Wozu besuchen junge Leute "Offline-Clubs"?


Ein lauer Samstagnachmittag im Plänterwald in Berlin. Die Sonne blitzt durch das Blätterdach und sprenkelt, sehr idyllisch, das kriechende Grün auf dem Waldboden. Sofort – und man ärgert sich ja schon darüber – verspürt man den Impuls, das Handy zu zücken und ein Foto zu machen, es vielleicht in die Instagram-Story zu posten.

Das geht allerdings nicht. Mein Handy liegt ausgeschaltet in meiner Tasche, wo es für die nächsten zirka zwei Stunden bleiben soll. So sind die Anweisungen von „The Offline Club“, mit dem ich unterwegs bin, einer 2024 in den Niederlanden gegründeten Initiative, die mittlerweile europaweit Ableger hat und Events organisiert, bei denen Menschen der digitalen Reizüberflutung entfliehen und sich analog begegnen können: bei „Hangouts“ in Cafés, bei Picknicks oder Lese-Events in Parks oder eben bei einem Waldspaziergang. Das Konzept hat etwas Absurdes: Man zahlt – oder spendet, in diesem Fall drei Euro –, um das Handy nicht zu benutzen. Gleichzeitig wirkt es erstaunlich plausibel, wenn ich bemerke, wie oft in mir im Laufe des Nachmittags der Impuls aufsteigt, auf mein Handy zu schauen. Wofür genau – das kann ich nicht einmal sagen.

Die Gruppe reagiert mit einem leisen „Psst!“

Wir treffen uns vor dem Bahnhof Plänterwald, es gibt eine kurze Vorstellungsrunde, unser Tourguide Johanna erklärt – auf Englisch, es gibt einige internationale Teilnehmer – den Ablauf, dann beginnt schon der „Silent Walk“, der stille Teil des durchgetakteten Programms. Als klar wird, dass wir unsere Tickets nicht vorzeigen müssen, fragt einer der Teilnehmer, ob das künftig in der Eventankündigung erwähnt werden könnte? „Dann könnte man das Handy zu Hause lassen und wirklich mal handyfrei sein.“

Nicht ganz handyfrei laufen wir also los in Richtung Wald, schweigend, um mit uns selbst zu „connecten“. Die ersten Minuten ziehen sich. Hier und da wird noch geflüstert oder gekichert, worauf die Gruppe schnell mit einem leisen „Psst“ reagiert. Ein bisschen wie bei einem Schulausflug. Im Wald angekommen, füllt das Rauschen der Baumkronen und das Knirschen des Kieses unter unseren Füßen die Stille, bis sie ihren unangenehmen Charakter verliert.

Später, als wir uns wieder unterhalten dürfen, spreche ich mit Teilnehmerin Julia darüber, wie seltsam befreiend es sich anfühlt, in der Natur zu sein und einfach nur wahrzunehmen, was um einen herum passiert, ohne darauf reagieren zu müssen. Wir würden gern öfter ohne Handy sein; unsere Bildschirmzeit ist eine Zahl, für die wir uns schämen: Das scheinen wir hier immerhin alle gemeinsam zu haben.

Der „Offline Club“  wurde 2024 in den Niederlanden gegründet und hat mittlerweile europaweit Ableger.
Der „Offline Club“  wurde 2024 in den Niederlanden gegründet und hat mittlerweile europaweit Ableger.Jens Gyarmaty

Auch in meinem Freundeskreis tauschen wir uns plötzlich immer häufiger über MP3-Player, Kameras oder analoge Wecker aus. Dabei war zu Beginn der Ära des Smartphones genau das sein Versprechen, mit dem es so erfolgreich gelockt hat: ein Gerät für alles zu sein. Unser Handy ist nicht nur Kommunikationsmittel, es ist Kamera, Uhr, Thermometer, Zeitung, Notizbuch, Fernseher – nur der Anfang einer langen Liste. Ich würde es ja gern öfter zu Hause lassen, aber meine Bahnkarte gibt es nur digital, bezahlt wird immer öfter mit Apple Pay. Und wie einfach ist es, bei „Wo ist?“ zu schauen, wo genau meine Freunde sind, wenn wir verabredet sind?

Die Flexibilität, die ständige Erreichbarkeit ist zu einer Last geworden, von der sich selbst zu befreien immer schwieriger wird. Zunehmend fordern Politiker deshalb einen bewussteren Umgang mit dem Handy, gerade für junge Menschen, etwa durch ein Handyverbot in der Grundschule oder striktere Alterskontrollen für soziale Medien, wie sie jüngst Frankreich verkündet hat. Krankenkassen teilen Tipps zum „Digital Detox“, und „The Offline Club“ ist längst nicht die einzige Initiative, die handyfreie Veranstaltungen anbietet. Das „Alles in einem“-Konzept des Smartphones verliert nicht nur seinen Reiz, es wirkt zunehmend wie eine Belästigung.

Erst „connecten“ mit sich selbst, dann mit den anderen

Im Plänterwald ist nach ungefähr einer halben Stunde das Schweigen vorbei: Nachdem wir uns mit uns selbst „connected“ haben, sind nun die anderen an der Reihe. Johanna teilt uns dafür in Grüppchen auf, in denen wir im Gespräch drei Gemeinsamkeiten finden sollen, die nicht mit „Natur, Arbeit oder Berlin“ zu tun haben. Das soll Anstoß dazu sein, nicht nur Smalltalk, sondern tiefer gehende Gespräche zu führen.

Ein bisschen erzwungen fragen wir also nach Hobbys und sind noch auf Gemeinsamkeitssuche, als die Gruppen schon neu gemischt werden. Diesmal sollen wir uns „Zwei Wahrheiten, eine Lüge“ erzählen. In meiner Gruppe übergehen wir diesen Prompt diesmal und unterhalten uns etwas natürlicher über die Gründe, warum wir bei diesem Event teilnehmen. „Es ist gar nicht so leicht, Leute kennenzulernen, wenn man neu in eine Stadt kommt“, erzählt eine junge Frau aus Aserbaidschan. „Dann ist es natürlich einfach, sich in sein Handy zu fliehen, da hat man diesen vermeintlichen Kontakt zu anderen. Aber eigentlich fühlt man sich dann nur noch einsamer.“

Die Handys bleiben für das zirka zweistündige Programm ausgeschaltet.
Die Handys bleiben für das zirka zweistündige Programm ausgeschaltet.Jens Gyarmaty

Diese Aussage fällt, in unterschiedlichen Varianten, an diesem Tag öfter. Viele der Teilnehmer, von denen ein Großteil nicht oder nur wenig Deutsch spricht, sind hier weniger auf der Suche nach einer Pause vom Bildschirm als nach Begegnungen. Nicht das ständige Scrollen durchs Handy scheint das eigentliche Problem, sondern das Gefühl, damit – oder deswegen – keine echten Kontakte mehr knüpfen zu können. Ausgerechnet die Generation Z, die so vernetzt ist wie keine zuvor, gilt heute als die einsamste Altersgruppe – noch vor den Rentnern. Die sozialen Medien, in denen wir Stunden unserer Zeit verbringen, suggerieren Nähe, doch oft bleibt sie eine Illusion: Wir scrollen passiv durch fremde Leben, lernen vermeintlich die Personen kennen, denen wir folgen – eine echte Verbindung bleibt in den allermeisten Fällen jedoch aus.

Vielleicht liegt auch deshalb der Fokus von „The Offline Club“ auf der Begegnung mit anderen: Auf den deutlich längeren Veranstaltungsteil, in dem wir untereinander ins Gespräch kommen sollen, folgt ein optionales gemeinsames Picknick. Es wird zum Vernetzen untereinander eingeladen – übers Handy natürlich, das dafür nun, zum Ende des Events, wieder eingeschaltet werden darf und soll.

Am Ende des Spaziergangs werden noch Tipps zum Reduzieren der Bildschirmzeit ausgetauscht.
Am Ende des Spaziergangs werden noch Tipps zum Reduzieren der Bildschirmzeit ausgetauscht.Jens Gyarmaty

Das Smartphone ist nicht per se der Feind, vielmehr Werkzeug – nicht nur für das Vernetzen oder das Organisieren der Veranstaltung selbst. Auch als sich Johanna, die uns für ein paar Stunden aus der digitalen Welt führen wollte, im Wald verläuft und mehrmals zur Orientierung aufs Handy schauen muss.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Erkenntnis dieses Nachmittags: Nicht das Handy ist das Problem. Sondern dass wir verlernt haben, selbst zu entscheiden, wann wir es brauchen – und wann wir es für ein paar Stunden in der Tasche lassen können.