Abgeschriebene Speerwerferin: Not-Minijob für die Miete bringt Ulbricht die EM-Sensation
Abgeschriebene Speerwerferin
Not-Minijob für die Miete bringt Ulbricht die EM-Sensation
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17.08.2026 | 07:54 Uhr
Kaum jemand glaubt an Julia Ulbricht, doch die Speerwerferin beweist es allen: Die 25-Jährige gewinnt EM-Silber. Ohne Sportförderung zu erhalten, dank eines Minijobs, der ihre Miete finanziert. Denn Ulbricht hat einen Traum.
Nach ihrem letzten Wurf brachen bei Julia Ulbricht alle Dämme. Die Speerwerferin hat bei der Leichtathletik-Europameisterschaft eine der überraschendsten Medaillen gewonnen. Ihr erster Versuch war es gleich, der die Rostockerin über die Silbermedaille strahlen ließ: 61,53 Meter - nur fünf Zentimeter unter ihrer Bestleistung. Damit musste sie sich nur der Olympiasiegerin von 2016, Sara Kolak aus Kroatien (62,43), geschlagen geben. Die zweite Deutsche, Luisa Tremel wurde Zwölfte (53,19).
"Ich wollte schon immer eine Medaille auf internationaler Bühne. Ich bin einfach nur happy", sagte Ulbricht in der ARD. Die Medaille um den Hals, das Strahlen auf den Lippen, versagte ihr fast die Stimme: "Oh mein Gott, ich kann es nicht fassen, ich bin ein bisschen sprachlos."
Acht Jahre nach Christin Hussong, die damals bei der Heim-EM in Berlin Gold holte, steht wieder eine deutsche Speerwerferin auf dem Treppchen. Es ist das Ende einer langen Wartezeit in einer Disziplin, die einst von den Deutschen dominiert wurde. Ulbricht war bislang keine, der zugetraut worden war, diese Erfolgsserie wieder aufleben zu lassen. Die Frau mit den zwei roten, geflochtenen Zöpfen war als Außenseiterin in den Wettkampf gegangen - schon ihre Nominierung für die EM war ein Erfolg, den sie sich mit ihrer neuen Bestleistung bei den deutschen Meisterschaften erkämpft hatte.
"Überlegt, ob ich es aufgebe"
Die 25-Jährige erlebt in Birmingham etwas, das kaum jemand für möglich gehalten hat. Diejenigen, die Leistungen und Erfolge in Deutschland prognostizieren, werden sich ebenfalls verwundert die Augen reiben. Denn im vergangenen Jahr wird Ulbricht aus dem Bundeskader gestrichen. Ihre erzielten Weiten entsprechen nicht den Ansprüchen. Nach dem EM-Silber in der U20 bleiben die Erfolge und die Weitensteigerungen aus. Die Folge: Ulbricht erhält keinerlei Sportförderung mehr.
Trainingslager muss sie selbst bezahlen, Sporthilfe und Verband steuern nichts bei. Ihr Verein, der 1. LAV Rostock, unterstützt sie mit "ein bisschen" Geld. "Das reicht am Ende des Monats aber immer noch nicht. Man muss ja auch seine Miete bezahlen, seine Rechnungen bezahlen und noch ein bisschen Geld übrig haben, um mal zu Wettkämpfen zu fahren oder neue Schuhe oder Trainingsklamotten zu kaufen", sagte sie dem NDR vor der EM.
"Ehrlich gesagt waren die letzten Jahre schwierig. Ich war schon an dem Punkt zu überlegen, ob ich es aufgebe", gab sie nun im Augenblick ihres Erfolgs einen persönlichen Einblick. "Aber mein Traum ist immer noch, dass ich es mal zu Olympia schaffe. Deswegen habe ich nie aufgegeben und immer weitergekämpft. Trotz der ganzen Herausforderungen und Schwierigkeiten." Die nächste Möglichkeit steht 2028 mit den Spielen in Los Angeles an.
Babysitten und Minijob
Um für ihren Traum zu kämpfen, geht Ulbricht freiwillig Umwege. Sie nimmt einen Minijob bei der Ballschule des Basketballklubs Rostock Seawolves an, trainiert dort Kinder: "Also ich fahre in Kindergärten und mache mit denen immer ein Stündchen Sport." Zusätzlich arbeitet sie als Babysitterin. "Ich habe zum Glück ein tolles Umfeld, meine Familie und Freunde stehen hinter mir. Die haben immer daran geglaubt, dass ich es kann und dass ich hierher gehöre."
Das hat sie jetzt auch allen bewiesen, die es ihr nicht zugetraut haben. Ulbricht hofft, dass ihr der Erfolg weitere Türen öffnet. "Dass ich eventuell auch bei besseren Wettkämpfen werfen kann, vielleicht auch Leute auf mich aufmerksam werden, ich vielleicht irgendwie eine Chance habe, auch mal Sponsorenverträge zu bekommen."
Mit ihrer neuen Bestweite sowie ihrer EM-Medaille erfüllt sie zudem jetzt die Normen des Deutschen Leichtathletik-Verbands für den Kader. Das vereinfacht auf ihrem Weg zum Olympia-Traum einiges.
Verwendete Quellen: ntv.de, ara