Ahnatals Bürgermeister Stephan Hänes: „Mein Motto ist: Mut zur Krise“
Stand: 15.07.2026, 06:03 Uhr
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Stephan Hänes will bei der Bürgermeisterwahl im November erneut kandidieren. Im Interview spricht er über die aktuelle politische Lage in seiner Gemeinde.
Ahnatal – Die Rathausdurchsuchung, ein Disziplinarverfahren, jahrelange Buchungsfehler und ein fehlender Haushalt: Hinter Ahnatals Bürgermeister Stephan Hänes (SPD) liegen turbulente Monate. Trotz der Herausforderungen will er bei der Bürgermeisterwahl im November erneut kandidieren. Im Interview spricht er über die Ermittlungen gegen ihn, die finanzielle Lage der Gemeinde, den Stand wichtiger Projekte und darüber, warum er trotz aller Schwierigkeiten optimistisch bleibt.
Zur Person
Stephan Hänes (60) steht seit 2021 als Bürgermeister an der Spitze der Gemeinde Ahnatal. Der gelernte Einzelhandelskaufmann sammelte zuvor Führungserfahrung, unter anderem als Marktleiter bei Löber in Hofgeismar und als Filialgeschäftsführer bei Tegut. Mit 17 Jahren trat er der SPD in Ahnatal bei; seit 1989 engagiert er sich in der Kommunalpolitik und gehörte der Gemeindevertretung an. Privat ist der begeisterte Anhänger des KSV Hessen Kassel regelmäßig bei Heimspielen im Stadion anzutreffen. In seiner Freizeit erkundet er die Region am liebsten mit dem E-Bike und liest gern. Der Vater zweier Kinder lebt im Ortsteil Weimar.
Herr Hänes, die vergangenen Monate waren turbulent für Sie – eine Hiobsbotschaft jagte die nächste. Wie geht es Ihnen damit, dass Ihre Gemeinde immer wieder für Schlagzeilen sorgt?
Die vergangenen Monate waren sehr anstrengend und nicht wirklich schön für mich. Es kostet viel Kraft, wenn man immer wieder auf der Straße angesprochen wird, in die Diskussion gehen und sich erklären muss. Und auch in der Gemeindevertretung ist es manchmal anstrengend. Ich habe das Gefühl, das Gremium ist sich auch noch nicht so ganz einig, in welche Richtung es will – die letzte Sitzung der Gemeindevertretung war von Unstimmigkeiten geprägt.
Weg von den Hiobsbotschaften: Was ist aus Ihrer Sicht in den vergangenen zwölf Monaten gut gelaufen in Ahnatal?
In den vergangenen Monaten ist vor allem bei der Infrastruktur viel passiert: Die Sanierung der Karl-Heinz-Poetzsch-Sporthalle und des Gemeindezentrums läuft planmäßig, die Lindenstraße ist weitgehend fertiggestellt, und die nächsten Projekte wie die Sanierung der Kläranlage sind bereits politisch abgestimmt. Besonders positiv ist aber auch das lebendige Vereins- und Gemeinschaftsleben. Mit Veranstaltungen wie dem Weinfest, den Ferienspielen und zahlreichen Aktivitäten der Vereine ist in der Gemeinde das ganze Jahr über etwas geboten. Dieses starke ehrenamtliche Engagement und der Zusammenhalt der Bürgerinnen und Bürger sind gerade in der heutigen Zeit von unschätzbarem Wert.
Am 27. Mai hat die Staatsanwaltschaft das Rathaus und Ihre Privaträume durchsucht, weil sie Ihnen vorwirft, die Kitacontainer in Weimar auf eigene Faust für 2,2 Millionen Euro gekauft zu haben. Bisher haben Sie sich nicht zu diesem Thema geäußert. Warum nicht?
Die Sache liegt jetzt erst mal bei unserem Anwalt. Und es gibt auch keine neuen Erkenntnisse. Die Fraktionsvorsitzenden werden regelmäßig über den Stand des Gerichtsverfahrens mit der Firma Adapteo in Kenntnis gesetzt und es gab eine breite Zustimmung für den Kauf, da dies die ökonomisch sinnvollste Lösung darstellte.
Wissen Sie, auf welchem Stand die Ermittlungen sind?
Meinem Rechtsbeistand wurde noch keine Akteneinsicht gewährt. Derzeit wird seitens der Staatsanwaltschaft geprüft, ob die Vorwürfe überhaupt berechtigt sind.
Mit welchen Konsequenzen rechnen Sie?
Naja, ich sage mal so: Wenn ich absichtlich gehandelt und bewusst etwas falsch gemacht hätte, dann müsste ich Angst vor Konsequenzen haben. Aber die habe ich nicht – ich schlafe immer noch nach wie vor gut.
Der Landkreis hat wegen des Containerkaufs ein Disziplinarverfahren gegen Sie eingeleitet. Hatte das schon Konsequenzen für Sie?
Nein, bisher hatte es noch keine Konsequnzen.
Ende vergangenen Jahres sind bei einer routinemäßigen Revision Buchungsfehler aufgetaucht, die die Gemeinde über 15 Jahre gemacht hatte. Sind sie mittlerweile komplett aufgearbeitet?
Die Arbeiten zur Aufarbeitung werden weiterhin fortgeführt. Der Landkreis Kassel hat die Bemühungen der Gemeinde positiv bewertet und die Frist zur Umsetzung der Anweisungsverfügung vom 29. Januar bis zum 30. September verlängert. Besonders erfreulich ist, dass in der Verfügung ausdrücklich der enge und rege Austausch zwischen der gemeindlichen Kämmerei und der Revision hervorgehoben wird. Wie der Landkreis bestätigt, sind die notwendigen Vorarbeiten zur Fehlerbereinigung im System mittlerweile weitestgehend abgeschlossen. Ende August 2026 ist ein gemeinsamer Arbeitstermin mit dem IT-Dienstleister ekom21 vorgesehen, um die finalen Systembereinigungen für die Jahre 2017 und 2018 durchzuführen. Bis dahin sollen die Abschlüsse der Jahre 2014 bis 2016 korrigiert sein.
Die Buchungsfehler blockieren die Doppel-Haushaltsgenehmigung für 2024/25 – wann könnte diese kommen?
Sobald alles wirklich abgeschlossen ist.
Dieses Jahr noch?
Ich gebe nicht auf, daran zu glauben.
Auch einen Haushalt für das Jahr 2026 gibt es noch nicht. Wann wird das Zahlenwerk eingebracht?
Der Haushalt für 2026 ist im Grundgerüst fertig. Aber bevor die Buchungen nicht alle aufgearbeitet sind, können wir keinen neuen Haushalt einbringen. Vielleicht bietet sich auch ein Doppelhaushalt 2026/2027 an. Das müssten wir aber erstmal in den Gremien besprechen.
Kein Haushalt, keine größeren Projekte – und das, obwohl Ahnatal viele Baustellen hat: Wie lange kann Ihre Gemeinde noch so weitermachen?
Das kann man nicht so genau beantworten. Zum Glück können wir Maßnahmen, zu denen wir rechtlich verpflichtet sind oder die für die Weiterführung notwendiger und unaufschiebbarer Aufgaben notwendig sind, umsetzen. Wenn uns wichtige Projekte am Herzen liegen, können wir dafür in der Regel Fördermittel des Landes Hessen beantragen und erhalten. Die schwierige Haushaltslage trifft jedoch die Vereine: Zuschüsse, die die Gemeinde bislang gewähren konnte, entfallen. Das ist besonders bedauerlich, weil gerade die Vereine mit ihrem großen ehrenamtlichen Engagement und ihren zahlreichen Veranstaltungen wesentlich zum Zusammenhalt und zur Lebensqualität in der Gemeinde beitragen.
Die vergangenen Jahre waren bei der Gemeinde oft geprägt von Personalmangel. Kehrt dort jetzt etwas Ruhe ein?
Ja, definitiv. Das ist auch eine gute Nachricht der vergangenen zwölf Monate. Gerade im Bauamt sind wir zum Glück wieder gut besetzt.
Die Kita-Situation ist immer wieder ein großes Thema in Ihrer Gemeinde: Die Kita in Heckershausen ist stark sanierungsbedürftig, für die Kita Königsfahrt gibt es bislang keine Perspektive, die Containerkita macht auch immer wieder Probleme und wann der Bau der neu geplanten Awo-Kita in Weimar starten kann, ist weiter unklar. Wie will die Gemeinde die Kinderbetreuung in den nächsten Jahren gestalten?
Die Sicherung der Kinderbetreuung bleibt eine große Herausforderung. Nach den Erfahrungen vergangener Sanierungen, bei denen Kinder aus den Einrichtungen ausgelagert werden mussten, hat die Gemeinde mit Containern eine notwendige Übergangslösung geschaffen. Die wird auch in den kommenden Jahren benötigt: Nach Abschluss der Arbeiten an der Kita Königsfahrt steht bereits die sanierungsbedürftige Einrichtung in Heckershausen an. Die Gemeinde muss daher Schritt für Schritt vorgehen, um die Betreuung während der einzelnen Baumaßnahmen durchgehend sicherzustellen.
Das heißt, die Container sind jetzt Gold wert?
Ja. Es rechnet sich, dass wir sie haben. Wir wollen aber natürlich auch am Standort bleiben und sind gerade mit den Besitzern der Flächen im guten Austausch.
Im guten Austausch? Das heißt, es könnte sein, dass Sie die Fläche auch kaufen können?
Genau, wir haben mit den Besitzern da ein gutes Verhältnis und sind in Gesprächen. Auch der Zweckverband ist mit im Boot.
Aldi und Rossmann planen, am Kreisel in Weimar neu zu bauen. Wie ist der Stand der Planungen?
Es geht mühsam voran, aber es geht voran. Wir sind weiter in Gesprächen mit dem Zweckverband und dem Kreis Kassel.
Wann könnte denn realistisch mit dem Bau begonnen werden?
Das kann ich nicht sagen, aber eine Eröffnung dieses Jahr wird nicht klappen.
Trotz all der Probleme wollen Sie Bürgermeister bleiben und treten bei der Wahl im November wieder als SPD-Kandidat an: Haben Sie in den vergangenen Monaten mal darüber nachgedacht, das nicht zu tun?
Nein, ich stehe voll hinter der Entscheidung. Und mal ganz ehrlich gesagt: Die aktuelle Situation bei uns im Land ist so angespannt – da will ich auch meinen Beitrag als SPD-Bürgermeister leisten, dass es besser wird. Dass die AfD so stark ist, bereitet mir große Sorgen. Mein Motto ist: Mut zur Krise (lacht). (Clara Pinto)
Die schnellen Sieben
Mit welchem Satz wollen Sie mal in der Gemeindechronik stehen? „Im Großen und Ganzen hat er das ganz gut gemacht“, würde mir schon reichen.
Wenn Ihre Stadt/Gemeinde ein Promi wäre: Welcher und warum? Fußballer und Schachspieler Milanko Grcic, weil er in Ahnatal wohnt und den Ort als Sportler geprägt hat.
Welche App würden Sie auf Ihrem Handy am meisten vermissen? Spotify.
Was ist Ihr größter Hot Take, also Ihre unpopulärste Meinung? Frauenfußball ist besser als Männerfußball.
Wenn Sie das Rathaus für einen Tag gegen einen anderen Arbeitsplatz tauschen könnten: Welchen würden Sie wählen? Etwas mit Menschen und mit Lebensmitteln: Ich wähle den Einzelhandel.
Welche Ahnataler Spezialität würden Sie jedem Gast als Erstes servieren? Weckewerk.
Bei welchem Wettkampf würden Sie gegen Ihre Bürgermeisterkollegen im Landkreis am ehesten gewinnen? Minigolf.