Albtraum vor Berlin: Wie die Bahn 35 Jahre deutsch-polnische Freundschaft aufkündigt
Schon kurz nach der Abfahrt aus Warschau meldete sich der Zugbegleiter des Berlin-Warszawa-Expresses über die Lautsprecher. Die Durchsage war knapp: In Frankfurt (Oder) endet die Zugfahrt. Zwischen der deutsch-polnischen Grenze und Berlin hat die Deutsche Bahn einen Schienenersatzverkehr eingerichtet.
Die letzten Kilometer bis in die Hauptstadt müssen mit Reisebussen zurückgelegt werden. Im Abteil machte sich sofort Unmut breit. Einige Fahrgäste stöhnten hörbar, andere griffen zu ihren Handys und suchten nach Alternativen.
Voll besetzter Bus im Hochsommer
Der Zugbegleiter sprach in einem fast entschuldigenden Ton. Beinahe wirkte es, als wolle die polnische Bahn vorsorglich klarstellen, dass das bevorstehende Chaos nicht ihre Verantwortung sei. Fünf Stunden später, pünktlich in Frankfurt (Oder), wurde klar, warum.
Noch während der Fahrt hatten wir eine Entscheidung getroffen. Mit zwei kleinen Kindern, zwei Kinderwagen und mehreren schweren Koffern in einen überfüllten Reisebus einzusteigen, kam für uns nicht infrage. Also suchten wir nach einer Alternative. Die Bahn-App schlug einen Regionalexpress nach Königs Wusterhausen vor. Zwar hätten wir in Frankfurt (Oder) fast eine Stunde warten müssen. Trotzdem erschien uns diese Verbindung deutlich angenehmer als ein voll besetzter Ersatzbus mitten im Hochsommer.
Doch gleich nach dem Aussteigen folgte die nächste Überraschung. Der Aufzug zum Bahnsteig des Regionalexpresses war außer Betrieb. Ausgerechnet an jenem Bahnhof, an dem wegen des Schienenersatzverkehrs Hunderte internationale Fahrgäste mit Koffern, Fahrrädern oder Kinderwagen den Bahnsteig wechseln mussten.
Bahnverkehr
Regionalexpress RE1 vor dem Aus: „Dann wird die Linie mehr oder weniger eingestellt“
Uns blieb nichts anderes übrig. Kinderwagen, Gepäck und schließlich unsere Kinder mussten über die Treppen getragen werden. Dreimal lief ich die Stufen hinunter und wieder hinauf. Immerhin funktionierte der Aufzug auf der anderen Seite des Bahnhofs. Sonst hätten wir auch den nächsten Bahnsteig nur über Treppen erreichen können.
Das Problem ist die Organisation
Wer regelmäßig zwischen Berlin und Warschau unterwegs ist, kennt dieses Ritual. Kaum ist eine Baustelle beendet, beginnt die nächste. Seit Jahren wechseln sich Schienenersatzverkehr, Umleitungen und kurzfristige Fahrplanänderungen ab. Wer heute ein Ticket nach Warschau bucht, kann oft nicht sicher sein, ob die gebuchte Verbindung wenige Wochen später überhaupt noch existiert.
Natürlich muss gebaut werden. Die Strecke zwischen Berlin und Frankfurt (Oder) gehört zu den wichtigsten Eisenbahnkorridoren Deutschlands. Hier verkehren Regionalzüge, Eurocity-Züge nach Warschau, Danzig und Krakau sowie ein großer Teil des Güterverkehrs Richtung Polen und Osteuropa. Jahrzehntelang wurde zu wenig investiert. Dass Gleise erneuert, Stellwerke modernisiert und Bahnhöfe ausgebaut werden, ist überfällig. Das eigentliche Problem sind deshalb nicht die Baustellen. Es ist ihre Organisation.
Deutschland investiert Milliarden in die Schiene. Gleichzeitig entsteht bei vielen Reisenden der Eindruck, dass jede Baustelle für sich geplant wird, ohne den Blick auf die gesamte Strecke. Kaum ist ein Abschnitt fertig, wird der nächste gesperrt. Was als Modernisierung gedacht ist, fühlt sich für Pendler und internationale Fahrgäste längst wie ein Dauerzustand an.
Besonders deutlich wird das im Vergleich mit Polen. Während auf deutscher Seite immer neue Ersatzbusse organisiert werden, hat Polen sein Eisenbahnnetz in den vergangenen Jahren mit beeindruckender Geschwindigkeit modernisiert. Zwischen Warschau und Poznań oder Krakau verkehren moderne Fernzüge zuverlässig und mit hohen Geschwindigkeiten. Für viele Polen ist selbstverständlich geworden, was in Deutschland immer häufiger zur Ausnahme wird: dass ein Zug pünktlich ankommt – und die angekündigte Verbindung tatsächlich bis zum Ziel fährt.
Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Strecke nach Warschau. Auch die zweite große Bahnverbindung zwischen Deutschland und Polen steht seit Jahren sinnbildlich für das Problem. Zwischen Berlin und Szczecin wird seit langem gebaut. Wer nach Szczecin will, muss auf einer Teilstrecke den Ersatzbus nehmen. Die Deutsche Bahn wirbt inzwischen damit, dass der neue Direktzug im Dezember 2026 starten soll. Gleichzeitig müssen Fahrgäste bis auf Weiteres weiterhin in Angermünde in Busse umsteigen. Wann die Direktverbindung tatsächlich ohne Ersatzverkehr verkehren wird, ist offen.
Im Provisorium verharren
So entsteht der Eindruck, dass Deutschland zwar baut, aber seine wichtigsten europäischen Bahnverbindungen auf Jahre hinaus im Provisorium verharren. Wer regelmäßig nach Polen reist, plant inzwischen nicht mehr nur die Fahrt – sondern gleich den Ersatzverkehr mit.
Dabei geht es längst nicht mehr um den Komfort einiger Pendler. Die Bahnstrecken zwischen Berlin und Warschau sowie zwischen Berlin und Szczecin gehören zu den wichtigsten Verkehrsachsen zwischen Deutschland und Polen. Sie verbinden zwei Nachbarländer, deren wirtschaftliche und politische Beziehungen so eng sind wie nie zuvor.
Wer über deutsch-polnische Partnerschaft spricht, sollte deshalb nicht nur über Regierungserklärungen oder Staatsbesuche reden. Entscheidend ist auch, wie unkompliziert Menschen den Alltag zwischen beiden Ländern bewältigen können.
In diesem Sommer wird der 35. Jahrestag des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags gefeiert. Politiker halten Festreden, Botschafter laden zu Empfängen ein, Stiftungen organisieren Podiumsdiskussionen. All das hat seinen Wert. Doch Nachbarschaft entsteht nicht in Konferenzsälen. Sie entsteht dort, wo Menschen ohne große Hindernisse ihre Freunde besuchen, zur Arbeit fahren oder ihre Familie sehen können. Sie zeigt sich darin, ob Studierende am Wochenende nach Hause fahren, Unternehmer verlässlich Termine wahrnehmen oder Familien mit kleinen Kindern entspannt zwischen Berlin und Warschau reisen können.
Noch vor wenigen Jahren wäre ein Vergleich zwischen Polen und Deutschland zugunsten des westlichen Nachbarn ausgefallen. Deutschland galt als Synonym für funktionierende Infrastruktur, Polen als das Land mit großem Nachholbedarf. Wer in den 90er-Jahren oder zu Beginn der 2000er von Berlin nach Warschau fuhr, hatte oft das Gefühl, an der Grenze nicht nur ein anderes Land, sondern auch eine andere Zeit zu betreten.
Heute hat sich dieses Bild in erstaunlicher Weise verändert: Polen hat Milliarden in sein Schienennetz investiert, Bahnhöfe modernisiert und zentrale Fernstrecken ausgebaut. Deutschland dagegen wirkt immer häufiger wie ein Land, das weniger am Geld scheitert als an der Fähigkeit, Großprojekte so zu organisieren, dass sie für die Menschen erträglich bleiben.
Die Berliner Zeitung hat kürzlich berichtet, dass das derzeitige Chaos zwischen Berlin und Warschau kein vorübergehendes Sommerproblem ist. Die Bauarbeiten auf der Strecke zwischen Berlin und Frankfurt (Oder) werden die Verbindung noch über Jahre beeinträchtigen. Wer gehofft hatte, nach diesem Sommer kehre wieder Normalität ein, dürfte enttäuscht werden.
Ähnlich ungewiss ist die Lage auf der Strecke nach Szczecin. Seit Jahren wird gebaut, seit Jahren werden neue Termine für die direkte Regionalverbindung genannt. Noch immer endet die Zugfahrt jedoch in Angermünde. Wann der angekündigte Direktzug tatsächlich ohne Unterbrechung fahren wird, steht in den Sternen.
Das eigentliche Problem ist deshalb größer als jede einzelne Baustelle. Deutschland investiert Milliarden in seine Eisenbahn. Gleichzeitig gelingt es nicht, die beiden wichtigsten Bahnverbindungen nach Polen über längere Zeit verlässlich anzubieten. Gerade darin liegt die politische Dimension. Deutschland und Polen arbeiten heute so eng zusammen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Beide Länder wollen ihre wirtschaftlichen Beziehungen vertiefen, gemeinsam Verantwortung für Europas Sicherheit übernehmen und die Zusammenarbeit in der Europäischen Union ausbauen. All das beginnt jedoch nicht erst auf Regierungsebene, sondern dort, wo Menschen Grenzen überqueren.
35 Jahre nach dem deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag sollte die größte Hürde einer Reise zwischen beiden Ländern nicht mehr auf den letzten Kilometern vor Berlin liegen. Solange ausgerechnet die wichtigsten Bahnverbindungen zwischen Deutschland und Polen im Ersatzverkehr enden, bleibt die europäische Nachbarschaft auf der Schiene ein Versprechen – und ein Symbol für ein großes politisches Problem.
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