs –, durch Aufklärung und Bildung aus der Geschichte zu lernen. Frenzel ist überzeugt: „Wir, die liberalen Demokratinnen und Demokraten, müssen alles dafür tun, dass diese Demokratie bewahrt wird.“

Dass die Arbeit des Vereins seit dem Ausbruch des Gazakriegs mühsamer geworden ist, merkt Frenzel auch am eigenen Leib. Immer häufiger werde er, selbst bekennender protestantischer Christ, mit subtilem Unterton auf sein Ehrenamt angesprochen und gefragt, ob er denn Jude sei. Ihm selbst sei die Regierung Israels zwar auch entschieden zu nationalkonservativ, hebt Frenzel hervor. Aber: „Es kann nicht sein, dass alles in einen Topf geworfen wird.“ Israel und die israelische Regierung seien auseinanderzuhalten von Juden, die hier lebten.

Daher sei es wichtig, mit der Arbeit des Vereins die Erinnerung an die Schoa wachzuhalten. Auch im vergangenen Jahrhundert habe der Antisemitismus nicht erst in Auschwitz begonnen. Am Anfang hätten Worte gestanden, aus denen Taten geworden seien. Das motiviere ihn, weiterzumachen, sagt Frenzel. Der nächste Gedenkort, diesmal für den jüdischen Kultur- und Technikphilosophen Julius Goldstein, sei bereits in Planung.