„Bausünden“ und die Alte Post: „Man kann den Globus ja nicht abreißen“ – Diskussion über Leerstände und Kultur in Völklingen


„Bausünden“ und die Alte Post „Man kann den Globus ja nicht abreißen“ – Diskussion über Leerstände und Kultur in Völklingen

Völklingen · Mit Kultur Leerstände füllen? Und damit Völklingen und der Kultur-Szene helfen? Darüber wurde in der Völklinger Hütte diskutiert.

24.09.2026 , 08:00 Uhr

Die Diskussionsrunde in der Erzhalle der Völklinger Hütte, von links:  Ralf Beil, Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, Florentine-Amélie Rost von der HTW Saar, Erik Roskothen (SPD Völklingen) und Moderatorin Mirka Borchardt vom Netzwerk Freie Szene Saar.

Die Diskussionsrunde in der Erzhalle der Völklinger Hütte, von links: Ralf Beil, Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, Florentine-Amélie Rost von der HTW Saar, Erik Roskothen (SPD Völklingen) und Moderatorin Mirka Borchardt vom Netzwerk Freie Szene Saar.

Foto: Tobias Keßler

Offene Worte statt falscher Höflichkeit: Von „furchtbaren Bausünden“ ist bei der Diskussion in der Völklinger Erzhalle die Rede. Von einer „Katastrophe“, von „so gut wie keiner Gastronomie“ und davon, „dass man eigentlich nur weinen“ könne. Worum geht es? Anfangs um Leerstände und Kultur als Rettungsmöglichkeit im Allgemeinen; dann aber länger und im ganz Speziellen um Völklingen.

Dort läuft gerade das Freistil-Festival des Netzwerks Freie Szene Saar. Der Verein will Völklingen nicht schnöde nur als Veranstaltungsort nutzen und danach die Stadt wieder verlassen, sondern auf die Menschen in Völklingen zugehen, sich vernetzen und die Stadt dabei in gewissen Sinn auch erforschen: Die Veranstaltungsreihe „Stadtlabor“ sollte vor Start des eigentlichen Festivals in Gesprächen unter anderem erkunden, was in Völklingen kulturell möglich ist; während des Festivals läuft nun die Reihe „Kunst, Kultur & Kaltgetränk“, die „Feierabendgespräche über Demokratie, Stadt und Zusammenhalt“ anbieten will.

Die alte Post in Völklingen – ein guter Ort für ein Kulturzentrum?

Die alte Post in Völklingen – ein guter Ort für ein Kulturzentrum?

Foto: BeckerBredel

Am Dienstagabend hat man über das Thema „Leerstand mit Leben“ gesprochen. Leerstand gibt es in Völklingen an vielen Ecken, womit die Stadt im Saarland beileibe nicht allein ist. Was tun? Könnte man diese Leerstände nicht mit Kultur füllen, ob nun als Heimat für Veranstaltungen oder für die Kulturschaffenden selbst? Das fragt die Moderatorin Mirka Borchardt vom Netzwerk Freie Szene. Generell eine gute Idee, da ist man sich einig, aber kulturell sei Völklingen kein einfaches Pflaster. „Die Stadt hat sich nie über Kultur definiert“, sagt Ralf Beil, Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, „das ist nicht gewachsen, das ist nicht Teil der Völklinger DNA“. Die Hütte empfinde er „als Insel“, durch Bausünden abgetrennt von einer Innenstadt, die durch „nur ein Hotel und so gut wie keine Gastronomie“ auffalle.

Etwas diplomatischer beschreibt es Florentine-Amélie Rost. Die Architektin und Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (HTW) lebt erst seit einem Jahr im Saarland und gibt zu, in Völklingen erstmal „Orientierungsschwierigkeiten“ gehabt zu haben – es gebe die Hütte, ein paar Anlaufpunkte wie das Rathaus, aber sie haben sich in der Anlage der Stadt etwas „verloren“ gefühlt. Erik Roskothen von der Völklinger SPD will das nicht bestreiten, rät insgesamt aber zu Pragmatismus. Man müsse mit der Situation und den Bausünden vor Ort leben, sagt er, „aus heutiger Sicht alles eine Katastrophe“ - auch die Straßenüberführung und der Globus-Markt, die gemeinsam wie eine Grenze zwischen Innenstadt und Weltkulturerbe wirken. „Aber man muss realistisch bleiben: Man kann den Globus ja nicht abreißen oder die Straße umverlegen.“

 Die Post von außen.

Die Post von außen.

Foto: Marco Reuther

Was also tun? Beil plädiert für eine „Mischkultur“, etwa auf dem Parkplatz an der Saar vor den Meisterhäusern in Wehrden, der einen Fußweg über die Saar-Brücke von der Hütte entfernt ist; den könne man umwidmen, dort einen Flohmarkt veranstalten und mit einem Biergarten bewirtschaften. Beils Satz „Wir machen jetzt mal was gegen die Autos“, wird vom Publikum, knapp zwei Dutzend Menschen mittleren Alters, beklatscht.

Im Zentrum der Diskussion steht schnell die sogenannte Alte Post in der Markstraße 9, die seit 2025 leer steht. Sowohl die SPD Völklingen als auch das Netzwerk Freie Szene sehen in dem Gebäude die Chance eines Zentrums mit allerlei kultureller Bildung; Moderatorin Borchardt vom Netzwerk, das gerne Teil dieses Zentrums wäre, und Erik Roskothen von der SPD sind entsprechend Befürworter des Projekts – anders als Oberbürgermeister Stephan Tautz („Wir Bürger Völklingen“), der zur Diskussion eingeladen worden, aber verhindert sei, wie Borchardt sagt. Sie erwähnt aber seine Einwände – er halte Investitionen „in Bildung und Gesundheit“ für naheliegender und wichtiger.

Auch im späteren Publikumsgespräch ist man sich einig, dass die Sanierung und kulturelle Nutzung des Postgebäudes eine gute Idee sei. Doch das anschließende Publikumsgespräch macht noch einmal klar, dass es nicht leicht ist in Völklingen. Der Alte Bahnhof, der Gastronomie mit Konzerten und Veranstaltungen verbinden wollte, ist mit der Idee gescheitert und nun geschlossen. Eine Frau im Publikum verweist auch auf die finanzielle Lage der Stadt – sie habe selber einige Jahre als Gastronomin gearbeitet, „aber nie in Völklingen – wegen der Kaufkraft“. Ein Mann im Publikum, der ebenso generell ein Völklinger Stadtmuseum vermisst wie mehr Politikerinnen und Politiker bei der Diskussion am Dienstagabend, betont, dass Völklingen viel zu bieten habe. „Aber man braucht oft einen Impuls von außen, um das noch mal zu erkennen.“ Schwierigkeiten gebe es, aber man solle sich davon und von „negativer Energie“ nicht herunterziehen lassen.

Mirka Borchardt gibt zu, man habe als Netzwerk einige Schwierigkeiten gehabt, die Menschen in Völklingen zu erreichen. „Sie haben uns nicht gerade überrannt – man braucht einen sehr langen Atem.“ Am Abend der Diskussion ist auch der Völklinger Hauptausschuss zusammengekommen; dort hat die SPD noch einmal gefordert, zu prüfen, was die Sanierung der Post koste.