3D-Druck und Digitalisierung: Wie Hightech die Lichtenauer Orthopädietechnik verändert
Stand: 19.09.2026, 12:00 Uhr
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KI und 3D-Drucker verändern die Orthopädietechnik – doch Meister Max Feger aus Hessisch Lichtenau setzt klare Grenzen. Wo genau die Technik scheitert, erklärt er am eigenen Betrieb.
Hessisch Lichtenau – Wo früher Gipsstaub auf der Werkbank lag und Raspeln über ein Modell schabten, leuchtet heute ein dreidimensionaler Arm auf dem Bildschirm. Zumindest teilweise. Denn in der Orthopädietechnik des Orthopädischen Zentrums in Hessisch Lichtenau trifft klassische Werkstattarbeit heutzutage auf Hightech.

Wie groß der Wandel ist, zeigt sich schon bei ersten Arbeitsschritten: Statt etwa Arm oder Bein mit Gipsbinden abzuformen, die Form auszugießen und das Modell anschließend mit der Raspel zu bearbeiten, wird der Körper heute oft gescannt, erklärt Max Feger, Geschäftsführer des Orthopädischen Zentrums Lichtenau. Die Konturen landen direkt auf dem Bildschirm, werden dort digital angepasst und dienen anschließend als Grundlage für ein gefrästes Modell oder den 3D-Druck. Trotz aller neuen Technik bleibt der Beruf aber weit mehr als die Arbeit mit Scanner, Computer und auch der klassischen Maschine.
Ausbildung am Orthopädiezentrum Nordhessen
Das Orthopädiezentrum Nordhessen arbeitet mit drei Klinikwerkstätten und Spezialisten-Teams für Prothetik, Orthetik, Reha-Sonderbau, Skoliose und Kinderorthopädie. Angeboten werden Ausbildungen zum Orthopädietechnik-Mechaniker und zum Orthopädieschuhmacher. Der schulische Teil der Ausbildung findet an spezialisierten Berufsschulen in Hessen statt: Orthopädietechnik-Mechaniker besuchen die Saalburgschule in Usingen, Orthopädieschuhmacher die Paul-Ehrlich-Schule in Frankfurt am Main.
Das handwerkliche Geschick, so sagt der Orthopädietechnik-Meister, habe beim Einstieg in den Beruf erst mal keine Priorität – „das kann man lernen“. Denn: „Wenn man nicht gut mit Menschen zurechtkommt, dann kann man noch so ein toller Handwerker sein.“ Empathie, Kommunikation und das Verständnis für die Arbeit als Gesundheitsberuf hingegen sind für den Arbeitsalltag in der Orthopädietechnik nicht verhandelbar – und daher nicht durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) zu ersetzen.
„Denn zu uns kommt niemand unbedingt gerne“, sagt Feger. Schließlich sind meist Schmerzen, Erkrankungen oder Behinderungen der Grund. Gerade nach Unfällen oder neuen Diagnosen sei es wichtig, die Menschen in der neuen Lebenssituation aufzufangen. Ihnen schließlich dabei zu helfen, einen bedeutenden Teil ihrer Selbstständigkeit und Lebensqualität zurückzugewinnen, sei letztlich immer das Ziel der Orthopädietechnik.
Zu uns kommt niemand unbedingt gerne.
Wenn nach einer Amputation ein Bein fehlt, nach einem Schlaganfall sich der Fuß nicht mehr richtig heben lässt oder eine Wirbelsäule schief wächst, entstehen somit in Lichtenau Hilfsmittel, die auf den jeweiligen Menschen zugeschnitten sind. Für Säuglinge mit Schädeldeformitäten etwa werden Kopforthesen gefertigt – gerne auch mit Tieren oder anderen Mustern darauf. Dazu kommen Maßschuhe, Einlagen, spezielle Fußbettungen und Reha-Hilfsmittel. „Wir versorgen die Menschen von Kopf bis Fuß“, sagt der 37-Jährige.
Doch werden Orthopädietechniker mit den immer schnelleren technischen Sprüngen von Digitalisierung und KI in Zukunft von der Werkbank nur noch hinter den Schreibtisch verbannt? Immerhin ist der Weg eines Körpermodells vom Scanner über den 3D-Drucker zum Kunden kein sonderlich langer. Fegers klare Antwort darauf aber lautet: „Nein.“ „Präzision ist das oberste Gebot“, sagt er. Ungenaue Passformen bei Hilfsmitteln, die Menschen erst Mobilität und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, können bei teilweise ganztägiger Nutzung problematisch werden.
„Da geht auch noch vieles über Anfassen“, sagt Feger. Der Spezialist muss feststellen: Wo darf Druck ausgeübt und wo muss entlastet werden? Wo sind empfindliche Stellen? Wie reagiert der Patient auf Belastung? Details, an denen die KI scheitert. „Das kann nur jemand mit zwei gesunden Händen und Rücksprache mit dem Patienten machen.“

Wo die moderne Technik der Branche aber tatsächlich unter die Arme greifen kann, sind vorgefertigte Standardprodukte, etwa Kniebandagen, Schuheinlagen und Kompressionsstrümpfe. Sie kann Arbeitsschritte übernehmen, Abläufe vereinfachen und beschleunigen: Maße lassen sich digital erfassen, passende Größen schneller bestimmen und standardisierte Produkte gezielter auswählen. „Es ist denkbar, dass solche standardisierten Abläufe künftig stärker automatisiert werden“, sagt Feger. Auch bei der individuellen Versorgung nimmt die Digitalisierung dem Handwerk vor allem zeitraubende Zwischenschritte ab.
Das wird künftig vermutlich auch von Nöten sein: Denn nicht nur der Fachkräftemangel, sondern auch der Sparkurs der Krankenkassen könnte dazu führen, dass an allen Ecken und Enden Ressourcen gespart werden müssen. „Da ist es natürlich günstiger, einen 3D-Drucker hinzustellen, als einen Menschen zu bezahlen“, sagt Feger.
Wichtig dabei bleibt für Feger aber: Die Technik verändert die Arbeit – „den individuellen Blick für den einzelnen Menschen ersetzt sie jedoch nicht“. (Evelina Kern)