Auch ohne Hitze schweißtreibend: Wenn die Superkraft des Menschen aus dem Ruder läuft


Keine Klimaanlage im Bus, schwitzende Menschen stehen zusammengepfercht, das durchnässte T-Shirt klebt am Körper – kaum etwas empfindet der Erbonkel als unangenehmer als die schwülheißen Tage im Sommer. Aber was, wenn das jeden Tag so wäre? Bei geringstem Anlass Schweißausbrüche, feuchte Stirn und verschwitzte Achselhöhlen, sogar im Winter?

Nein, es geht nicht um den Klimawandel, der uns in den kommenden Jahrzehnten mehr und mehr heiße und damit schweißtreibende Tage bringen wird. Es geht um Menschen, deren natürliche Schweißproduktion unabhängig vom Wetter aus dem Ruder läuft.

Etwa zwei Prozent, über eine Million Menschen in Deutschland, leiden unter einer solchen Hyperhidrose, einer übermäßigen Schweißproduktion. Und „leiden“ ist das richtige Wort, denn oft erfahren Betroffene soziale Ausgrenzung, ziehen sich zurück, entwickeln Schamgefühle bis hin zu Depressionen, obwohl sie nichts für ihre Erkrankung können. Denn das Schwitzen lässt sich nicht kontrollieren.

Eigentlich ist es eine überlebenssichernde Superkraft des Menschen, die eigene Haut mit Feuchtigkeit benetzen zu können, damit die bei der Verdunstung entstehende Kälte den Körper kühlen kann an heißen Tagen oder bei körperlicher Anstrengung (siehe Erbonkel-Folgen 78 und 128). Doch dafür muss die Aktivität der etwa zwei bis vier Millionen Schweißdrüsen in der Haut präzise geregelt werden.

Zuständig ist das vegetative Nervensystem. Bei Hitze, körperlicher Anstrengung und anderen Stresssituationen stimuliert es die Schweißproduktion – weshalb man bei Prüfungen selbst in klimatisierten Räumen ins Schwitzen gerät.

Close-up of a person using a folding fan

Schwitzen ist lebensnotwendig, gerade bei Hitze. Doch manchmal übertreibt es der Körper.

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Bei einem gewissen Teil der Hyperhidrose-Patienten funktioniert die Schweißregulation nicht mehr korrekt, weil die Nervenzellen zu sensibel reagieren und das Schwitzen bei geringstem oder ohne Anlass auslösen. Ein Forschungsteam der Johns Hopkins University in Baltimore fand jetzt eine Mutation im Gen SCN10A. Es enthält die Bauanleitung für ein Protein, das Natriumionen durch die Zellhülle der Nervenzellen schleust und so bestimmt, wann sie das Signal zur Schweißproduktion senden.

Bei der mutierten Variante passiert das ständig. Daher leiden die mehr als 180 Untersuchten aus 32 betroffenen Familien unter „exzessiver Schweißbildung“, schreiben die Forschenden im Fachblatt „Science Advances“.

Zwar tragen nicht alle Hyperhidrose-Patienten die Mutation, es wird also noch andere schweißtreibende Mutationen geben. Doch das Wissen um die SCN10A-Genvariante gibt Ärzten nun erstmals Hinweise, welche Therapieansätze das Schwitzen zügeln könnten. Und es erklärt, warum bei manchen Betroffenen Cannabispräparate, die das vegetative Nervensystem „chillen“ lassen, den Schweißfluss zügeln.

Ein Freibrief fürs Kiffen an heißen Tagen gegen normale, hitzebedingte Schweißausbrüche ist das jedoch ausdrücklich nicht. Vielmehr sollten wir, die wir nur an ein paar Tagen im Jahr mal ins Schwitzen geraten, auf jene zugehen, die tagein, tagaus mit ihrem Schweiß leben müssen – und ihnen die Hand schütteln, auch wenn sie feucht sein sollte.

Der „Erbonkel“ – Geschichten rund um Gene, jedes Wochenende.