"Zeit" treibt Block-Prozess auf die Spitze


Das sei ein „Angriff auf die Pressefreiheit“, sagen die Chefredakteure der „Zeit“, Giovanni di Lorenzo und Jochen Wegner. Journalistengewerkschaften und „Reporter ohne Grenzen“ stoßen ins gleiche Horn. Und auf den ersten Blick scheinen sie recht zu haben: Die Große Strafkammer des Landgerichts Hamburg hat die Tonaufnahmen des „Zeit“-Podcasts „House of Block“ beschlagnahmt. Sie drohte mit einer Durchsuchung der Redaktion; die für den Podcast verantwortliche Journalistin Anne Kunze gab die Aufnahmen jedoch freiwillig heraus – unter Protest und „versiegelt“ (was immer das heißen mag). Die „Zeit“-Chefs kündigten an, sich „mit allen rechtlichen Mitteln zur Wehr“ zu setzen, denn hier gehe es um den „Quellenschutz, der für unabhängig berichtende Medien entscheidend ist“.

Um den geht es in der Tat. Es geht um den Schutz der Quelle selbst und um den Schutz der Arbeit der Presse, um die Pressefreiheit nach Artikel 5 des Grundgesetzes, um das in der Strafprozessordnung vorgesehene Zeugnisverweigerungsrecht und um das Verbot, journalistische Unterlagen zu beschlagnahmen. Demzufolge sieht das Vorgehen des Landgerichts Hamburg, das sich mit der Beschlagnahme nicht leichtgetan haben dürfte, auf den ersten Blick sehr übergriffig aus.

Das Gericht muss alle Beweise würdigen

Das aber ist es auf den zweiten Blick nicht. Denn wenn eine Hauptverhandlung läuft, ist das Gericht – wie zuvor die ermittelnde Staatsanwaltschaft – verpflichtet, sämtliche Beweise, die in dem Verfahren von Gewicht sein können, heranzuziehen. Da kommt die Kriminalreporterin Anne Kunze mit dem „Zeit Verbrechen“-Podcast „House of Block“ ins Spiel. Dieser ist nicht nur ein Beispiel dafür, wie massiv Medien auf den inzwischen 82 Verhandlungstage andauernden Prozess gegen Christina Block und sechs weitere Angeklagte wegen Kindesentführung Einfluss nehmen. Er zeigt die schiefe Bahn an, auf die der Journalismus mit dem Modeformat „True Crime“ geraten kann, insbesondere wenn es um noch laufende Ermittlungen oder Prozesse geht.

Denn im Podcast äußern sich die zur Zeit ihrer Entführung dreizehn Jahre alte Tochter der Familie, ihre ältere Schwester, ihr Vater, bei dem die Mädchen in Dänemark leben, und dessen neue Ehefrau. Sie sprachen mit der „Zeit“-Journalistin Kunze nur zwei Wochen nach der Entführung in der Silvesternacht 2023/24 in einem „Safe House“ in Dänemark. Schon 22 Stunden nach der Tat soll die Journalistin das Gesprächsangebot erhalten haben.

Mit der daraus resultierenden Geschichte kam der „Zeit“-Podcast indes erst vor ein paar Tagen heraus, als die Beweiserhebung in dem Mammutprozess kurz vor dem Abschluss stand. Da konnte das Gericht gar nicht anders, als auf die Tonaufnahmen Zugriff zu nehmen, die insgesamt 80 Stunden umfassen sollen.

So stellt die „Zeit“ das Verfahren auf den Kopf. Zu fragen ist auch, ob das Blatt mit dem Block-Podcast nicht gegen die Richtlinien des Pressekodex verstößt, der Zurückhaltung im Umgang mit Minderjährigen und insbesondere mit minderjährigen Verbrechensopfern verlangt. Wer hier im Brustton der Eindeutigkeit „Angriff auf die Pressefreiheit“ ruft, sollte darüber zumindest einmal nachdenken. „True Crime“ heiligt solche Mittel mitnichten.